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28.07.2011

14:22 Uhr

Bayreuther Festspiele

Beifallsstürme für „Lohengrin“

Die Buhrufe für die missglückte „Tannhäuser“-Inszenierung sind vergessen, die Festspiele von Bayreuth haben mit dem „Lohengrin“ eine musikalische Sternstunde der Oper erlebt. Die Inszenierung wurde indes nicht zum Hit.

Optisch und stimmlich ein hervorragendes Zusammenspiel: Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Annette Dasch (Elsa). Quelle: dpa

Optisch und stimmlich ein hervorragendes Zusammenspiel: Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Annette Dasch (Elsa).

BayreuthDaran können auch die Heerscharen von albern auf der Bühne herumtapsenden Laborratten nichts ändern: Dieser Bayreuther „Lohengrin“ war ein Wurf. Glänzend singende Solisten, ein Festspielorchester samt Chor in Bestform, ein umsichtiger Dirigent mit Gespür für die Gesangspartien auf der Bühne - das war Oper vom Feinsten. Der dritte Tag der Richard-Wagner-Festspiele geriet zur Sternstunde des Musiktheaters - mit Betonung auf Musik. Die Besucher quittierten den Abend denn auch mit frenetischem Beifall vor allem für die Solisten. Fast war so etwas wie Erleichterung zu spüren nach der ausgebuhten „Tannhäuser“-Inszenierung zur Eröffnung und den in die Jahre gekommenen „Meistersingern“.

In der Titelrolle hat Bayreuth erneut einen großartigen „Lohengrin“: Klaus Florian Vogt, voriges Jahr als Einspringer noch im Schatten des großen Jonas Kaufmann, könnte zu „der“ Erscheinung der 100. Bayreuther Festspiele werden. Sein kerniger Tenor meistert die Höhe mühelos-locker, hat eine sonore Mittellage und muss in der Tiefe nicht forcieren. Er kann den großen musikalischen Bogen spannen, man versteht jedes Wort - und er beherrscht ein wunderschön-innig gesungenes Piano. Die Stimme klingt leicht nasal, fast eine Renaissance der kopfig-nasalen Tenöre, wie es sie bis zu Zeiten eines Fritz Wunderlich gab.

Dazu sieht dieser Schwanenritter nicht übel aus, womit wir bei Annette Dasch als Elsa wären. Dieses Liebespaar passt wirklich prima zusammen - nicht nur optisch. Daschs Sopran hat einen ähnlich hohen lyrischen Anteil wie Vogts Tenor. Ihre Stimme klingt freilich dramatischer, nicht mehr so fast jugendlich-unverbraucht wie die Männerstimme. Aber sie hat ebenfalls in allen Lagen einen weichen Ansatz, eine makellose Höhe und ein hinreißend klares Piano. Und mit welcher Leidenschaft beide ihre Rollen als Liebende ausfüllten, die doch nicht füreinander bestimmt sind, das schuf wiederholt das berühmte Eiskalt-über-den-Rücken-Gefühl.

Da wollte Georg Zeppenfeld als König Heinrich nicht zurückstehen. Sein Bass scheint auf dem Höhepunkt, ihm gelingt einfach alles. Die Kultiviertheit seiner Stimme sucht in dem Fach ihresgleichen. Auch Petra Lang als bösartige Ortrud und Tómas Tómasson als blutrünstiger Telramund wurden in ihren Partien gefeiert. Samuel Youn ergänzte das Solisten-Sextett als Heerrufer des Königs kongenial.

Das Festspiel-ABC

A wie Applaus

Applaus: Grundton des fünfwöchigen Festivals, ob nun in Bayreuth oder in Salzburg. Nicht immer leicht erworben, und richtig verdient erst im Wettstreit mit sonoren Buh-Rufen.

B wie Buhlschaft

B - Buhlschaft: Kaum Text, kaum Interpretationsmöglichkeit, aber 1001 Kameras. Bindeglied zwischen Kunst und Klatsch. Schillernde Ahnenreihe: Von Judith Holzmeister über Christiane Hörbiger, Senta Berger und Nadja Tiller bis Veronika Ferres und Birgit Minichmayr.

