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03.06.2011

13:38 Uhr

Atomruine von Fukushima

Tepco fürchtet Überschwappen der Strahlenbrühe

Der japanische Energiekonzern Tepco sitzt mit der Atomruine von Fukushima auf mehr als 100.000 Tonnen verstrahlten Wassers. Das Fass nuklear verseuchter Brühe droht überzulaufen.

In riesigen Tanks will Tepco die radioaktive Brühe aus Fukushima sichern. Quelle: dpa

In riesigen Tanks will Tepco die radioaktive Brühe aus Fukushima sichern.

Tokio

Die Reparaturtrupps in der Atomruine von Fukushima kämpfen gegen zunehmende Mengen an verseuchtem Wasser. Im zerstörten Atomkraftwerk schwappen mehr als 100.000 Tonnen hochgradig radioaktiv verseuchtes Wasser. Das gab der Betreiber Tepco am Freitag bekannt. Der Konzern fürchtet angesichts der nahenden Regenzeit, dass die strahlende Brühe überlaufen könnte. Das würde die atomare Verseuchung erheblich steigern - der Angst vor der radioaktiven Wolke folgte die vor der nuklear verseuchten Welle.

Allein am Vortag war der Wasserstand im Turbinengebäude von Reaktor 2 innerhalb von 24 Stunden um sechs Zentimeter gestiegen Neben Millionen Litern Wasser, die die Reparaturtrupps im AKW zur Kühlung in die Reaktoren pumpten, haben auch starke Regenfälle bei einem Taifun das verseuchte Wasser in der japanischen Atomruine weiter steigen lassen.

Im Reaktor Eins sind laut Tepco 16.200 Tonnen, in Reaktor Zwei weitere 24.600 Tonnen, in Reaktor Drei rund 28.100 Tonnen und in Reaktor Vier 22.900 Tonnen strahlendes Wasser. Rund 13.300 Tonnen seien bereits in einen Auffangbehälter abgepumpt worden.

Was der Super-Gau bedeutet

Radioaktives Cäsium und Jod

Cäsium und Jod gibt es in der Natur und als Nebenprodukt aus der Kernspaltung. Natürliches Cäsium 133 ist ein goldglänzendes, sehr weiches Metall und kommt in winzigen Spuren in den Gesteinen der Erdkruste vor. Sein radioaktiver Verwandter, das gefährliche Cäsium 137, entsteht bei der Kernspaltung. Ein weiteres Spaltprodukt ist das ebenfalls gefährliche Jod 131.

Bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 waren große Mengen von beiden Stoffen entwichen. Cäsium 137 kann über die Abluft oder das Abwasser aus Atomanlagen gelangen und wird direkt oder über die Wurzeln von den grünen Teilen der Pflanzen aufgenommen. Über diesen Umweg kommt es auch in Milch, Fleisch und Fisch. Pilze waren nach der Katastrophe von Tschernobyl besonders belastet.

Hohe Konzentrationen von Cäsium 137 können Muskelgewebe und Nieren des Menschen schädigen. Es verteilt sich gleichmäßig im Körper, so dass seine Strahlung den ganzen Organismus trifft.

Cäsium 137 wird auch zur Strahlenbehandlung in der Krebstherapie, bei Materialprüfungen oder zum Betrieb von Atomuhren eingesetzt. Es zerfällt mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren - das ist die Zeitspanne, die vergeht, bis die Hälfte der Radioaktivität abgebaut ist.

Natürliches Jod ist sehr wichtig für den menschlichen Organismus. Vor allem Meerestiere und Fische enthalten viel Jod. Die Schilddrüse ist das Organ, das das natürliche Jod verarbeitet.

Bei der Kernspaltung im Atomreaktor oder bei der Kernwaffenexplosion entsteht das radioaktive Jod-Isotop 131. Dieser Stoff reichert sich, wenn er in die Umwelt gelangt und vom Menschen aufgenommen wird, in der Schilddrüse an.

Es handelt sich um eine sehr flüchtige Substanz, die rasch über weite Entfernungen in der Luft transportiert werden kann. So war in den ersten Wochen nach Tschernobyl Jod 131 die Hauptbelastungsquelle von Lebensmitteln. Es wird hauptsächlich mit Frischmilch aufgenommen.

 

INES-Skala

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat den Vorfall in dem japanischen Reaktor Fukushima am Samstag mit „4“ auf ihrer INES-Skala bewertet. Störfälle oder schwere Unfälle in kerntechnischen Anlagen werden mit Hilfe der internationalen Bewertungsskala INES eingestuft. Das liegt derzeit deutlich unter dem Tschernobyl-Unglück (7) und auch noch unter dem Zwischenfall von 1979 auf Three Mile Island (5) in den USA.

