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22.01.2007

17:15 Uhr

An der südenglischen Küste

Plünderer greifen sich „Napoli“-Fracht

Die südenglische Küste hat sich für weniger gesetzestreue Zeitgenossen in ein Luxuskaufhaus ohne Kasse verwandelt: Dutzende Container, die der Frachter „Napoli“ im Orkan „Kyrill“ eingebüßt hatte, wurden an den Strand gespült und geplündert. Die Liste der entwendeten Frachtgüter ist exquisit.

Quelle: Reuters

Quelle: Reuters

HB NAPOLI. Hunderte von Plünderern brachten in der Nacht zum Montag sowie am Morgen - teils unter Beobachtung von Fernsehkameras - etliche BMW-Motorräder, Kartons mit teuren Weinen, Parfüme und andere Waren vom Strand an der Küste der Grafschaft Devon in Verstecke im Hinterland.

Die Polizei verstärkte ihre Patrouillen und warnte mit Lautsprecherdurchsagen und über die Medien vor diesen „modernen Strandpiraterie“. Mehr als 20 der nahezu 100 angeschwemmten Container der „Napoli“ seien aufgebrochen worden, sagte ein Polizeisprecher. „Den Leuten muss klar sein, dass dies kein frei verfügbares Strandgut ist. Wir werden gegen die Räuber vorgehen, sie riskieren alle, vor Gericht zu landen.“

Der örtliche Polizeichef Steve Speariett schätzte, dass „ungefähr 50 BMW-Motorräder vom Strand weggerollt wurden“. Zum Diebesgut hätten auch viele Kosmetikprodukte sowie Fahrzeug- und Maschinenersatzteile gehört. Die Plünderer brachten ihre Beute mindestens in einem Fall mit einem Traktor weg. Im Laufe des Vormittags wurden zusätzliche Polizeikräfte eingesetzt, um weitere Plünderungen zu verhindern.

Aus der „Napoli“ liefen bisher rund 200 Tonnen Öl in den Ärmelkanal. Das britische Verkehrsministerium erklärte, der Frachter habe insgesamt 3 000 Tonnen Diesel und Öl geladen. Man gehe jedoch davon aus, dass keine größeren Tanks aufbrechen würden, betonte ein Sprecher. Bergungsmannschaften bemühten sich am Sonntag vergeblich, das im Orkan „Kyrill“ beschädigte und von der Besatzung aufgegebene Schiff zu stabilisieren.

Der Frachter mit seinen 2 400 Containern liegt mit 30 Grad Schlagseite vor der südenglischen Küste in der Nähe von Sidmouth. Das Schiff drohte nach Angaben laut Küstenwache auseinander zu brechen. Wind in Orkanstärke behinderte die Arbeit der Bergungsmannschaften. Das Schiff hat einen Teil seiner Fracht verloren, darunter auch Gefahrgut. Mehr als 200 Container seien ins Meer gerutscht, bestätigte das Verkehrsministerium. Zwei davon enthielten nach Angaben der britischen Küstenwacht gefährliches Material, das Risiko für die Umwelt sei aber gering.

Die „MSC Napoli“ war am Donnerstag in Seenot geraten. Die 26-köpfige Besatzung konnte gerettet werden. Am Samstag wurde das Schiff in Küstennähe geschleppt und vor der Grafschaft Devon kontrolliert auf Grund gelassen. Der Frachter hatte nach französischen Angaben Güter im Umfang von 41 000 Tonnen geladen, darunter 1 700 Tonnen Gefahrgut.

Unterdessen wurde bekannt, dass der Frachter bereits vor fast sechs Jahren in einen schweren Unfall verwickelt war. Damals hieß er noch „CMA-CGM Normandie“ und lief in der Straße von Singapur auf Grund, wie die britische Inlandsnachrichtenagentur PA berichtete. Die Reparaturarbeiten an der Außenhülle und in anderen Bereichen des Schiffes dauerten vier Monate.

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