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06.05.2016

13:35 Uhr

Mein Handelsblatt

Beständig ist nur der Wandel

VonMichael Brackmann

Die erste Ausgabe des Handelsblatt wurde auf drei Schreibmaschinen geschrieben. 70 Jahre später erinnert sich unser Autor an eine aufregende Zeit – und blickt optimistisch in die Zukunft.

Auf der Titelseite der Zeitung leuchtete die Farbe Orange durch einen breiten Balken.

14. Mai 1971

Auf der Titelseite der Zeitung leuchtete die Farbe Orange durch einen breiten Balken.

DüsseldorfSchon der antike Philosoph Heraklit profitierte vom Fortschritt seiner Zeit. Souverän setzte er sich über herkömmliche Vorstellungen hinweg, durchdrang die Ordnung der Welt und musste seine Gedanken nicht mehr mühsam in Tontafeln ritzen, sondern konnte sie seit Kurzem flüssig auf Papyrus niederschreiben. Für antike Griechen war diese Innovation ähnlich epochal  wie für heutige Zeitgenossen der mediale Umbruch - Digitalisierung, Internet und Multimedia. Diese Revolution hat das Monopol des Papiers, Nachfolger des Papyrus, als Träger des geschriebenen Worts gebrochen. Heraklits 2.500 Jahre alte Erkenntnis wirkt aktueller denn je: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“

Das gilt auch für den Qualitätsjournalismus. Noch nie konnte er dank der Digitalisierung mit vergleichsweise geringen Produktionskosten so viele Menschen erreichen wie heute. Noch nie hatten aber auch die Leser so viele Möglichkeiten, ihrerseits Stellung zu journalistischen Inhalten zu nehmen. „Deshalb muss sich der Redakteur davon verabschieden, über dem Leser thronend seine  Botschaften zu verkünden“, sagt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.  Gerade wegen der anonymen Hetze in den sozialen Netzwerken ist für ihn die Zukunft des Qualitätsjournalismus interaktiv-demokratisch.

16. Mai 1956: Die ersten zehn Jahre des Handelsblatt

Begehrt

Acht Seiten Wirtschaftszeitung können ganz schön wichtig sein. Vor allem, wenn es einem Mangel abzuhelfen gilt, der in stillen Momenten nur schwer zu ertragen ist: dem Mangel an Toilettenpapier. Der ist 1946 allgegenwärtig - und er führt zu sanitär motiviertem Raub von allerlei Druckerzeugnissen.

Vertrieb

Damit in den Anfangsjahren die 10.000 frisch gedruckten Exemplare ihren Weg zum Leser ohne Schwund antreten können, setzt sich der Chef selbst ans Steuer seines Opels, „und wenn der mal wieder streikte, stand auch noch ein Pferd bereit, um die Zeitungen zum Düsseldorfer Hauptbahnhof zu bringen“.

Erscheinungsrythmus

Anfangs jeden Donnerstag. Erst seit 1959 erscheint das Handelsblatt börsentäglich.

Erster Lizenznehmer

Wie nervös die Besatzungsmacht die ersten Übungen der von den Nationalsozialisten befreiten Deutschen in Pressefreiheit beäugt, erlebt der erste Lizenznehmer Herbert Gross. Schon nach wenigen Monaten wird sein Name auf der Lizenz mit großen „X“ gelöscht. Wirtschaftsspionage, langjährige Mitarbeit beim Nazi-Blatt „Das Reich“ - und wohl auch seine Kritik an den Demontagen - wirft man ihm vor.

Zweiter Lizenznehmer

Es kommt der Mann mit dem alten Opel: Friedrich Vogel, geboren 1902, Doktor der Nationalökonomie. Bei den „Düsseldorfer Nachrichten“ hat Vogel fast 20 Jahre die Wirtschaftsberichterstattung geprägt, als er Mitte 1946 zunächst Chefredakteur und 1947 auch Herausgeber des Handelsblatts wird.

Titel

Der Titel lehnt sich an den Begriff „Handelsteil“ an: So überschrieben viele Blätter der Weimarer Republik ihre Wirtschaftsseiten.

Redaktion

Die Redaktion bestand aus sieben Journalisten, es gab einen Finanzchef, und zwei kümmerten sich um den Vertrieb.

Chefredaktion

Friedrich Vogel ist einer der wortmächtigsten Wirtschaftsjournalisten seiner Zeit. Er führt seine Redaktion auch wie ein Patriarch seiner Zeit - zuweilen gutmütig zwar, wenn er etwa zur Weihnachtszeit persönlich den Nikolaus gibt, aber auch ein äußerst knauseriger.

Bedeutung

Auch wenn die Auflage zunächst kaum 25.000 erreicht: Publizistisch macht sich das Handelsblatt in den 50er-Jahren unentbehrlich – vor allem wegen seiner Nähe zu Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.

