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15.03.2016

18:32 Uhr

Abi-Krieg

Kölner Polizei in der Kritik

VonNoah Gottschalk

Eskalation in der Kölner Südstadt. In der vergangenen Nacht haben sich mehr als 200 Schüler bekriegt, mittlerweile eine traurige Tradition. Die Bilanz: zwei Schwerverletzte. War der Schutz der Polizei nicht ausreichend?

Die traurige Bilanz der vergangenen Nacht in Köln: zwei Schwerverletzte. dpa

Chaos am Humboldt-Gymnasium in Köln

Die traurige Bilanz der vergangenen Nacht in Köln: zwei Schwerverletzte.

KölnEs ist zehn Uhr morgens als einige der angehenden Abiturienten im Schulleiterzimmer sitzen. Sie feilen an einer Erklärung, „wir sind fassungslos“ wird die Überschrift lauten. Man wolle die Mottowoche abbrechen, alle Aktivitäten einstellen. Nur so könne Leib und Leben aller Schüler gesichert werden.

Denn in der vergangenen Nacht kam es zu massiven Ausschreitungen vor dem Kölner Humboldt-Gymnasium. Etwa 250 Schülerinnen und Schüler vieler verschiedener Schulen haben sich versammelt, sich bekriegt.

Was genau ist passiert in der vergangenen Nacht, über die ganz Deutschland spricht? Wie konnte es dazu kommen, dass zwei 18-Jährige schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten? Fragen, die dringend geklärt werden müssen. Die Polizei hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet.

Gegen 22 Uhr am Montagabend rücken Dutzende Schüler benachbarter Schulen an. „Die hatten Flaschen, Steine, Böller und Raketen dabei. Die sind dann auch durch die Gegend geflogen“, erzählt eine Schülerin, die wie andere Augenzeugen lieber anonym bleiben will. Einige aus der Masse seien in die Menge gerannt, hätten auf Leute eingetreten, so ein anderer Gymnasiast, der dabei war. Fünf Mannschaftswagen der Polizei hatten den Bereich vor der Schule bereits den ganzen Abend gesichert. Erst später stellten die Beamten fest, dass einige der Anwesenden Stichwaffen mit sich führten – auch Drogen hätten einige im Gepäck gehabt, so die Polizei.

Beispiele misslungener „Abi-Scherze“

Tradition

Vielerorts in Deutschland haben sogenannte Abi-Streiche Tradition - mit witzig gemeinten Aktionen verabschieden sich die Abiturienten dabei von ihren Mitschülern. Mitunter ufern die Abiturfeiern aber völlig aus und enden in Randale, Saufgelagen und üblen Scherzen. Einige Beispiele:

Quelle: dpa

Autocorso

Bei einem Abi-Scherz in der Bochumer Innenstadt halten rund 60 Schüler im März 2015 wahllos Autos an, „besetzen“ diese und lassen sich durch die Stadt kutschieren. Die Beamten schreiten hier genauso ein wie bei einer Aktion von Wittener Gymnasiasten unter dem Motto „Filmstars“: Dabei steigt ein als Gangster verkleideter Schüler aus einem Auto und richtet eine täuschend echte Waffe auf Passanten.

Massenhysterie

Ein Großeinsatz der Feuerwehr beendet im April 2014 eine Abi-Party in Hamburg. Dutzende jüngere Schüler haben zuvor über Vergiftungssymptome geklagt. Die bestätigen sich zwar nicht, die Ärzte diagnostizieren aber eine „kollektive Massenhysterie“.

Schaumparty

Nach einer misslungenen Feier mit Partyschaum müssen im Juni 2013 in Kronberg (Hessen) 200 Schüler mit Atembeschwerden und Brechreiz ins Krankenhaus. Wegen fahrlässiger Körperverletzung nimmt die Polizei Ermittlungen auf - der Schaum soll falsch angerührt gewesen sein.

