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19.06.2012

15:29 Uhr

99 Todesfälle

Tausende Opfer von Ärztepfusch

Entdeckt der Arzt den Krebs nicht oder lässt er kein Blutbild machen, können die Folgen tödlich sein. Immer mehr Patienten wenden sich mit Klagen über Behandlungsfehler an Gutachter. Tausendfach bekommen sie Recht.

Übersehene Laborbefunde, Verwechslung von Patientenakten, unnötig verordnete Medikamente - die Liste möglicher Behandlungsfehler ist lang. picture-alliance/ ZBdpa/picture alliance

Übersehene Laborbefunde, Verwechslung von Patientenakten, unnötig verordnete Medikamente - die Liste möglicher Behandlungsfehler ist lang.

BerlinDie Zahl offiziell registrierter Kunstfehler von Ärzten in Deutschland steigt: In 2287 Fällen kamen ärztliche Gutachterstellen im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass Behandlungen, Diagnosen oder die Patientenaufklärung fehlerhaft oder unzulänglich waren.

Das waren 88 Fälle mehr als 2010. Für 99 Patienten endete der Ärztepfusch tödlich. 721 Patienten erlitten Dauerschäden. Insgesamt erkannten die unabhängigen Gutachter in mehr als 1900 Fällen den Fehler als Ursache für einen Schaden an.

Diese Zahlen nennt die am Dienstag in Berlin veröffentlichte Erhebung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Sie bieten eine vergleichsweise schnelle, aber nicht die einzige Möglichkeit für betroffene Patienten, an Schadenersatz zu kommen.

Checkliste: So wehren sich Patienten gegen Ärztepfusch

Patiententagebuch führen

Wer seine Beobachtungen und Eindrücke während des Krankenhausaufenthalts oder der Therapie festhält, kann dies später als Beweismittel oder auch als Gedächtnisstütze nutzen. Tipps zum Führen solche Tagebücher gibt etwa Unfall-Opfer-Bayern e.V.

Arzt des Vertrauens aufsuchen

Dieser soll klären, ob er einen Fehler für möglich hält. Als Voraussetzungen für einen Behandlungsfehler gelten: eine körperliche Beeinträchtigung des Patienten, eine schuldhafte oder fahrlässige Pflichtverletzung des Arztes oder Heilpraktikers sowie ein Zusammenhang zwischen Schaden und Pflichtverletzung. Seine Sorgfaltspflicht verletzt der Arzt zum Beispiel, wenn er unzureichend über mögliche Risiken aufklärt, Medikamente falsch dosiert, Medikamente verwechselt oder eine Fehldiagnose stellt.

Beweise sichern

So schnell wie möglich sollten alle Beweise gesichert werden und umfassend Informationen sammeln. Denn es gilt verschiedene Verjährungsfristen zu beachten. So ist bei Behandlungsfehler von Ärzten und Heilpraktikern oft schon nach drei Jahren nichts mehr zu machen. Gezählt wird dabei von dem Zeitpunkt an, ab dem der Behandlungsfehler bekannt geworden ist.

Gedächtnisprotokoll erstellen

Wie dies aussehen könnte und was es enthalten sollte, hat hier die Krankenkasse Novitas in einem pdf-Dokument aufgezeigt.

Namen von Zeugen notieren

Das ist wichtig, um hinterher einen möglichen Behandlungsfehler zu beweisen. Denn Zimmernachbarn haben oft Gespräche mitbekommen oder den Ablauf eventuell verfolgt. „Notieren Sie: Namen und Anschriften von möglichen Zeugen (Partnerin, Partner, Verwandte oder Ähnliches), von behandelnden und von Ihnen aufgesuchten Ärzten, listen Sie die Behandlungs- und Untersuchungstermine auf“, raten die Betriebskrankenkassen.

Patientenunterlagen aus dem Krankenhaus anfordern

Ärztliche Aufzeichnungen dienen nicht allein dem Arzt als Gedächtnisstütze für die bisherigen Behandlungsergebnisse, erläutern Rechtsanwälte. Mit den Aufzeichnungen werde auch im Patienteninteresse der Umfang der Behandlung dokumentiert. Patienten hätten einen (rechtlich erzwingbaren) Anspruch auf Einsichtnahme in die über sie geführten Krankenunterlagen einschließlich Röntgenaufnahmen, EKG-Streifen, Laborbefunde und vieles mehr (vgl. BGH, Medizinrecht 1983, 62; ständige Rechtsprechung.).

Gespräch suchen

„Bei Verdacht auf einen Behandlungsfehler sollten Sie zuerst mit der Ärztin oder dem Arzt sprechen (am besten in Gegenwart von Zeugen)“, rät die Krankenkasse Barmer GEK. „Im Fall eines mangelhaften Zahnersatzes sprechen Sie bitte auch zuerst mit Ihrem Zahnarzt bzw. Ihrer Zahnärztin. Meist lassen sich die Probleme durch kostenfreie Nachbesserung schnell beseitigen.“

Die Krankenversicherung kontaktieren

Egal ob gesetzlich oder privat versichert – dies ist schon wegen der Übernahme möglicher Kosten sinnvoll. So stellt die AOK Plus fest: „Wer einen Behandlungsfehler vermutet, sollte zunächst seine Krankenkasse aufsuchen. Dort gibt es speziell geschulte Mitarbeiter.“ Man könne sich auch an die Verbraucherzentrale, Ärzte- und Zahnärztekammern oder an Selbsthilfeorganisationen wenden. „Bei Verdacht auf Behandlungsfehler können sich Versicherte bei den Kassen von einem Team aus Juristen, Medizinern und Sozialversicherungsexperten kostenfrei beraten lassen.“ Die Spezialisten informierten über außergerichtliche und rechtliche Möglichkeiten, forderten auf Wunsch der Versicherten Behandlungsunterlagen von Ärzten und Krankenhäusern an oder veranlassten medizinische Beurteilungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Interessante Hinweise liefert auch die KKH-Allianz.

