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14.01.2011

16:38 Uhr

Autor Francesco Forgione

„Die Mafia hat sehr viel Kapital“

VonRegina Krieger

Italienische Bosse sind mächtiger denn je – auch in Deutschland. Neue Bücher bringen neue Fakten. Doch das beste von ihnen wurde zensiert. Denn die Nachweise sind äußerst unangenehm für die Stützpunkte der Mafia. Welche Lektüre sich lohnt – und wo Vorsicht angebracht ist.

Müllberge in San Giorgio a Cremano in der Nähe von Neapel: Symbol für die zerstörerische Macht der Mafia und anderer krimineller Organisationen. dpa

Müllberge in San Giorgio a Cremano in der Nähe von Neapel: Symbol für die zerstörerische Macht der Mafia und anderer krimineller Organisationen.

DÜSSELDORF. Die Mafia sitzt in Köln, Hamburg, Mannheim und Nürnberg. Die neapolitanische Camorra in Berlin, Düsseldorf, Dresden, Frankfurt und München. Die Hochburg der kalabresischen ’Ndrangheta ist in Duisburg, dort, wo im August 2007 vor dem Restaurant „Da Bruno“ sechs Italiener bei einer Fehde zweier Clans aus San Luca erschossen wurden.

Francesco Forgione hat für sein Buch „Mafia-Export. Wie ’Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra die Welt erobern“ Karten anfertigen lassen, auf der akribisch alle Mafia-Familien und ihr Standort aufgelistet sind – in Deutschland und auf der ganzen Welt. Und er nennt Zahlen: Der Jahresumsatz der drei Mafia-Organisationen liegt zwischen 120 und 180 Milliarden Euro, und der Gewinn wird auf 70 bis 80 Milliarden Euro geschätzt – fast so viel wie das Bruttoinlandsprodukt von Bulgarien, merkt Forgione an.

Sein Buch unterscheidet sich von den vielen anderen oft reißerischen oder oberflächlichen Werken über die Mafia: Der Soziologe und Hochschullehrer, Vorsitzender der Antimafia-Kommission des italienischen Abgeordnetenhauses während der Regierung Prodi, stellt keine Vermutungen auf, sondern hat für jeden Fakt Belege. Forgione zitiert aus Prozessakten und Ermittlungsberichten.

Sein Fazit ist erschreckend: „Die Globalisierung hat der Mafia außerordentliche Geschäftsmöglichkeiten verschafft, vor allem, weil sie jetzt die Möglichkeit hat, immense Geldmengen ohne Kontrolle und in Echtzeit weltweit zu transferieren“, erklärt er im Gespräch. Die Finanzkrise habe die kriminellen Geschäftsmethoden noch gefördert: „Die Mafia hat genug Kapital und investiert in angeschlagene Finanzsektoren. Auf diese Weise wird die Wirtschaft immer mehr verschmutzt.“

Doch dieses außergewöhnlich spannende und gut lesbare Buch ist im Moment nicht mehr im Handel. Der Riemann-Verlag, der zur Gruppe Random House gehört, musste sich zum Jahresende einer richterlichen Verfügung beugen und es vom Markt nehmen. Mehrere Besitzer von Pizzerien, auch in Duisburg, hatten Unterlassungserklärungen verlangt, weil in Forgiones Buch unter anderem steht, dass sie ihre Restaurants zu Zwecken der Geldwäsche betrieben oder sie als „Standort für Drogenhandel“ galten. Ein Gericht in München gab ihnen recht.

Geschwärzte Stellen

„Ich habe ein Buch geschrieben gegen die Scheinheiligkeit derer, die die Mafia nicht sehen, bis die eigenen Straßen voller Blut sind, wie es in Duisburg geschehen ist“, sagt Forgione. „Dass mein Buch eingezogen worden ist, bestätigt, dass in Deutschland die Scheinheiligkeit siegt“, ergänzt er verbittert.

Er könne jede Zeile, jeden Namen und jedes Zitat belegen, aus Berichten der italienischen Antimafia-Kommission und auch des Bundeskriminalamtes. „Zum Glück ist mein Buch in zehn Sprachen übersetzt und in 20 Ländern verbreitet.“ Sehr bald werde es das Buch als E-Book-Version geben, und in diesem Jahr kommt auch die Taschenbuchausgabe, heißt es beim Verlag. Dort sind die Stellen dann allerdings geschwärzt.

Kommentare (3)

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Also

15.01.2011, 12:08 Uhr

das ist wirklich nix neues. das die mafia allein in deutschland ca. 800 mio. Euro jährlichen gewinn mit drogenhandel, wirtschaftskriminalität, schutzgelderpressung, geldwäsche, prostitution erwirtschaftet ist beim bka schon über 20 jahre bekannt. zum hinweis, es gibt auch noch die russiche, türkische, chinesiche, albanische, jugolawische, japanische, amerikanische, jüdische, indische, afrikanische, griechische, deutsche, holländische, britische, rumänische, bulgarische, arabische, katholische, wirtschaftliche, bänkische, versichersche, pharmazeutische usw. mafia, so nun sind wir alle schlauer und der autor reicher, dank dem neuen buch!

Rainer_J

15.01.2011, 18:25 Uhr

@Also

Für das bKA ist das sicher nichts Neues. Da hast du recht. Viele gutgläubige deutsche bürger wären aber schockiert, wenn sie das buch über unsere schöne Multi-Kultiwelt und netten Ausländern lesen würden. Denn die Politiker haben ihnen jahrzehntelang das Gegenteil von dem erzählt, was in diesem buch steht.

1@Task

20.04.2012, 23:00 Uhr

Stimmt,fürs BKA,den LKAs ist das alles nicht neu.Nicht nur Francesco spricht Klartext,wenn er verbittert sagt,daß in Deutschland die Scheinheiligkeit(noch)siegt. Ganz offensichtlich wissen die deutschen-italienischen-französichen,und andere genauso gute,Anti Mafia Organisationen besser Bescheid, über das bösartige Krebsgeschwür Mafia.Haben wir doch die besseren"ehrenamtlichen"Fachleute?Wir hoffen nicht.
Wissen wir doch,daß das Leben eines Mafiajägers viel Opferbereitschaft erfordert.Sicher,es gibt ERFOLGE,gegen die Mafia.Stellvertretend für alle,wollen wir die Sondereinheit der italienischen Polizei-die Catturandi-nennen!Nicht zu vergessen,Staatsanwälte,Richter,die sich nicht einschüchtern lassen. Siehe,Giovanni Falcone-Paolo Borsellino wurden feige ermordet.Ihr"Mächtigen"nicht nur in Deutschland,kriegt endlich eure Ärsche hoch.Oder haben die Mafia Clans euch schon geschmiert,gekauft?






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