Saufgelage

Eine Abi-Feier in Frankfurt am Main löst im März 2013 einen Großeinsatz von Polizei und Feuerwehr aus. In einem Park haben sich rund 1000 Jugendliche zum Teil so betrunken, dass sie notärztlich versorgt werden müssen. Sie hatten sich übers Internet verabredet.

Randale

Betrunkene Gäste einer Abi-Feier gehen im Juli 2010 in Sindelfingen (Baden-Württemberg) auf Polizisten los - die wehren sich mit Pfefferspray. Nachbarn haben sich zuvor über zu laute Musik beschwert.

Schlechter Scherz

Abiturienten aus der Nähe von Würzburg wollen nach bestandener Prüfung im Juni 2009 einen Film drehen und stürmen vermummt in eine Bank. Dann stellen sie eine Geiselnahme nach. Die Folge: ein Großeinsatz der Polizei.

„Dass die Lage aber so eskaliert, konnte niemand wissen. Für uns hatte die Trennung der rivalisierenden Gruppen oberste Priorität“, so Polizeisprecher Thomas Held. Doch der Einsatz steht in der Kritik: „Wir fühlten uns hilflos“, sagt eine weitere Augenzeugin am Tag danach. Die Polizei hätte im Vorhinein angekündigt „radikal durchzugreifen“, falls andere Dinge als Wasserbomben fliegen würden. „Aber nichts ist passiert, die Polizisten schienen überfordert.“ Gegen 23.30 Uhr hat die Polizei den Bereich geräumt, viel zu spät, finden die Schüler.

Thomas Held lässt sich die Kritik nicht gefallen: „Wir können nicht für jeden Abiturienten einen Beamten abstellen. Außerdem war es sehr dunkel und es handelte sich um eine große Masse von Personen. Da kann man nicht vorhersehen, dass Gegenstände geschmissen werden.“ Ein Beamter soll sich am Dienstagmorgen bei den Humboldt-Schülern für den Einsatz entschuldigt haben. Man habe zu spät eingegriffen. Der Polizeisprecher hält eine solche Entschuldigung für „nicht besonders realistisch“.

Dennoch wollen die Beamten reagieren. Die Polizei hat angekündigt, ihr Personal aufzustocken, man habe das Konzept überarbeitet, so Held im Gespräch mit dem Handelsblatt. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre scheint dieser Schritt längst überfällig. Denn immer wieder kam es im Bereich vor dem Humboldt-Gymnasium während der traditionellen Mottowoche zu Ausschreitungen. Bengalos wurden geschmissen, es gab Verletzte – auch auf der Seite der Polizei.

Auch in der Schule herrscht Betroffenheit nach den Ausschreitungen. Pressevertreter versammeln sich im Sekretariat und vor dem Schultor, wollen mit Abiturienten sprechen. Doch die wiegeln ab. Denn auch das Vertrauen zu den Journalisten haben sie verloren. Ein Fotograf habe so getan als sei er betrunken und die Schüler gezielt provoziert, um dann auf den Auslöser zu drücken.

Auch die Stadt Köln ist schockiert: „Wir verurteilen die Ausschreitungen von Abiturienten in Köln. Dies hat nichts mehr mit den üblichen Abiturstreichen zu tun. Die während der Schullaufbahn vermittelten Werte stehen in deutlichem Widerspruch zu diesen Straftaten“, betont die Leiterin der Schulabteilung, Gertrud Bergkemper-Marks. „Wir haben die Schulleitungen darin bestärkt, keine Toleranz zu zeigen und Strafanzeigen bei der Polizei zu stellen.“

Für die kommenden Tage soll jetzt erstmal Ruhe herrschen vor dem Gymnasium in der Domstadt. Die Abiturienten des Kölner Humboldt-Gymnasiums haben auch die anderen Schulen dazu aufgerufen, ihre Aktivitäten abzubrechen.

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