INES steht für International Nuclear Event Scale. Die Stufen der Skala reichen von 0 bis sieben und wurden Anfang der 90er Jahre erstmals angewendet. Sie sollen der Öffentlichkeit eine Orientierung zur Bedeutung eines Zwischenfalls geben. Man kann sie analog zur Richter-Skala bei Erdbeben verstehen.

Bei der Einstufung werden drei Aspekte berücksichtigt: Radiologische Auswirkungen außerhalb der Anlage, innerhalb der Anlage und Beeinträchtigungen der Sicherheitsvorkehrungen. Die erste Einstufung auf der Skala nimmt der Anlagenbetreiber vor, diese wird dann von einem IAEA-Beamten überprüft.

Vorfälle an deutschen AKW hatten in den vergangenen Jahren immer die Stufe 0. Das galt etwa auch für den Brand eines Trafo des AKW Krümmel, bei dem Rauch in die Schaltwarte geriet. INES 0 bedeutet: „Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung“. In diese Kategorie fällt etwa auch ein Loch im Kühlsystem.

Als Störung wertet die Skala INES 1, als Störfall „2“ und „3“. Zwischen „4“ und „6“ wird von einem Unfall gesprochen. Bei „4“, der Einstufung von Fukushima, ist die Rede von geringen Freisetzungen von Strahlung, aber auch von tödlichen Strahlen für das Reaktorpersonal. Bei „6“ ist der volle Einsatz des Katastrophenschutzes erforderlich. Die Stufe „7“ gilt als „katastrophaler Unfall“ und wurde bislang nur bei Tschernobyl verhängt.

Kritisiert wird an der Skala gerade von Atomkraftgegnern, dass Zwischenfälle erst spät überhaupt auf der Skala über „0“ auftauchen.

Kernschmelze

Wenn die Kühlung im Reaktor ausfällt, kann es zur Kernschmelze kommen. Das heißt: Die Brennstäbe - in denen sich der radioaktive Brennstoff befindet - erhitzen sich so stark, dass sie ihre Form verlieren. Die Schmelzmasse kann sich bei weiterer Erhitzung durch die Stahlwände des Reaktorbehälters fressen. Damit wird eine große Menge Radioaktivität im Schutzgebäude freigesetzt. Im schlimmsten Fall bahnen sich die Reste des geschmolzenen Kerns ihren Weg nach außen - radioaktive Stoffe gelangen in die Umwelt.

Plutonium

Das radioaktive und hochgiftige Schwermetall Plutonium wird zusammen mit Uran in Atomreaktoren als Brennstoff eingesetzt. Während Uran in Bergwerken abgebaut wird, kommt Plutonium in der Natur nur in Spuren vor. Es entsteht aber in jedem Atomreaktor und auch bei Atomwaffentests als „Nebenprodukt“ der Spaltung von Uran-Atomen. Brisant ist Plutonium vor allem, weil wenige Kilogramm zum Bau einer Atombombe genügen.

Das 1941 entdeckte Schwermetall hat eine Halbwertzeit von 24 000 Jahren. Das heißt, nach dieser Zeit ist erst die Hälfte der Radioaktivität abgeklungen. Falls der Stoff in die Lunge gerät können schon winzige Mengen Krebs verursachen. Dringt Plutonium in Wunden ein, verbindet es sich mit Eiweißen des Blutplasmas und lagert sich in Leber und Knochenmark ab. Dort kann Plutonium Leukämie auslösen.

Sogenannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) bestehen aus Uran und Plutonium. Sie werden aus Atommüll gewonnen. Bei ihrer Herstellung wird in Wiederaufarbeitungsanlagen aus abgebrannten Brennelementen Plutonium und noch verwertbares Uran herausgetrennt. Anschließend werden in einer gesonderten Anlage neue Brennstäbe angefertigt.

Radioaktivität

Radioaktivität ist die Eigenschaft mancher Stoffe (Radionuklide), sich unter Freisetzung von Energie spontan in andere Atomkerne umzuwandeln. Diese Energie wird in Form von Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung abgegeben. Radioaktive Stoffe kommen in geringen Konzentrationen in der Natur vor, sie sind aber auch Produkt von Kernumwandlungen in Kernreaktoren. Radioaktivität (von lateinisch radius, Strahl) kann man nicht schmecken, fühlen, sehen oder riechen, wohl aber messen. Radioaktive Strahlung kann äußerst gefährlich sein und Schäden am Erbgut und damit Krebs auslösen.

