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22.07.2013

14:36 Uhr

Attentat in Oslo

„Niemand schießt Norwegen zum Schweigen“

VonHelmut Steuer

Die Anschläge sind unvergessen: Vor zwei Jahren erschoss Anders Behring Breivik wahllos 69 Jugendliche auf Utøya, in Oslo starben acht Personen. Langfristig hat die norwegische Gesellschaft wohl aber nicht hinzugelernt.

Das Gedenken hielt die norwegische Gesellschaft nur vorübergehend zusammen. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme am 26. Juli 2011 sind die Norweger noch fest entschlossen, sich als offene Nation zu zeigen, der Angst keine Chance zu lassen. Zwei Jahre später herrscht teils Gleichgültigkeit. dpa

Das Gedenken hielt die norwegische Gesellschaft nur vorübergehend zusammen. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme am 26. Juli 2011 sind die Norweger noch fest entschlossen, sich als offene Nation zu zeigen, der Angst keine Chance zu lassen. Zwei Jahre später herrscht teils Gleichgültigkeit.

OsloBeklemmung, Fassungslosigkeit und Schock. Nur wenige Ereignisse haben sich bei mir als Nordeuropa-Korrespondent so in der Erinnerung festgesetzt wie das, was an jenem Freitag im Juli 2011 in der norwegischen Hauptstadt Oslo und auf der rund 40 Kilometer entfernten Insel Utøya geschah. Sicher, die Ermordung von Schwedens Ministerpräsidenten Olof Palme und das tödliche Attentat auf die schwedische Außenministerin Anna Lindh gehören zu den Ereignissen im hohen Norden Europas, die ebenfalls so gar nicht in die Pippi Langstrumpf-Idylle passten.

Doch dieser Freitag im Juli vor zwei Jahren war anders. Auch, weil noch bis in den späten Abend hinein alle davon ausgegangen waren, dass die Wahnsinnstat des Anders Behring Breivik genau zwei Menschenleben gekostet hatte. Das böse Erwachen folgte am nächsten Morgen: In der Nacht war klar geworden, dass der Norweger nicht nur eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel hatte detonieren lassen, sondern kurz darauf auf der Ferieninsel Utøya ein regelrechtes Massaker angerichtet hatte.

Hier, eine knappe Autostunde von Oslo entfernt, hatte Breivik offenbar wahllos Jagd auf die zumeist jugendlichen Teilnehmer eines Ferienlagers der norwegischen Sozialdemokraten gemacht. Grausames Fazit am Samstag morgen: 77 Tote, 69 auf Utøya, acht im Regierungsviertel.

Die Person Breivik

Stimmen zur Person

Durchschnittlich wäre wohl ein Attribut, auf das sich diejenigen einigen könnten, die den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik früher kannten. „Durchschnittstyp“ nannte ihn einer seiner ehemaligen Nachbarn. Sein eigener Vater beschrieb ihn als „gewöhnlichen Jungen“, der nicht gerade gesprächig gewesen sei. Breivik selbst bezeichnete sich vor Gericht gar als „sehr liebenswerte Person unter normalen Umständen“. Dass es für ihn nie wieder „normale Umstände“ geben kann, dafür sorgte er am 22. Juli2011 selbst - als er in Oslo und auf der Insel Utöya blindwütig 77 Menschen tötete.

Psychologisches Profil

Norwegische Medien förderten den Bericht eines Psychologen zutage, der ein Bild des gerade Vierjährigen zeichnete, das irritiert. Der Junge ziehe sich zurück, sei „irgendwie ängstlich“ und „passiv“. Schaudern macht darin die Beschreibung seines Lächelns: Das was Menschen gemeinhin für andere sympathisch macht, wirke bei Breivik „nachgeahmt“ und „einschmeichelnd“. Auch während seiner Ausführungen während des Prozesses lächelte Breivik häufig und bezeichnete dies als „Schutzmechanismus“.

Die Kindheit

Die sogenannten „normalen Umstände“ prägten Breiviks Kindheit. Der 34-Jährige ist der Sohn eines Diplomaten und einer Krankenschwester, verbrachte eine Mittelklasse-Kindheit ohne finanzielle Probleme in einer offenen Gesellschaft, die vieles toleriert. Aufmerken lässt daher ein Satz Breiviks aus dem zehnwöchigen Prozess: Er habe „zu viel Freiheit gehabt“ als Kind.

Familiensituation

Der Psychologe empfahl, den Jungen in eine „stabile Pflegefamilie“ zu geben. Breiviks Eltern hatten sich getrennt, als er ein Jahr alt war. Als Breivik etwa 15 Jahre alt war, brach sein Vater den Kontakt zu ihm vollständig ab. Der Jugendliche war wegen Graffiti polizeilich aufgefallen und hörte damals viel Hip-Hop. Mit 18 verließ Breivik die Schule ohne Abschluss, möglich schien eine politische Laufbahn.

