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20.01.2015

10:34 Uhr

Amoklauf von Aurora

Kino-Amokläufer steht vor Gericht

Schuldfähig oder nicht? Auf diese Frage wird sich wohl das Verfahren gegen den mutmaßlichen Aurora-Amokläufer konzentrieren. Angehörige fürchten, dass der Mammut-Prozess das Trauma in der Gemeinschaft weiter aufreißt.

James Holmes (hier auf einer Aufnahme nach dem Attentat im Jahr 2012) soll 12 Menschen getötet und 58 weitere verletzt haben. Jetzt steht der mutmaßliche Amokläufer vor Gericht. ap

James Holmes (hier auf einer Aufnahme nach dem Attentat im Jahr 2012) soll 12 Menschen getötet und 58 weitere verletzt haben. Jetzt steht der mutmaßliche Amokläufer vor Gericht.

DenverAmokläufer überleben selten, meist töten sie sich nach ihren Taten selbst oder werden von der Polizei erschossen. Allein deshalb ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Kino-Mörder von Aurora im US-Staat Colorado eine echte Rarität. 27 Jahre ist der Beschuldigte James Holmes alt. Die Anklage: Bei einem schwer bewaffneten Überfall im Juli 2012 auf eine nächtliche Vorführung des neuesten „Batman“-Films soll der Student 12 Zuschauer getötet und 58 weitere verletzt haben – die meisten Opfer waren junge Leute. Der Prozess soll am Dienstag zunächst mit der Geschworenenauswahl beginnen.

Sollte Holmes für schuldig befunden werden, droht ihm die Todesstrafe. Doch bereits vor Prozessbeginn zeichnete sich ab: Das schwerste Stück Arbeit dürfte es werden, die Schuldfähigkeit des Angeklagten zu prüfen. Die Verteidigung plädiert auf Unzurechnungsfähigkeit. So habe sich Holmes vor seiner Tat einer Psychologin der Universität offenbart – diese habe die Universität über die Gefährlichkeit des jungen Mannes unterrichtet.

Für die Angehörigen ist das Verfahren äußerst schwierig. Megan Sullivan setzt sich manchmal in den Kinosessel, in dem ihr Bruder Alex erschossen wurde. Er feierte seinen 27. Geburtstag mit der „Batman“-Vorstellung. Monatelang werde die Gemeinschaft das Trauma des Amoklaufs wieder durchleben müssen, fürchtet die 28-Jährige.

Denn fest steht: Es dürfte ein Mammut-Prozess werden. Allein die Geschworenenauswahl ist ein umständlicher Prozess und dürfte Monate dauern. Hunderte geladene Bürger müssen zunächst Fragebogen ausfüllen. Die eigentliche Befragung der potenziellen Geschworenen soll etwa Mitte Februar beginnen. Die zwölf Geschworenen werden über das Schicksal des jungen Mannes zu entscheiden haben. Ein Urteil dürfte es kaum vor Jahresende geben.

Amokläufe in den USA seit April 2012

April 2012

Bei einem Amoklauf an einem Privatcollege im nordkalifornischen Oakland kommen sieben Menschen ums Leben. Ein 43 Jahre alter ehemaliger Schüler stellt sich der Polizei. Er sei auf eine Angestellte und frühere Mitschüler wütend gewesen, erklärt er.

Juli 2012

Während der Mitternachts-Preview eines „Batman“-Films schießt ein 24-Jähriger in einem Kino der Stadt Aurora bei Denver (Colorado) um sich und tötet zwölf Menschen. 70 werden verletzt. Der Beginn des Hauptverfahrens ist für Februar 2014 geplant, dem Schützen droht die Todesstrafe.

August 2012

Mit einer Kalaschnikow feuert ein 23 Jahre alter frustrierter Angestellter in einem Supermarkt bei New York um sich und erschießt zwei Kollegen. Danach tötet er sich selbst.

August 2012

Eine geplante Zwangsräumung in Texas führt zu einer Schießerei mit drei Toten und vier Verletzten. Ein 35-Jähriger hatte sich in seiner Wohnung verschanzt und das Feuer eröffnet, als ein Polizist ihm den Räumungsbefehl übergeben wollte.

August 2012

Ein Ex-Soldat erschießt sechs Menschen in einem Sikh-Tempel in Wisconsin. Der Täter aus der rechten Szene stirbt durch eine Polizeikugel. Möglicherweise wollte er die Terroranschläge vom 11. September 2001 rächen und hielt die Sikhs für Muslime.

Dezember 2012

Beim bis dahin schlimmsten Amoklauf an einer US-Schule kommen 27 Menschen ums Leben, darunter 20 Kinder. Der 20-jährige Schütze tötet sich nach dem Blutbad in der Grundschule in Newtown (Connecticut) selbst.

Dezember 2012

In Pennsylvania sterben bei einem Amoklauf vier Menschen, darunter der Schütze. Er erschießt in einer Kirche eine Frau, einen Mann in dessen Wohnung und später einen Autofahrer. Bei einer Verfolgungsjagd feuert er auf Polizisten, bevor er selbst tödlich getroffen wird.

April 2013

Mit einem Messer geht ein 21-Jähriger an einem College in Texas wahllos auf Mitstudenten los und verletzt 14 von ihnen. Die Polizei fasst ihn kurz nach der Tat. Nach Medienberichten hatte der Mann seit längerem Gewaltfantasien.

Juni 2013

Ein Mann schießt auf dem Campus des Santa Monica College um sich und tötet vier Menschen. Zuvor zwang der Mann eine Autofahrerin mit vorgehaltener Waffe, ihn zum Campus zu fahren. Polizisten erschießen den Mann in einer benachbarten Bücherei. Quelle: dpa

Die Tat hätte einem Horrorfilm entspringen können: Mit Gasmaske und Schutzweste drang der Täter in das Kino ein, warf Rauchbomben, versprühte Tränengas. Einige Kinobesucher glaubten zunächst, alles sei nur ein ganz besonderer Werbegag – bis die tödlichen Schüsse durch das Kino peitschten. Zehn Menschen starben noch im Kino – unter ihnen ein sechsjähriges Mädchen. „Unsere Gemeinschaft leidet immer noch“, sagt Tiina Marie Coon, deren Sohn Tanner den Amoklauf überlebte. Gemeinsam mit Megan Sullivan kämpft sie für ein dauerhaftes Andenken an die Opfer.

Medienberichten zufolge bot die Verteidigung bereits an, dass sich ihr Mandant schuldig bekennen könne – wenn die Staatsanwaltschaft im Gegenzug auf die Forderung nach der Todesstrafe verzichten würde. Doch aus einem solchen Deal wurde bisher nichts.

Die Staatsanwaltschaft will in dem Prozess betonen, dass Holmes seine Tat monatelang plante, sich ein Arsenal an Waffen sowie Tausende Schuss Munition zulegte und seine Wohnung mit mehreren Sprengfallen versah, die ganz offensichtlich für die Ermittler gedacht waren. Das lasse auf scharfen Verstand und Schuldfähigkeit schließen.

Die Verteidigung sieht das anders: Holmes habe den Amoklauf während einer besonders psychotischen Phase begangen. Medienberichten zufolge hatte sich der Täter der Polizei mit dem Hinweis ergeben, er sei der Bösewicht und Batman-Gegenspieler „Joker“.

Von

dpa

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