C wie Charity

C - Charity: Gehört zum guten Ton. Wer 370 Euro für eine Opernpremiere hinlegt, hat auch noch das nötige Kleingeld in der Tasche, um Gutes zu tun oder die Festspiele selbst ein wenig zu unterstützen.

D wie Dirndl

D - Dirndl: War vielleicht zur Karajan-Zeit noch eine Möglichkeit. Heute absolutes No-Go. Designerkleidung eignet sich besser zum Flanieren im Festspielbezirk. Zur Not geht auch klassisches Kulturschwarz.

E wie Entdeckung

E - Entdeckung: Nehmen die Festspiele gerne für sich in Anspruch. Andererseits ist das Etikett eines großen Festspiels für aufsteigende Künstler immer ein Adelsprädikat.

F wie Fächer

F - Fächer: Reichlich barockes Utensil, aber gar nicht so von gestern, leistet es doch in der Hitze des Kulturgefechts wirklich gute Dienste. Manchmal besinnen sich Sponsoren darauf und verteilen die edlen Stücke an dankbare Smokingträger.

G wie Glanz und Glamour

G - Glanz und Glamour: Hoch- oder Geldadel, Kunst- oder Klatschprominenz, Politik oder Wirtschaft - der Festspielbezirk führt sie alle zusammen. Wer schon nicht in Bayreuth gesehen wird, muss zumindest an der Salzach abgelichtet werden.

H wie Hofmannsthal

H - Hofmannsthal: Möglicherweise hatte er sich so manches ganz anders vorgestellt, als er für ein noch zu gründendes barockes Welttheater einen „Jedermann“ schuf.

I wie Insidertipps

I - Insidertipps. Wenn man sie endlich bekommt, ist es schon zu spät.

J wie Jedermann

J - Jedermann. So unvermeidlich wie der Tod, der Ersterem zu plötzlicher moralischer Läuterung verhilft. Theatralisches Herzstück der Festspiele. Fast so alt wie der Text allerdings ist die Diskussion, ob es wirklich ein Theaterstück ist.

K wie Krimpelstätter

K - Krimpelstätter: Wer zur Premierenfeier des „Jedermann“ hierher geladen ist, gehört dazu. Der Bieranstich ist der Prüfstein für Künstler, ob sie auch im realen Leben bestehen.

L - wie Luxus

L - Luxus? Nein! „Nicht Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen“ sollten die Festspiele sein. Das wünschte sich kein Geringerer als Max Reinhardt.

M wie Mönchsberg

M - Mönchsberg: Riesiger Felsen, der seinen Schatten über die Altstadt von Salzburg wirft. Bietet oben Platz für ein Museum, innen Platz für viele Autos und dann noch Platz für Oper: Barockbaumeister Fischer von Erlach schuf die Arena der Felsenreitschule mit 96 Arkaden auf drei Stockwerken, in der zunächst Reitvorführungen und Tierhatzen veranstaltet wurden.

N wie Nepp

N - Nepp. Oder wie soll man es nennen, wenn es in manchen Hotels nicht nur Vor- und Hauptsaison, sondern dann auch noch eine Festspiel-Saison mit noch mal gesteigerten Preisen gibt?

O wie Oper

O - Oper: Dreh- und Angelpunkt der Festspiele. Am Erfolg ihrer Inszenierungen von Mozart-Opern muss sich jede Intendanz in Salzburg messen lassen. Noch immer zehrt das Festival vom Mozartjahr 2006, als alle Bühnenwerke szenisch gezeigt wurden.

P wie Perner-Inseln

P - Perner-Insel in Hallein. Die ehemalige Saline ist der Spielort, an den das Schauspiel in Salzburg seine experimentellen Produktionen auslagert.

Q wie Querelen

Q - Querelen: Ohne geht es nicht. 2013 und 2014 lieferte in Bayreuth der Regisseur Frank Castorf den Gesprächsstoff für die Zeit vor und nach den Aufführungen. „Man redet hier sehr wenig mit mir“, sagte er im Interview. „Als wäre ich ein Idiot.“

R wie Radl-Stadler, Helga

R - Rabl-Stadler, Helga: Die Salzburgerin ist Langzeit-Präsidentin der Festspiele, überdauerte bereits die Intendanz Mortier, und ein Ende ihrer Regentschaft seit 1995 ist nicht abzusehen.

