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15.07.2017

16:57 Uhr

Ägypten

Angreifer tötete wohl für den IS

In Ägypten kommt es immer wieder zu Anschlägen, diesmal trifft es einen bei Touristen beliebten Badeort am Roten Meer. Zwei Deutsche sterben. Sicherheitskreise vermuten eine Verbindung zum „Islamischen Staat“.

Messerattacke in Ägypten

Angreifer tötet zwei deutsche Touristinnen in Hurghada

Messerattacke in Ägypten: Angreifer tötet zwei deutsche Touristinnen in Hurghada

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HurghadaAm Tag nach dem tödlichen Angriff auf zwei deutsche Frauen in Hurghada ist das Leben am Strand des Hotels Zahabia zurück. Kinder mit Schwimmreifen freuen sich auf das türkisblaue Wasser, aus dem am Freitag ein Mann mit einem Messer stieg.

Mit welcher Motivation der festgenommene Mann - Berichten zufolge soll er 28 Jahre alt sein und aus Nordägypten stammen - die Tat beging, ist noch immer unklar. Doch die Informationen, die aus Sicherheitskreisen in Kairo verlauten, lassen befürchten: Der Messerstecher soll von der Terrormilz IS mit der Bluttat beauftragt worden sein. Der Täter habe mit den Extremisten über das Internet in Kontakt gestanden und von ihnen den Auftrag erhalten, Ausländer anzugreifen.

Das Berliner Außenministerium bestätigte den Tod zweier deutscher Frauen. Sie stammen aus Niedersachsen, wie das Innenministerium in Hannover mitteilte.

Das Auswärtige Amt geht von einem gezielten Angriff auf Touristen aus: „Nach allem, was wir wissen, sollte die Tat ausländische Touristen treffen - ein besonders hinterhältiger und verbrecherischer Akt, der uns traurig, bestürzt und wütend zurücklässt.“ Außenminister Sigmar Gabriel erklärte über Twitter: „Ich bin sehr bestürzt über dieses feige Verbrechen. Mein tiefes Beileid den Familien der Ermordeten.“

Entwicklung der deutsch-ägyptischen Beziehungen

Mubarak

Vor seinem Sturz im Februar 2011 ist der Langzeitmachthaber Husni Mubarak wegen seiner gemäßigten Außenpolitik und seiner Nahost-Vermittlerrolle für den Westen ein verlässlicher Partner. Dafür drücken die Verbündeten bei Menschenrechtsverletzungen oder manipulierten Wahlen ein Auge zu.

Mursi

Nach Mubaraks Absetzung gewinnen die Muslimbrüder die Wahlen. Um die Demokratiebewegung zu unterstützen, verspricht Deutschland einen Schuldenerlass von 240 Millionen Euro. Doch herrscht große Unsicherheit darüber, wie es unter dem islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi weitergeht. Investoren warten ab, Touristen bleiben fern, es gibt Unruhen. Das Land fällt in eine Wirtschaftskrise.
Bei Mursis Besuch Anfang 2013 in Berlin verlangt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Demokratie und Menschenrechte. Am Ende rückt Berlin vom versprochenen Schuldenerlass weitgehend ab. Der ägyptische Widerstand gegen Mursi wird so groß, dass ihn das Militär 2013 absetzt.

Al-Sisi

Seitdem steht Abdel Fattah al-Sisi an der Spitze des Landes und fährt einen harten Kurs gegen Islamisten und Kritiker. Der General i.R. sucht einen Schulterschluss mit den Golfstaaten. Zuletzt allerdings verschlechtern sich die Beziehungen etwa zu Saudi-Arabien. Unter Al-Sisi hat sich das Land nach Einschätzung der Stiftung Wissenschaft und Politik immer weiter destabilisiert. Die Arbeit politischer Stiftungen auch aus Deutschland ist einschränkt. Die Bundesregierung bescheinigt Kairo Defizite bei Menschenrechten.

Flüchtlinge

Ende 2016 sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums von den 26 830 Ägyptern in Deutschland 320 ausreisepflichtig ohne Duldung. 110 von ihnen verlassen Deutschland - entweder freiwillig oder per Abschiebung in die Heimat oder einen Drittstaat. Merkel zählt Ägypten zu den Mittelmeer-Anrainern, mit denen die EU Flüchtlingsabkommen anstreben sollte. Für solch einen Pakt plädiert im Herbst 2016 auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz - damals noch als EU-Parlamentspräsident.

Wirtschaft

Nach China ist Deutschland 2015 das Land, aus dem Ägypten die meisten Waren importiert - insbesondere Maschinen, Autos und Arzneimittel. Berlin erlaubte, dass 2016 Rüstungsgüter im Wert von 400 Millionen Euro an den Nil gehen. Das ägyptische Wirtschaftswachstum liegt Schätzungen zufolge 2017 bei gut vier Prozent - zu gering für ein Land mit hohem Bevölkerungswachstum. Ägypten steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise und muss die Arbeitslosigkeit (mehr als 12 Prozent) und die Preissteigerungen (im Januar fast 30 Prozent Jahresrate) in den Griff bekommen.

Es war etwa 13.00 Uhr, als Urlauberin Alice Matthiesen Schreie vom Strand gegenüber hörte. Männer auf einem Schiff hätten gebrüllt. „Der eine schlug mit einem weißen stockartigen Ding auf jemanden im Wasser ein“, schildert die Urlauberin im ägyptischen Badeort Hurghada ihre Eindrücke auf Facebook. Später bestätigt sie der Deutschen Presse-Agentur den Ablauf noch einmal. Matthiesen beobachtete offenbar das Ende der Gewalttat.

Wenige Minuten zuvor hatte ein Mann schwimmend Kurs auf den Hotelstrand genommen. Bei Temperaturen an die 40 Grad war er nur einer von vielen im Wasser. Doch als er den Strand betrat, wurde klar, dass der Schwimmer sich hier nicht entspannen wollte. „Dieser Typ ist rübergeschwommen und hat die zwei deutschen Frauen erstochen“, sagt ein Manager des Hotels Zahabia im Zentrum Hurghadas.

Nach seiner Tat sei der Messerstecher dann schwimmend geflohen, schildert Khaled Taha, der Leiter des Nachbarhotels El Palacio, in dem der Täter wenig später festgenommen wurde. Seine Sicherheitsleute hätten den Mann unschädlich gemacht und dann gefesselt. Taha glaubt nicht daran, dass es sich bei dem Täter um einen Extremisten handelt. „Es schien so, als sei der Typ geistig verwirrt gewesen.“ Auch im El Palacio habe er um sich gestochen, um Menschen zu verletzen.

Dabei halten viele Menschen in Hurghada auch eine Gewalttat aus persönlichen Gründen für möglich. Schließlich hatten einige Augenzeugen berichtet, der Messerstecher sei gezielt auf die beiden Frauen losgegangen. Andere berichten dagegen, er habe wahllos auf die Gäste des Strandes eingestochen.

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