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20.06.2013

21:08 Uhr

Arab Idol

Castingshow wird zur Hoffnung des Gazastreifens

Es ist ein modernes Märchen: Ein junger Palästinenser hat es aus einem armen Flüchtlingslager ins Finale des arabischen DSDS geschafft. Damit für ihn gestimmt werden kann, sollen die SMS-Preise in Gaza gesenkt werden.

Eine örtliche Bank hat die Plakate für Assaf bezahlt – um für ihn stimmen zu können, soll der Preis pro SMS gesenkt werden. Reuters

Eine örtliche Bank hat die Plakate für Assaf bezahlt – um für ihn stimmen zu können, soll der Preis pro SMS gesenkt werden.

Gaza/Tel AvivNein, es geht hier nicht mehr bloß um eine Casting-Show. Es geht um viel mehr, zumindest könnte man das meinen, wenn man die Bilder aus Palästina sieht. In den Straßen von Rammallah, im Gaza-Streifen und im ganzen Westjordanland hängen Plakate mit den Gesichtszügen von Mohammed Assaf. Er wird von seinen Landsleuten gefeiert. Denn der 23-Jährige hat es als erster Palästinenser ins Finale des Gesangswettbewerb „Arab Idol" geschafft. Die Show ist eine nahöstliche Version von „Deutschland sucht den Superstar“.

Die Geschichte vom früheren Hochzeitssänger klingt für manche wie ein modernes Märchen: Ein junger Mann mit guter Stimme und hübschem Äußeren wächst in einem der vielen ärmlichen Flüchtlingslager im Gazastreifen auf. Dass er singen kann, fällt früh auf und er darf als Kind bei Feiern und Hochzeiten auftreten.

Wegen Ausreiseschwierigkeiten an der streng bewachten Gaza-Grenze nach Ägypten kam Assaf viel zu spät zu der Aufnahmeprüfung des Gesangswettbewerbs in Kairo. Er musste über eine Hotelmauer klettern, weil das Eingangstor nach dem abgeschlossenen Registrationsprozess schon verschlossen war. Ein Freund aus Gaza trat Assaf schließlich seinen Platz ab, weil er ihm bessere Erfolgschancen einräumte.

Die deutschen Casting-Shows

Die Geschichte

Die Leuchttürme der meist privaten Sender sind „Das Supertalent“, „Deutschland sucht den Superstar“ (beides RTL), „Germany’s Next Top Model“ (Pro7). Am Anfang, etwa zur Jahrtausendwende, als das Format von den USA nach Deutschland kam, begann es „Popstars“ (erst RTLII, dann Pro7). Mehr als 20 Formate sind in den vergangenen Jahren allein in Deutschland über die Bildschirme geflimmert.

Die Sender

Castingshows bleiben das Steckenpferd der Privaten, obwohl auch die öffentlich-rechtlichen Sender versuchten, auf der Castingwelle mitzureiten. Shows wie „Musical Show Star“ oder „Die Stimme“ (beides ZDF) hatten nur mit mäßigem Erfolg. Fortsetzungen gab es nicht.

Skurrile Ableger

Dieser Boom treibt auch skurrile Blüten: Sogar der Sparten-Kanal Sport1 castet mithlfe von Ex-Big-Brother-Kandidaten, wenn auch weitgehend unbeachtet, inzwischen mit der der pornografisch angehauchten Show „Deutschland sucht das Sexy Sport Clips Model".

Das Schema

Ein Ende ist nicht in Sicht, die Sender produzieren munter Sendung um Sendung und die Zuschauer schalten ein. Daran ändert auch nicht, dass sich einige Castingshows ein „seriöseres“ Umgehen mit den Talenten auf die Fahnen geschrieben haben, wie etwa „X-Factor“ (Vox) oder das neue „The Voice of Germany“ (Pro7/Sat1). Wettkampf, Sieger, Verlierer – das Schema funktioniert weiterhin.

Was verdienen die Ex-Kandidaten?

Wie viel Geld die Sieger im Anschluss an die Show verdienen, ist unterschiedlich und hängt im Wesentlichen davon hab, ob die „Talente“ bei den Bohlen-Sendungen den Chefjuror für sich erwärmen konnten oder anderweitig Verträge abschließen können. Mundharmonika-Spieler Michael Hirte, der das Supertalent 2008 wurde, holte etwa fünffach Platin, musste von den Einnahmen allerdings gegen seinen Willen auch seinem Manager abgeben, wie das Kölner Gericht befand. Allein aus seinen Einnahmen im ersten Erfolgsjahr musste er seinen Manager zu 25 Prozent beteiligen: 88.000 Euro.

Im Halbfinale trat Assaf als einer von 27 Bewerbern aus allen Teilen der arabischen Welt an. Immer wieder begeisterte der junge Palästinenser die Jury mit seiner Stimme. Der libanesische Sänger Ragheb Alama bezeichnete ihn als „Rakete aus Gaza“. Auf die Frage nach seinem Ziel sagte Assaf während eines Fernsehinterviews aus dem Libanon: „Es ist mein Wunsch, ein arabisches Idol zu werden.“ Er sandte ein Küsschen an seine Fans im Gazastreifen und auf der ganzen Welt. „Ohne Euch wäre ich nie hier.“

Die Bedeutung von Arab Idol ist eine andere als die des deutschen Äquivalents. Dort läuft gerade erst die zweite Staffel der Sendung, aufgezeichnet wird in Beirut, gesendet in den gesamten arabischen Raum. Die Zuschauerzahlen sind ausgesprochen hoch. Vielleicht auch, weil viele Vertreter des Islams das Format geißeln: Die radikalislamische Hamas sieht darin einen Teil der Verwestlichung der arabischen Kultur. Besonders an den Liebesliedern stören sich die Religiösen, die angeblich traditionell-arabische Musik verdrängt.

Ebenfalls für Ärger sorgt die leichte Bekleidung von einigen weiblichen Teilnehmerinnen und die Tatsache, dass jemand wie ein Idol angebetet werden könnte, wie es der Titel andeutet – nur Gott sei eine solche Verehrung vorbehalten.

Im vergangenen Jahr hatte die Hamas den jungen Finalisten Assaf sogar festgenommen. Er sollte unterzeichnen, nicht mehr zu singen. Assaf weigerte sich. „Meine Nachricht an die Palästinenser ist, dass wir nicht nur schießen können. Wir können auch singen", sagte er dem Guardian.

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