Das Blatt und der Minister

Handelsblatt-Redakteur Wolfram Langer schreibt maßgeblich an Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“ mit und wechselt 1958 als Staatssekretär in dessen Ministerium.

Ein Reim auf Erhard

Beim ersten Bundespresseball 1951 reimen die HB-Redakteure den selbstbewussten Text für eine Anzeige im Almanach: „Was Erhard still am Busen hegt, wo Vater Staat die Hand drauflegt, das kannst du schon - dazu auf Spesen - im Handelsblatt von gestern lesen.“

Dennoch verlangen die neuen Techniken vom Journalisten nicht, technikbesessen zu sein. Der Journalist ist ja kein Ingenieur. Technik ist für ihn nur Mittel zum Zweck, Inhalte zu transportieren und Leser durch die Informationsflut zu navigieren. Nach wie vor kommt es  darauf an zu klären, wer was wann wo wie und warum entschieden beziehungsweise getan hat und welche Folgen das haben könnte. Nach wie vor müssen seriöse Medienhäuser auch auf dem Fundament eines Wertekanons stehen, um nicht dem flüchtigen Zeitgeist zu huldigen. Innovation braucht Tradition, Neuerung muss auf Erprobtem gründen.

Das Handelsblatt hat Heraklits Devise beherzigt, sich zu verändern, um zu bewahren, was es nicht verlieren will. In schnelllebigen Zeiten feiert das Handelsblatt jetzt auf dem hart umkämpften Markt der Wirtschaftspresse seinen 70. Geburtstag.  

Die erste Ausgabe vom 16. Mai 1946 war auf drei Schreibmaschinen geschrieben worden.  Unter widrigen Umständen: Das Besatzungsregime hatte zwar die Nazi-Diktatur abgelöst, nach wie vor aber herrschten materielle Not und Elend. Einen Zeitungsmarkt gab es nicht, Papier war knapp, die Zuteilung rationiert. In den oberen Etagen des kriegsbeschädigten Pressehauses am Düsseldorfer Martin-Luther-Platz residierte ein britischer Major – der Zensor der Militärregierung prüfte vor Erscheinen alle Texte darauf, ob sie gegen demokratische Grundsätze verstießen. Die Zensur endete erst im September 1949.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

06.05.2016, 13:47 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Josef Schmidt

06.05.2016, 13:48 Uhr

Beständig ist nur die Erkenntniss dass sich das Volk gegen die tendenziöse Berichterstattung immer mehr wehrt wenn man sich die Auflage von Bild, Spiegel und Co. anschaut. Sie werden bald ihren Pressemüll nur noch gratis ans Kanzleramt liefern können denn die Leute werden es nicht mal zum anzünden ihres Kamins oder Grills kaufen.

Frau Annette Bollmohr

06.05.2016, 13:53 Uhr

Richtig, beständig ist nur der Wandel. So gesehen, passt der Artikel „Die nächste soziale Revolution“, rechts oben auf Seite 11 der heutigen (06.05.16) HB-Printausgabe.

Aus besagtem Artikel hier das gewichtigste Argument „PRO bedingungsloses Grundeinkommen“:

„Guy Standing von der Universität London forscht seit Jahrzehnten über dieses Thema. Er hat Studien in Indien begleitet, bei denen 6.000 Menschen über Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen in bar bekamen. „Die Leute arbeiten mehr, nicht weniger, Kinderarbeit ging dagegen zurück“.

Das muss natürlich erstmal nochmal genau überprüft werden, aber:

Falls es sich so bestätigen sollte, dürfte es wohl das schlagendste Argument gegen die Befürchtung, dass eine Befreiung vom Zwang zur Arbeit von den Menschen als Freibrief zur Faulheit angesehen würde. Sondern dass diese Befreiung sich – ganz im Gegenteil – als ein sehr effektiver Impuls für die (nicht zuletzt wirtschaftliche) Weiterentwicklung der heutigen Gesellschaft erweisen könnte.

Und jetzt das Argument „contra bedingungsloses Grundeinkommen“ (bezogen auf die Abstimmung in der Schweiz):

„In einem hochentwickelten Industrieland wie der Schweiz hätte das Konzept indes pharaonische Kosten: Rund 200 Milliarden Franken im Jahr (…) Ohne massive Steuererhöhung würde es nicht gehen. Und die Folgen für die Wirtschaft wären kaum abzusehen.

Dazu nur soviel:

Was genau ist „Geld“? Und, weitaus interessantere Frage noch:

Ist es für die Menschen da, oder ist es umgekehrt?
Der letzte Absatz klingt reichlich zaghaft-resigniert:
„Die Initianten glauben auch nicht ernsthaft an einen Sieg. Sie sind schon sehr Spinnerei oder nicht, Dabei gehört das Thema – auch wenn es die meisten (noch) als „Spinnerei“ abtun, angesichts obiger Argmente dringend aus der Versenkung geholt (und an prominenterer Stelle diskutiert).

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