Parteieintritt

1999 schloss sich Breivik der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FrP) an. Die Partei passt wie Breivik eigentlich nicht ins Bild der norwegischen Konsensgesellschaft. Norwegen ist eines der reichsten Länder Welt, seine Ölvorkommen lassen niedrige Steuern und vielfältige Sozialleistungen zu. Ein Wohlfahrtstaat für alle könnte es sein, doch gerade das stört die Rechtspopulisten, die Neiddebatten anstießen und Ängste vor sozialem Abstieg schürten, um den übermächtigen Sozialdemokraten Stimmen abzujagen. Ganz oben auf der Liste der Hassobjekte der Partei: Fremde.

Abkapselung

Bis 2006 gehörte Breivik der Fortschrittspartei an. Schließlich waren ihm selbst die Rechtspopulisten noch zu offen für „multikulturelle Forderungen“ und die „selbstmörderischen Ideen des Humanismus“, wie er im Internet schrieb. Seinen Freunden zufolge ging Breivik in dieser Zeit den Weg in die völlige Abkapselung. Er wurde nach eigenen Worten zum „militanten Nationalisten“, der die „ethnischen Norweger“ schützen wollte. Scheinbare Durchschnittlichkeit machte er zu seiner Strategie, um seine Attentatspläne unerkannt voranzutreiben.

Feindbilder

Als einen der ärgsten Feinde der norwegischen Gesellschaft machte er in dieser Zeit den Islam aus. In seinem mehr als 1500 Seiten langen sogenannten Manifest, das er kurz vor seinen Anschlägen ins Internet stellte, brandmarkt er Islam, Multikulturalismus und Marxismus. Außerdem sieht er sich als Mitglied eines ominösen Ordens der Tempelritter, in dessen Namen er seinen Kulturkampf ausfocht - einer Organisation, die es nach Erkenntnissen der Ermittler nicht gibt.

Zurechnungsfähigkeit

An vielen von Breiviks Äußerungen entzündete sich während des Prozesses unter anderem die Frage der Zurechnungsfähigkeit und damit der Schuldfähigkeit des Angeklagten. Sie entschied über eine Unterbringung im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Selbst Psychiater waren sich uneins. Einig sind sich die meisten Norweger jedoch in einem: Unter „normalen Umständen“ dürfte Breivik nie mehr freikommen.

Der Flug nach Oslo war schon am Vorabend gebucht. Zusammen mit einem Kollegen einer anderen großen deutschen Zeitung machten wir uns auf den Weg nach Utøya. Nicht einmal 20 Stunden, nachdem Anders Breivik das schlimmste Blutbad in Norwegens Nachkriegsgeschichte angerichtet hatte, erwartete uns eine unwirkliche Szenerie: Dort am Tyrifjord findet man im Juli ein wahres Ferienparadies, ein Campingplatz reiht sich an den nächsten, Wohnmobile aus Deutschland, den Niederlanden, ja selbst Italien vermitteln den Eindruck eines Sommerparadieses inmitten einer beeindruckenden Fjordlandschaft.

Rückblende: An diesem 23. Juli nähern sich jedoch plötzlich ein, zwei, drei, vier Leichenwagen auf der kleinen Uferstraße. Nach dem siebten schwarzen Wagen geben wir das Zählen auf. Das, was eben noch einer Ferienidylle glich, hat sich binnen Minuten zu einem Ort des Grauens verwandelt. Die Wagen halten an einer Stelle, von der aus es nur wenige Hundert Meter zu der kleinen Insel Utøya sind. Dort hatte Breivik seine Opfer ausgewählt, hatte sie gejagt und dann erschossen. Jetzt versperren bewaffnete Polizisten den Weg für Neugierige.
Erst nach und nach wird in diesen Tagen das ganze Ausmaß der brutalen und feigen Attentate deutlich. Auch für uns Journalisten, die mittlerweile zu Hunderten in die norwegische Hauptstadt geeilt sind. Oslo befindet sich im Ausnahmezustand. Bis unter die Zähne bewaffnete Soldaten riegeln die Zufahrtsstraßen zum Regierungsviertel ab.

Dort, wo noch an jenem Freitag bis um kurz vor halb vier geschäftiges Treiben herrschte, wo die großen Verlagshäuser des Landes und alle Ministerien ihren Sitz haben, herrschte zweieinhalb Tage nach den schrecklichen Anschlägen eine gespenstische Stimmung. Einlass gibt es nur für die Helfer, für Kriminalbeamte und für die örtlichen Glasereibetriebe.

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