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11.06.2014

12:12 Uhr

ARD, ZDF und RTL

Der Wettstreit der Unwetter-Sondersendungen

VonTimo Steppat

Die großen Sender zeigten am Abend Sondersendungen in Unwetter. Dabei reihten sich Privatfilmchen und Katastrophenbilder aneinander. Von guten Quoten, Handy-Videos und der verpassten Chance auf Einordnung.

Ein umgestürzter Baum auf dem Dach eines Autos: Katastrophenbilder und Videos dominierten die TV-Sondersendungen zum Unwetter in NRW. dpa

Ein umgestürzter Baum auf dem Dach eines Autos: Katastrophenbilder und Videos dominierten die TV-Sondersendungen zum Unwetter in NRW.

DüsseldorfBevor RTL zur Gewitterfront über Nordrhein-Westfalen überging, gab es erst einmal idyllischen Sonnenschein. „Zur Entspannung Bilder vom sommerlichsten Pfingstwochenende ever ever ever“, kommentierte Wetterexperte Christian Häckl in breitem Österreichisch die Bilder.

In der Sondersendung im Anschluss an RTL-Aktuell gab es dann die Schicksale der Gewitternacht zu sehen, gefolgt von unzähligen Bilder umgestürzter Bäume. Die Seifenoper „Alles was zählt“ musste aufgrund der „dramatischen Ereignisse“ entfallen, erklärte Moderator Peter Kloeppel den Fans der Sendung.

Schwierige Unwetterwarnungen

Kommunikation durch den DWD

Katastrophenschutz, Medien und Bürger sind Adressaten der Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Amtliche Warnungen, die in Deutschland allein Sache des DWD seien, gingen immer an das Technische Hilfswerk, Feuerwehr-Leitstellen, das Rote Kreuz und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sagte DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Außerdem seien alle Medien in Deutschland Empfänger der Warnungen

Unwetter-Newsletter

Zusätzlich erhielten rund 60 000 Empfänger die Warnungen per E-mail - diese Unwetter-Newsletter seien beispielsweise für interessierte Bürger gedacht. Seit 2011 informiere der DWD außerdem auf Facebook über drohende Gefahren - am Pfingstwochenende sei die Zahl der Facebook-Freunde um 4000 auf jetzt über 50 000 gestiegen. Im Internet bietet der DWD eine Warnseite.

Vier-Stufen-System

Gewarnt wird bis auf Landkreisebene vor gefährlichen Wettererscheinungen - etwa Hitze oder Sturm, Stark- oder Dauerregen, Schneefall, Schneeverwehungen, Glätte, Tauwetter, Nebel oder Frost. In vier Stufen wird auf Gefahren aufmerksam gemacht: Von der „Wetterwarnung“ (auf der Karte im Internet hellgelb) über die „Warnung vor markantem Wetter“ (orange) bis zur „Unwetterwarnung“ (rot) und „Warnung vor extremem Unwetter“ (dunkelviolett). Diese letzte Stufe werde nur etwa ein Dutzend Mal im Jahr ausgerufen, sagte Kirsche. Am Montagabend galt sie für Teile Nordrhein-Westfalens.

Schwierige Prognosen

In der Regel könne der DWD maximal zehn Stunden im Voraus warnen - bei kleinräumigen Gewittern aber manchmal erst 30 Minuten, bevor der erste Tropfen fällt, sagte Kirsche. Punktgenaue Gewitter-Prognosen gehören nach Aussagen der Meteorologen zu den schwierigsten Aufgaben.

Opfer sind nicht zu verhindern

Trotz ausführlicher Warnungen vor Unwettern sind aus der Sicht des DWD Opfer nicht zu verhindern. Und der volkswirtschaftliche Nutzen des Warnsystems sei schwierig zu beziffern, sagte Kirsche. „Das ist eine der schwierigsten Berechnungen überhaupt.“ Es sei unmöglich zu sagen, wie viele Menschen wegen der Warnung zu Hause geblieben sind.

Sechs Menschen starben Montagnacht in NRW, 67 wurden verletzt. Auf den Straßen im bevölkerungsreichsten Bundesland kam es zu Staus von bis zu 30 Kilometern Länge. Busse, Straßenbahnen und Züge fuhren am Dienstag gar nicht oder nur stark eingeschränkt. Wie RTL zeigten auch ARD und ZDF Sondersendungen.

Der Kölner Sender RTL zog mit Kamerateams ins ganze Bundesland aus, um die Ausmaße der Schäden zu zeigen. Zu sehen gab es: große abgerissene Äste, dicke umgestürzte Bäume und zerdötschte Autos. Viele Straßen in Düsseldorf, Köln und im Ruhrgebiet waren „am Tag danach“ nicht passierbar.