Strahlenkrankheit

Radioaktive Strahlen können Körperzellen zerstören und tödlich sein. Die Schäden hängen von der Dauer, Art und Stärke der Strahlung ab. Experten unterscheiden zwischen akuten Strahlenschäden und Spätfolgen. Bereits niedrig dosierte Strahlen können das Erbgut verändern und damit langfristig Krebs auslösen, etwa Leukämie und Schilddrüsenkrebs. Hohe Strahlendosen führen zu Fieber, Übelkeit, Verbrennungen von Haut und Mundraum, Haarausfall, inneren Blutungen und schlimmstenfalls zum Tod.

GAU oder Super-GAU?

Unter dem Begriff GAU - größter anzunehmender Unfall - versteht man den schwersten Störfall in einem Atomkraftwerk, für den die Sicherheitssysteme ausgelegt sind. Die Umwelt wird dabei nicht über die Grenzwerte hinaus mit Strahlen belastet. Ein Super-GAU dagegen ist es, wenn der Störfall nicht mehr beherrschbar ist, es zu einer Kernschmelze - Schmelzen des Reaktorkerns - oder einem Bersten des Reaktordruckbehälters kommt. Auch Sabotage, Erdbeben, oder Flugzeugabstürze können einen Super-GAU verursachen.
Ein Super-GAU ereignete sich zum Beispiel im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl, wo es im April 1986 zu einer Kernschmelze kam. Der radioaktive Niederschlag ging damals auch in Deutschland
nieder.

Siedewasserreaktor

Die nun schwer beschädigte Atomanlage im japanischen Fukushima arbeitet mit Siedewasserreaktoren. Bei diesem Reaktortyp sind die radioaktiven Brennstäbe im Reaktordruckbehälter permanent von Wasser umgeben. Es kühlt und verlangsamt die bei der Kernspaltung freigesetzten Teilchen, um weitere Kernspaltungen zu ermöglichen.

Im Druckbehälter wird der obere Teil des Wassers durch die Wärme der Brennstäbe zum Sieden gebracht. Der entstehende Dampf wird über Rohre auf Turbinen geleitet, die Strom erzeugende Generatoren antreiben. Der Dampf wird dann abgekühlt und kondensiert. Das so zurück gewonnene Wasser gelangt erneut in den Reaktor-Kreislauf. Da der Wasser-Dampf-Kreislauf im Turbinengebäude direkt mit dem Reaktor verbunden ist, kann bei Lecks leichter Radioaktivität entweichen. In Fukushima ist durch einen kompletten Stromausfall - auch der Notstromaggregate - das gesamte System und damit auch die existenziell nötige Brennelemente-Kühlung zusammengebrochen.

In Deutschland gibt es überwiegend Druckwasserreaktoren, die mit zwei voneinander getrennten Kühlkreisläufen arbeiten. Aber es gibt auch sechs Siedewasserreaktoren: Brunsbüttel, Krümmel, Philippsburg I, Isar I sowie Gundremmingen B und C. Druckwasser- und Siedewasserreaktoren sind zwei Bauarten von Leichtwasserreaktoren. Sie arbeiten mit gewöhnlichem, „leichtem“ Wasser.

 

Die insgesamt 105.100 Tonnen Wasser hätten eine Radioaktivität von geschätzt 720.000 Terabecquerel. Das entspricht dem Dreimillionenfachen der im Jahr erlaubten Menge.

Am 15. Juni will Tepco ein Wasserreinigungssystem in Betrieb nehmen, mit dem täglich 1200 Tonnen gefiltert werden können. Zudem soll Mitte August ein zusätzlicher Auffangtank installiert werden, in den rund 100.000 Tonnen hochgradig verseuchtes Wasser passen.

Von

dpa

Kommentare (1)

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AndreAdrian

03.06.2011, 22:33 Uhr

Wann ist Tepco pleite?

Die schlechten Nachrichten von Tepco reissen nicht ab. Wann ist Tepco pleite? Und was passiert dann? Der Staat darf es dann richten, gemäß der Devise: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und wahrscheinlich wird nach der Tepco-Pleite erst einmal tagelange nichts gemacht an der Fukushima-Baustelle. Das Nichts-tun dürfte die Situation noch verschlimmern.
Übrigens: Die deutsche Alternative zu Fukushima ist ein Jumbo Jet der absichtlich oder unabsichtlich in eine AKW Kuppel fliegt. Aber die E.on und RWE Chefs wissen ja: auch in Deutschland wird der Staat die AKW-Sauerei richten. Und weil es so schön ist wird der Staat auf hypothetisch entgangene Gewinne verklagt. Ein bitteschön, dann soll der Staat doch die AKW-Gewinnler auch mal für die Atommüll-Transporte, für den Objektschutz durch Polizei und für das Endlager mal ordentlich zur Kasse bitten. Wir leben immerhin im Kapitalismus. Bei genauer Betrachtung sind die hypothetischen Gewinne nur Makulatur.

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