Gutachten erstellen

Kostenlose Gutachten gibt es in der Regel über die Krankenkassen und  die Schlichtungsstellen der Landesärztekammern. Verbraucherschützer warnen allerdings, dass viele bei den Ärzten gestellten Gutachten nachteilig für Patienten ausgefallen seien. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) ermöglicht es, Behandlungsverläufe durch einen Gutachter beurteilen zu lassen. Außerdem sollen die Krankenkassen ihre Patienten unterstützen. Wenn der Patient einverstanden ist, können die Kassen auch Behandlungsunterlagen der Ärzte und Krankenhäuser anfordern. Und wenn sie einen Verdacht haben, gibt es sogar die Möglichkeit, dass sie eigene Gutachterdienste einschalten.

Einen Vergleich prüfen

Man kann sich mit der Versicherung des Arztes, Zahnarztes oder Krankenhauses auch ohne einen Prozess einigen. Viele Beispiele dafür hat die Rechtsanwältin Alexandra Hirsch gesammelt. Ein Vergleich spart eventuell Nerven, deshalb raten manche Experten dazu, dies ernsthaft zu erwägen.

Einen Fachanwalt für Medizinrecht einschalten

Das kann schon sinnvoll sein, um einen Vergleich zu erreichen, aber auch mit Blick auf eine spätere Klage. Anwälte findet man etwa über Anwalt.de

Klage vor Gericht erheben

Unzufriedenheit alleine genügt nicht für einen Prozess. Nicht jede erfolglose Behandlung begründet einen Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung (Schadenersatz oder Schmerzensgeld), rät das Internetportal FID-Gesundheitswissen. Pro Jahr registriere das Statistische Bundesamt rund 40.000 Meldungen über medizinische Behandlungsfehler. Aber nur in rund einem Viertel davon werde letztlich ein finanzieller Ausgleich gezahlt. 

Insgesamt beanstandeten schätzungsweise rund 40.000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung, sagte der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen, Andreas Crusius. Die Patienten wenden sich auch an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen oder ans Gericht. Dort dauern die Verfahren aber Jahre, die Gutachterstellen entscheiden dagegen im Schnitt in 13 Monaten.

Die Dunkelziffer bei Behandlungsfehlern ist hoch. Insgesamt sollen laut unterschiedlichen Schätzungen zehntausende Menschen jedes Jahr wegen Ärztefehlern allein in Deutschlands Kliniken sterben. Eine genaue Zahl kennt niemand.

Hüft- und Knieoperationen, Behandlungen wegen Armbrüchen und Brustkrebs zählen zu den häufigsten Eingriffen unter Pfuschverdacht bei den Gutachterstellen. Mehr als 3800 mal warfen Patienten 2011 ihren Ärzten vor, bei Operationen geschludert zu haben. „Dabei kommt es zu Komplikationen, dabei kommt es auch zu Infektionen“, sagte Crusius.

Hier könnte mehr für Patienten passieren

Leichte Fehler

Schön wäre es aus Verbrauchersicht, wenn der Arzt nicht nur bei groben Fehlern seine Unschuld beweisen müsste. Bei sogenannten „einfachen“ Behandlungsfehlern bleibt es jedoch dabei, dass der Patient den Behandlungsfehler sowie die Ursächlichkeit dieses Fehlers für eine Gesundheitsschädigung nachweisen muss. "Das ist ein Trostpflaster für Patienten", kritisieren die Grünen. Nach wie vor müssten Patienten bei fast allen Behandlungsfehlern den Nachweis führen, dass die Ärzte sie verursacht haben. Dies sei für Laien schwierig.

Fachchinesisch

Der Arzt könnte den Patienten in verständlicher Form schriftlich erläutern, was passiert ist. Wenn er das etwa bei einer Hüftoperation getan habe, könne man erst verstehen, was geschehen ist und ob eine Klage angebracht sei, glaubt die SPD. Das Fachchinesisch ist damit weiter erlaubt.

Entschädigungsfonds

Schadenersatz kann teuer werden. Wenn dafür und für Anwaltskosten ein Fonds aufkommt, würde dies Klagen erleichtern. Finanzieren könnten dies zum Beispiel die Krankenkassen. Ohne einen Entschädigungsfonds seien die Ärzte gezwungen, jeden Fehler zu verschweigen und abzustreiten, schon allein deshalb, weil ihre Versicherung es verlange, kritisiert die SPD.

Offizielle Datenbank

Wenn alle Fehler in einer Datenbank dokumentiert werden, erleichterte dies den Überblick, in welchen Bereichen es hakt und bei welchen Ärzten oder Krankenhäusern. Private Initiativen sammeln dagegen Fehler:

Sammelhaftung für Ärzte

Oft sind mehrere Ärzte für die Behandlung verantwortlich. Dann könnten diese auch alle in Haftung genommen werden bei Fehlern, wenn der Verantwortliche nicht klar auszumachen ist.

Viele der 99 Todesfälle gingen darauf zurück, dass es nach einer Klinik-OP zu einer Infektion mit Blutvergiftung kam, wie der Geschäftsführer der norddeutschen Schlichtungsstelle, Johann Neu erläuterte. Einen Arztfehler gibt es dabei etwa, wenn trotz Warnzeichen kein Blutbild gemacht wurde. Tödliche Fehler in der Praxis können laut Neu auch verschleppte Krebsdiagnosen sein.

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