Bei Windstärken bis zu 130 Kilometern pro Stunde kippten Bäume auf Straßen und Häuser. Sechs Menschen suchten in einer Gartenlaube in Düsseldorf Unterschlupf vor der Gewitterfront. Drei von ihnen starben, als ein Baum auf die Hütte stürzte. Ein elfjähriges Mädchen hatte den Polizeieinsatz mit dem Handy gefilmt. RTL zeigte das Wackelvideo: eine verregnete Straße, Feuerwehrautos und Rettungswagen mit Blaulicht.

In Mülheim kippten gleich zwei Bäume auf ein Wohnhaus. Verletzte gab es keine, die Familie konnte sogar noch im Haus übernachten. Hausbesitzer Georg Schroer gab sich bei der RTL-Liveschalte vergleichsweise gelassen. Er hoffe lediglich, dass die Versicherung den Schaden übernehme.

Video

Wer zahlt bei Unwetterschäden?

Video: Wer zahlt bei Unwetterschäden?

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„Das ist ja hier ziemlich eindeutig“, sagte der Eigentümer mit Blick aufs zerstörte Dach. Andere Passanten, die RTL in Ruhrgebiet und Rheinland befragte, zeigten sich entsetzt vom Unwetter: „So was habe ich hier noch nie gesehen“, sagte ein Mann schockiert. Eine ältere Frau meinte: „Das sind Bilder wie im Krieg.“

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

11.06.2014, 09:05 Uhr

Zum Streit zwischen den Klimawandel-Skeptikern und den anderen hätte ich folgende Anmerkung:
Sachkundeunterricht, 3. Schuljahr:
Frage: Wie entsteht Wind? Antwort: Wenn sich Luftmassen in Bewegung setzen.
Frage: Wann tun sie das? Antwort: Wenn es einen Temperaturunterschied gibt zwischen Luft und Erdoberfläche.
Zu den Stichwörtern Wärme und Erwärmung:
Wärme ist Energie (je mehr, desto mehr; hoffe jedenfalls, dass ich das so richtig in Erinnerung habe).
Hat jetzt noch jemand Fragen dazu, warum tendenziell offensichtlich
1. Stürme immer heftiger werden, und
2. Niederschläge immer punktueller auftreten, d.h., vereinfacht gesagt: Der Regen immer öf-ter an einigen Stellen im Übermaß herunter kommt (Überflutungen, Erdrutsche) und dafür an anderen lange Zeit gleich ganz ausbleibt (schwere Dürren, Waldbrände)?
3. Extreme Wetterlagen (Kälte-/Hitzewellen) immer häufiger vorkommen?
Was ist daran bloß so furchtbar schwer zu verstehen??!
Bin ich wirklich ein allzu schlichtes Gemüt?
Kann es vielleicht auch sein, dass viel zu viele es vorziehen, ganz natürliche Prozesse, die ihnen nicht in den Kram passen (und von denen wir hier im „Westen“ – nach dem Verursacherprinzip zu urteilen, muss man sowohl leider als auch unverschämterweise sagen – bislang bei Weitem nicht so hart getroffen werden wie andere, viel ärmere Regionen (was bei uns, sofern wir persönlich nicht allzu hart betroffen sind, eine fast willkommene Abwechslung und gleichzeitig für viele Medien Anlass ist, sich gegenseitig beim „Quotemachen“ mit Sensationsberichten zu übertrumpfen, raubt anderen schlicht die Lebensgrundlage, oder gleich das Leben bzw. das Angehöriger) zu einer Art sagenumwobener Geheimwissenschaft umzudeuten, um sich nicht eingehender damit befassen zu müssen??!

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11.06.2014, 09:30 Uhr

@Nettie
Oh je, was sind WIR hier so schlechte Menschen, woanders sind nur gute Menschen.
Seit der Deutschen Romantik haben deutsche Gutmenschen den Menschen, bes. den deutschen, als das Uebel aller ausgemacht.
Noch heute traeumen viele gerne vom "Guten Wilden", den hat es, gibt es und wird es nie geben.
Wollen Sie evtl. den naturvernichtenden Menschen abschaffen? Oder gehoert der Mensch zur Natur? Das weiss man bis heute noch nicht. Vor lauter UMWELT wird vergessen, dass es auch noch eine WELT gibt.

Account gelöscht!

11.06.2014, 10:57 Uhr

@adelheid:
Danke für's charmante Kompliment ("Gutmensch").
Wusste gar nicht, dass man meinen Text auch so auffassen kann. War gar nicht speziell auf die Deutschen gemünzt (eher auf die "entwickelten" Staaten im Allgemeinen).
Dass es eine Welt ohne Umwelt gibt, wusste ich übrigens auch noch nicht.
Schon mal was von selektiver Wahrnehmung gehört?

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