Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.03.2017

12:46 Uhr

Anschlag von London

Wenn tausend Worte mehr sagen als ein Bild

VonAlexander Möthe

Nach dem Anschlag von London kursiert im Netz das Bild einer Frau, die scheinbar teilnahmslos an den Opfern vorbeigeht. Nur: Das Foto ist eine Momentaufnahme, der Kontext konstruiert – und das Ziel ist Diffamierung.

Dieses Foto verbreitete sich in sozialen Netzwerken am Mittwoch. Verfremdungen vom Handelsblatt hinzugefügt.

Passantin in London

Dieses Foto verbreitete sich in sozialen Netzwerken am Mittwoch. Verfremdungen vom Handelsblatt hinzugefügt.

DüsseldorfBilder lügen nicht. Oder? Was auf einem Foto abgebildet ist, kann so stimmen, muss aber nicht. Denn unabhängig vom Motiv ist die Sichtweise des Betrachters entscheidend für die Wahrnehmung. Das kann wiederum vom Blickwinkel des Fotografen abhängen – aber auch daran liegen, dass eine Momentaufnahme aus dem Kontext gerissen wird.

Nach dem Terroranschlag von London kursiert in den sozialen Netzwerken eine solche Momentaufnahme. Was zu sehen ist? Eine dunkelhäutige Frau mit Kopftuch, ein Telefon in der Hand, die andere Hand an der eigenen Wange. Sie geht an einem der am Boden liegenden Opfers des Anschlags auf der Westminister Bridge vorbei. Das Opfer selbst wird von mehreren Passanten umringt, die erste Hilfe leisten.

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Tweets“, mit Zeilen wie diesen wird das Foto vor allem bei Twitter geteilt, auch im Forum 4Chan finden sich zahlreiche Beiträge. Zusätze: Hashtags wie „#SuicideoftheWest“, also „Selbstmord des Westens“. Gemeinsam ist den Beiträgen der wenigstens unterschwellige Vorwurf, die Frau gehe unbeteiligt an den Verletzten vorbei. Vielfach wird dieser Vorwurf auch konkret ausgesprochen, in den Kommentaren oft gefolgt von rassistischen Ressentiments und Beleidigungen – und entsprechender Gegenrede. Tenor: Eine eingewanderte Muslimin schert sich nicht um das englische Opfer.

Terror in der britischen Hauptstadt: London gibt sich kämpferisch

Terror in der britischen Hauptstadt

London gibt sich kämpferisch

Zwölf Jahre lang war London von größeren Anschlägen verschont geblieben. Doch die Signale, dass die Terrorgefahr steigt, häuften sich. Nun schlug ein Attentäter im Herzen der Hauptstadt zu. Eine Analyse.

Allein, was das Bild genau zeigt, bleibt ohne den Gesamtzusammenhang völlig unklar. Steht die Frau unter Schock? Ist sie Zeugin? Ist sie Parlamentsmitarbeiterin? Sieht sie, dass den Opfern bereits geholfen wird und informiert ihre Familie, dass es ihr gutgeht? Informiert sie sich über die Sicherheitslage? Spricht sie mit Rettungskräften? Ist sie auf dem Weg, um an anderer Stelle zu helfen? Oder geht sie tatsächlich ungerührt an einem Verletzten vorbei?

Viele offene Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Nicht anhand eines einzelnes Bildes, nicht ohne Zeugen, Videoaufnahmen. Und vor allem nicht, ohne die Frau selbst befragt zu haben. Denn auch was sie betrifft, sind alle Mutmaßungen genau das – Mutmaßungen. Der Schluss, dass sie Muslimin ist, ist angesichts des Kopftuchs durchaus zulässig. Doch ist sie in England geboren und aufgewachsen? Selbst, ob die Person am Boden Engländer, Einwanderer oder Tourist ist, geht nicht aus dem Bild hervor. Die englische Premierministerin Theresa May hatte am Donnerstag erklärt, dass sich unter den Opfern des Anschlags auch ein Deutscher, ein Franzose und ein Rumäne befinden.

+++ Anschlag in Großbritannien +++: Polizei identifiziert London-Attentäter als 52-jährigen Briten

+++ Anschlag in Großbritannien +++

Polizei identifiziert London-Attentäter als 52-jährigen Briten

Fünf Tote und rund 40 Verletzte – so lautet die Bilanz der Polizei nach dem Anschlag in London. Inzwischen wissen die Behörden auch mehr über den Täter. Der IS reklamiert die Tat für sich. Die Ereignisse im Newsblog.

Weitere Fotos des Tatorts zeigen, dass die Frau mit dem Kopftuch bei weitem nicht die einzige Passantin auf der Brücke ist. Gerade der Fußgängerverkehr geht weiter, auch die Menschen, die sich selbst in Gefahr befunden haben und nicht wissen, ob sie sich immer noch in Gefahr befinden – und der Bereich von Sicherheitskräften auch gesperrt und geräumt wird. Auf anderen Bildern helfen Menschen, auch jene, die vom Phänotyp oberflächlich dem arabischen Kulturraum zugeordnet werden könnten.

Die Beiträge sind im Netz inzwischen tausendfach völlig unreflektiert geteilt. Ein Paradebeispiel dafür, wie sich falsche, oder in diesem Fall: angebliche, Nachrichten verbreiten. Und wofür sie genutzt werden: Propaganda. Der Kontext um das Foto wird konstruiert, um ein strategisches Ziel zu erreichen. Da die Vorwürfe nach jetzigem Stand jeder Grundlage entbehren, kann dieses strategische Ziel nur Diffamierung lauten, das Schüren rassistischer Klischees und Vorbehalte. So wird eine Wahrheitsebene erzeugt, die eine theoretische Möglichkeit zeigt, aber durch keinerlei Fakten belegt ist.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frau Lana Ebsel

23.03.2017, 13:02 Uhr

Ich habe das Kopftuch auch gesehen. Sprichwörter sagen dennoch meist die Wahrheit.

Account gelöscht!

23.03.2017, 13:09 Uhr

Egal ob Opfer oder Frau mit Kopftuch....zur falschen Zeit am falschen Ort, würde ich mal sagen.

Herr Holger Narrog

23.03.2017, 14:55 Uhr

Ich hatte ein paar Jahre im Mittleren Osten gelebt. Die persönliche Hilfsbereitschaft ist in diesen Ländern in der Regel stärker ausgeprägt als in Mitteleuropa.

Beispielsweise überschlug sich in Ägypten auf der Autobahn ein Auto 200m vor mir. Als ich ausgestiegen war, waren bereits viele Helfende vor Ort. Einer lud den Verunfallten in sein Privatauto um diesen zum Spital zu bringen.

Grund ist auch das die Institutionen wie Rettungsdienste in diesen Ländern meist nur rudimentär funktionieren. Das Helfen ist im Islam Pflicht.

Der politische Hintergrund ist jedoch ein anderer. Bei Terror und Gewalt gegenüber Ungläubigen scheinen die wenigsten Muslime aktiv Partei für das Opfer (politisch korrekt, Erlebende) zu ergreifen. Ich habe z.B. nach den Terroranschlägen in Deutschland keine Traueradressen der grossen muslimischen Gemeinden in Deutschland bemerkt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×