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07.09.2014

14:08 Uhr

Bergrettung

Teurer Tod in den Alpen

VonFinja Seroka

Klettern ist längst ein Breitensport. Dabei häufen sich Unfälle von Bergsteigern oder Wanderern in den Alpen. Immer öfter rufen Urlauber daher die Bergretter zu Hilfe. Das kann richtig teuer werden.

Kletterer gehören zur jener Gruppe von Bergsportlern, die sich am häufigsten überschätzen und ebenso häufig gerettet werden müssen. dapd

Kletterer gehören zur jener Gruppe von Bergsportlern, die sich am häufigsten überschätzen und ebenso häufig gerettet werden müssen.

Düsseldorf„Das Erlebnis, da oben auf dem Gipfel zu sitzen und die Natur zu genießen – darum geht es mir“, erzählt Lars. Der 24-Jährige ist leidenschaftlicher Freizeitkletterer. Lars ist nicht der einzige, der in den vergangenen Jahren die Berge für sich entdeckt hat. Sportklettern und Wandern sind längst zum Breitensport geworden. Wenn das Smartphone den Alltag diktiert und der Schreibtisch die Stammkneipe ersetzt hat, ist der Ausblick in luftiger Höhe Balsam für den gestressten Geist.

Doch wie vor ist der Bergsport ein gefährliches Hobby, jedes Jahr verzeichnet der Deutsche Alpenverein, kurz DAV, rund 40 tödliche Unfälle seiner Mitglieder in den Alpen. Die Bergwacht Bayern hat im ersten Halbjahr bisher 90 Tote geborgen.

Höhlengeher: Gefährlich, verrückt und neugierig

Das Unglück

Es ist ein extrem außergewöhnliches Unglück, das in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden passiert ist. In einer Tiefe, in die ohnehin kaum ein Mensch vordringen kann, liegt ein schwer verletzter Höhlenforscher. Die Rettung ist sehr schwierig.
Quelle: dpa

Warum wagen sich Menschen in solche Höhlen?

Forschergeist. Sie wollen einfach die ersten sein, die ihren Fuß auf ein Stück Boden setzen, den vor ihnen noch niemand betreten hat. Extreme Höhlenforscher sind ein bisschen wie Extrembergsteiger oder Astronauten.

Worum ging es bei der Expedition?

Die Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt, zu der der Verunglückte und seine beiden Freunde gehörten, erforscht die Riesending-Schachthöhle seit 2002. Die Höhle war ihre größte Entdeckung. Die Höhlenforscher der Arbeitsgemeinschaft haben viele Gangsysteme entdeckt und kartiert.

Was war dieses Mal anders?

Das Team wollte in Regionen vordringen, die noch nicht begangen waren. Aber die liegen tiefer, gut 1100 Meter unter der Erde. Möglicherweise waren die drei also noch auf dem Weg dorthin, wo sie weiterarbeiten wollten.

Wie kann man sich bemerkbar machen?

Das genau ist das Problem: Dort unten funktioniert kein Handy oder Funkgerät. Bei dem Unfall hat das den Beginn der Rettung stark verzögert: Einer der drei musste zwölf Stunden - und das war Rekordtempo - zum Ausgang steigen, um überhaupt Hilfe zu holen.

Warum sind die Nachrichten so alt?

Am ersten Tag waren alle Nachrichten von dem Verletzten mindestens zwölf Stunden alt, weil sie nur von zurückkehrenden Helfern überbracht werden konnten.

Wie wurde eine Telefonverbindung hergestellt?

Es ist ein Telefonkabel bis auf etwa 350 Meter Tiefe gelegt worden. Danach gibt es eine weitere Verbindung bis zum Unglücksort, über die Textnachrichten übermittelt werden können. Für die Rettungskräfte ist wichtig, dass sie schnell Nachrichten aus der Tiefe bekommen: die Einschätzung ihrer Kollegen unten - und bald auch eines Arztes.

Warum kommt kein Arzt zum Verletzten?

Weil es kaum Mediziner gibt, die Extremsportler sind und genug Höhlenerfahrung haben. Die Riesending-Schachthöhle gilt als gefährlichste und extremste Höhle Deutschlands. Nach Angaben der Bergwacht meldeten sich aus ganz Europa überhaupt nur drei Ärzte, die bereit und in der Lage sind, in die Höhle zu gehen, ein Deutscher, ein Italiener und ein Österreicher.

Was verzögert die Rettung?