S wie Sponsoren

S - Sponsoren: Tragen wesentlich zur Existenz des Festivals bei, verlangen dafür nur den nötigen Respekt in Form omnipräsenter Logos und dezenter Limousinen-Konvois im Festspielbezirk.

T wie Trophäe

T -Trophäe: Wer als Komparse mitwirkt, zweigt sich gerne ein kleines Andenken ab. Legendär sind in Salzburg etwa die Augenmasken oder Flügel aus der Skandal-Aufführung von Hans Neuenfels' „Fledermaus“-Inszenierung von 2001. Wer davon noch ein paar zu Hause hat, ist wirklich ein alter Hase.

U wie Uraufführung

U - Uraufführung: Immer wieder vehement gefordert, vor allem in der Oper.

V wie Venusbrüstchen

V - Venusbrüstchen: Delikate Nascherei mit marinierten Kastanien, Nougat und Weichselcreme, zusammengehalten von einem Hauch Schokolade. Gibt an langen Opernabenden in Salzburg den nötigen Zuckerschub fürs Durchhalten.

W wie Wein

W - Wein. In Bayreuth sind die Spezialitäten zünftiger als in Salzburg: Fränkische Bratwurst in einer Semmel mit mittelscharfem Senf, dazu fränkischer Wein aus Bocksbeuteln.

X wie Xenophobie

X - Xenophobie: Die Fremden, die da in ihre Stadt einfielen, um Kunst zu machen und zu sehen, waren den Salzburgern meist auch ein bisschen suspekt. Schufen sich die Festspiele unter den Gründervätern zunehmend internationalen Ruf, schafften es die Nationalsozialisten, durch Vertreibung der jüdischen und zeitgenössischen Künstler das Festival für einige Jahre in die Bedeutungslosigkeit zu manövrieren.

Y wie Young Director's Project

Y - Young Directors Project, Young Singers Project, Young Conductors Award: Zunehmend kommen junge, noch nicht etablierte Künstler an die Salzach. Mitunter der Beginn einer internationalen Karriere.

Z wie Zahlen

Z - Zahlen sprechen für sich. In Bayreuth sind die 30 Vorstellungen lange im voraus ausverkauft. Sie können von etwa 58.000 Zuschauern gesehen werden. 500.000 hätten dagegen gerne Karten. Wer vorbestellt, muss also lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Schneller dürfte es hingegen mit Prominentenbonus gehen.

Auch Andris Nelsons ist als Dirigent in Bayreuth angekommen. Er führt das hervorragend besetzte Festspielorchester schwungvoll durch die Dreieinhalb-Stunden-Partitur. Die drei Vorspiele gelingen klangschön - traumhaft weich die hohen Streicher, satt und sauber in der Intonation die Blechbläser. Dazu ein stimmgewaltig auftrumpfender Opernchor (Einstudierung: Eberhard Friedrich), wie man ihn sich besser kaum wünschen kann.

Die Ratten-Inszenierung von Hans Neuenfels wird auf dem „Grünen Hügel“ auch in diesem Jahr nicht zum Hit. Der Regisseur lässt ratlose Gesichter zurück. Was will er uns mit seinen menschengroßen Laborratten, die ständig Lohengrin und Elsa umschwänzeln, nur sagen? Es gelingt ihm nicht, die unmögliche Liebe von Lohengrin und Elsa zu erklären. Dass er am Ende ein unförmiges Neugeborenes seine Nabelschnur zerreißen und ins Rattenvolk schmeißen lässt, setzt zudem einen unästhetischen Schlusspunkt.

Die 100. Bayreuther Festspiele - gefeiert wird das Jubiläum nicht - dauern bis zum 28. August. Sie bieten neben der umstrittenen „Tannhäuser“-Neuinszenierung von Sebastian Baumgarten und dem „Lohengrin“ zum letzten Mal die „Meistersinger“ in der Inszenierung von Hausherrin Katharina Wagner sowie den „Parsifal“ (Regie: Stefan Herheim) und „Tristan und Isolde“ (Christoph Marthaler).

Von

dpa

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