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26.01.2011

15:37 Uhr

Auslandsberichterstattung

Medienprofessor kritisiert „Hotel-Reporter“

Es sind harte Vorwürfe, die Professor Stephan Weichert gegenüber der Medienbranche äußert. Sparzwänge würde dazu führen, dass immer mehr Korrespondenten ihr Geschäft vom Hotelzimmer aus erledigten - ohne fundierte Kenntnisse über die Länder, aus denen sie berichten.

HB BERLIN. Die Auslandsberichterstattung vieler Medien leidet zunehmend an der Sparpolitik von Sendern und Verlagen. "Es gibt einen gestiegenen Druck, mehr Konkurrenz und das Verlangen nach Schnelligkeit", sagte Stephan Weichert, Professor an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, bei einer Veranstaltung der Organisation Netzwerk Recherche. "Immer weniger Reporter sind Augenzeugen." Es gebe immer mehr "Hotel-Reporter", die im Hotel säßen und Sender wie BBC und CNN schauten, um möglichst viele Nachrichten zu liefern. Zudem gebe es eine gestiegene Abhängigkeit von "Stringern und Fixern", also freien Mitarbeitern vor Ort.

Weichert stellte am Dienstagabend in Berlin sein Buch "Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten" vor, für das er mit Co-Autor Leif Kramp 17 Auslandsreporter führender Medien interviewt hatte. "Vor allem im Privatfernsehen wurden Auslandsstellen abgebaut", sagte Astrid Frohloff, Vorstand der Organisation Reporter ohne Grenzen.

Oft kämen nur noch sogenannte Fallschirm-Reporter zum Einsatz, die aus Deutschland für kurze Zeit in Krisengebiete geschickt würden. "Die Informationen werden denen oft nur aus der Heimatredaktion zugeführt, und die Reporter sollen möglichst schnell berichten. Das Einordnen bleibt da oft auf der Strecke." Problem sei, wenn sich Reporter in den jeweiligen Ländern nicht auskennen. Vor allem in Krisengebieten oder autoritären Staaten ist Expertenwissen aber besonders wichtig, um komplexe Zusammenhänge zu erklären.

Oft würde zudem von der Heimatredaktion Extra-Druck aufgebaut, weil in Deutschland Bilder oder Informationen im Internet zirkulierten, sagte Weichert. Es gebe ein regelrechtes "Bestellverhalten". Das erhöhe den Konkurrenzdruck, und es bleibe weniger Zeit zum recherchieren.

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