Ein Arzt ist jetzt mit drei Schweizer Höhlenrettern unterwegs und sollte den Unglücksort am frühen Mittwochmorgen erreichen - wenn alles gut geht. Ein anderer Arzt, der viel Erfahrung mit Bergrettungen hat, musste auf halber Strecke aufgeben. Allein der Rückweg über lange Strecken und insgesamt Hunderte Höhenmeter senkrecht an feuchten Seilen ist extrem. Und die Sicherheit der Helfer hat Vorrang.

Wie viele Höhlenforscher und Höhlenretter gibt es?

Da gibt es keine Zahlen. Aber Höhlenretter, die für diesen Extremeinsatz infrage kommen, gibt es laut Bergwacht in Deutschland nur eine Handvoll - und selbst in Europa nur wenige. Deshalb wurde international Hilfe angeboten. Schweizer Retter sind schon in der Höhle, Italiener sollen sie ablösen - danach sind eventuell wieder die Deutschen dran, die nach dem ersten Einsatz erst mal ausruhen mussten. Bei den Höhlenforschern sieht es ähnlich aus - es gibt ebenfalls nur eine Handvoll, die solche Extremexkursionen macht.

Was braucht man in so einer Höhle?

Neben Seilen und der Kletterausrüstung jedenfalls warme wasserfeste Kleidung, denn dort unten ist es feucht. Warme Schlafsäcke, denn die Forscher bleiben oft tagelang unten, und es hat nur um die vier Grad. Kalorienreiche Nahrung. Denn die Expedition kostet viel Energie.

Besonders im August haben sich die Meldungen über verunglückte Wanderer gehäuft: So stürzte jüngst ein 53-Jähriger aus dem Kreis Soest am Bockarkopf bei Oberstdorf 250 Meter in die Tiefe, und eine 72-jährige Hessin verunglückte am Gleitweg.

Die Witterungsbedingungen sind auch in den Sommermonaten manchmal alles andere als ideal für begeisterte Bergsportler. Und dann erhöht sich das Risiko auch da, wo die Route sonst als sicher gilt. Das unterschätzen viele, die auf dem Berg die Erholung suchen.

Das Problem: „Bei einer langen Anreise, ziehen die Leute die Touren auch bei schlechter Wetterlage durch“, sagt der Einsatzleiter der Bergwacht-Ortsstelle Wienerwald-Süd, Claudius Wirnsberger. Dennoch zeigen die Zahlen auch noch etwas anderes: 2013 war laut DAV-Unfallstatistik ein vergleichsweise gutes Jahr.

Kommentare (3)

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Herr Lung Wong

08.09.2014, 08:52 Uhr

"Die Allgemeinheit zahlt oft die Kosten",

das fällt bei der Veruntreuung von Steuergelder durch Politiker (Elbphil., S21, ESM usw) doch wirkklich gar nicht auf. Zudem, Kosten für Rettungseinsätze steigern das Bruttosozialprodukt, du das wollen wir doch alle, oder nicht?

Herr x y

08.09.2014, 09:21 Uhr

Einfach dem Verursacher die Rechnung schicken und auch zahlen lassen! Das hebt die Eigenverantwortung statt der Kaskomentalität. Außerdem gibt es ja auch eine Sportversicherung. Der Beitrag hierzu richtet sich nach dem Gefahrenpotential und wirkt dann auch ernüchternd.

Herr Frank Cebulla

09.09.2014, 10:36 Uhr

Als Bergsteiger der 70 / 80 Jahre des vergangenen Jahrhunderts kann ich mich heute nur wundern mit welcher Vollkaskomentalität in die Berge gegangen wird ohne sich darauf vernünftig vorzubereiten.
Wenn dann nichts mehr geht wird mit dem Handy Hilfe gerufen!
Früher war das der Tod, denn anrufen konnte man nicht, da hat man sich penibel auf die Tour vorbereitet, immer mit dem Wissen das kann die Letzte sein.
Damals traf man am Berg auch nur überwiegend Gleiche und keine Touris mit Hilfestellungssystemen.
Deshalb war für mich 1990 Schluß, da waren Leute unterwegs, unverantwortlich.
Heute müßten alle zur Kasse gebeten ohne wenn und aber, wenn sie versichert sind gut für sie wenn nicht Pech, dann überlegen sie mal das die Berge keine Spielplätze sind sondern ehrfurchtsvolle Natur in unwirtlichen Regionen Europas

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