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19.09.2011

16:07 Uhr

Berlin

Haftstrafe für jugendlichen U-Bahn-Schläger

Versuchter Totschlag, nicht Mord, nicht Körperverletzung: Im Prozess um den Berliner U-Bahn-Schläger Torben P. hat das Gericht eine Haftstrafe von fast drei Jahren verhängt. Ohne Bewährung - aber mit Haftverschonung.

Knapp drei Jahre für U-Bahn-Schläger

Video: Knapp drei Jahre für U-Bahn-Schläger

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BerlinKnapp fünf Monate nach dem Gewaltexzess im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße ist ein 18-jähriger Gymnasiast zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und zehn Monate verurteilt worden. Der betrunkene Schläger hatte sein zufälliges Opfer in der Nacht zum Ostersamstag mit gezielten und wuchtigen Tritten gegen den Kopf schwer misshandelt. Das Landgericht in der Hauptstadt verurteilte den Schüler wegen versuchten Totschlags. Die Strafe fiel geringer aus als von der Staatsanwaltschaft beantragt, die vier Jahre gefordert hatte. Der Schüler muss laut Gericht nicht sofort in Haft.

Der brutale und enthemmte Angriff hatte bundesweit schockiert. Doch die Gewaltattacken in Berliner Bahnhöfen reißen nicht ab. Neues Entsetzen löste am Wochenende der Tod eines 23-Jährigen aus. Er war auf der Flucht vor Angreifern vor ein Auto gerannt und tödlich verletzt worden.

Warum der Schüler so ausrastete, blieb im Prozess unklar. Der verletzte Installateur kam mit einem Schädel-Hirn-Trauma, gebrochener Nase und Prellungen ins Krankenhaus. Der heute 30-Jährige leidet weiter an den psychischen Folgen. Eine Entschuldigung des Angreifers nahm der 30-Jährige nicht an.

U-Bahn Überfälle 2011

11. Februar, Berlin

: Ein 30-Jähriger wird auf dem U-Bahnhof Lichtenberg in Berlin geschlagen und beraubt. Vier Jugendliche sollen ihn solange misshandelt haben, bis er bewusstlos und lebensbedrohlich verletzt am Boden liegen bleibt. Er liegt mehrere Wochen im künstlichen Koma.

20. Februar, Berlin

Eine Gruppe Jugendlicher überfällt auf dem U-Bahnhof am Hansaplatz in Berlin einen Obdachlosen. Sie schlagen ihm ins Gesicht und berauben ihn. Er kommt mit einem Nasenbeinbruch ins Krankenhaus.

19. März, Berlin

Ein 17-Jähriger wird von einer Gruppe Jugendlicher vor dem U-Bahnhof Osloer Straße bewusstlos geprügelt. Er erleidet schwere Kopfverletzungen. Die Freundin des 17-Jährigen war von ihren Mitschülern gemobbt worden. Der 17-Jährige hatte sich mit den Schülern getroffen, es kam zum Streit.

23. April, Berlin

Ein 29-Jähriger wird auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin bis zur Bewusstlosigkeit getreten. Das Opfer wird mit schweren Kopfverletzungen bewusstlos in ein Krankenhaus gebracht.

28. April, Berlin

Ein 21-Jähriger wird auf einem Bahnhof in Berlin-Wedding von drei Männern angegriffen. Sie wollen ihn berauben. Als er sich wehrt, wird er geschlagen und mit einem Messer verletzt. Als er am Boden liegt, sollen die Angreifer ihm gegen den Kopf getreten haben. Das Opfer erleidet Prellungen am Kopf und Schnittverletzungen.

1. Mai, München

An der Münchner U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof wird ein 20 Jahre alter Student von zwei 18 und 21 Jahre alten Männern ohne erkennbaren Grund angegriffen und am Kopf verletzt. Das mutige Eingreifen mehrerer Passanten verhindert Schlimmeres.

8. Mai, Berlin

Auf einem U-Bahnhof in Berlin-Reinickendorf wird ein 14-Jähriger angegriffen. Der Junge wird von einer Gruppe Jugendlicher, die seine Jacke haben wollen, geschlagen und getreten. Er kommt mit einer Platzwunde am Kopf und einer Handverletzung ins Krankenhaus.

13. Juni, Berlin

Ebenfalls auf einem U-Bahnhof in Berlin-Reinickendorf wird ein 21-Jähriger von mehreren jungen Männern angegriffen. Ein Angreifer soll mit einem Teleskopschlagstock bewaffnet gewesen sein und auch dann nicht von dem 21-Jährigen abgelassen haben, als dieser schon am Boden liegt.

Der Vorsitzende Richter Uwe Nötzel sagte in der Urteilsbegründung, der Gymnasiast sei in „Provozierlaune“ gewesen. „Er erkannte die Gefährlichkeit der Tritte“ - auch, dass er den Handwerker hätte tödlich verletzen können. „Das nahm er hin“, hieß es im Urteil. „Das Schicksal des Opfers war ihm gleichgültig.“ Der Handwerker, der nach einem Darts-Turnier auf dem Heimweg war, sei durch den Angriff in tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. „Er hätte ersticken können“, betonte der Vorsitzende Richter. Der Handwerker war zu der Urteilsverkündung ins Gericht gekommen, äußerte sich aber nicht.

Der Schüler hatte den Überfall gestanden, jedoch betont, dass er sich an die Tritte wegen des Alkohols nicht erinnern könne. Eine Erklärung für die Tat habe er nicht, sie sei aber durch nichts zu entschuldigen. „Ich bin schockiert und entsetzt über mich selbst“, hieß es in seinem Geständnis. Laut Urteil gibt es erhebliche Zweifel an den Erinnerungslücken. Das Gericht nahm dem Schüler, der gern Jura studieren will, jedoch Einsicht und Reue ab.

Eine Bewährungsstrafe sei nicht infrage gekommen, sagte Richter Nötzel. „Dafür war die Tat zu heftig.“ Der Schüler habe noch nachtreten wollen. Ein couragierter Berlin-Tourist aus Bayern, Georg Baur, verhinderte dies und zog den Schläger weg. Als Zeuge hatte er moniert, dass ihn kein Passant unterstützt habe.

Kommentare (6)

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anomynus

19.09.2011, 14:36 Uhr

wie heißt es schön in dem Artikel, hat zu einer breiten öffentlichen Debatte geführt...
Beim urteilenden Gericht scheint dies - für einen juristischen Laien - allerdings nicht angekommen zu sein!

Account gelöscht!

19.09.2011, 15:01 Uhr

faktisch hat er keine Strafe bekommen! Vielleicht erwischt er ja das nächste Mal einen Richter

StraffreiUndSpassDabei

19.09.2011, 15:37 Uhr

Manchmal fände ich die Einführung der Scharia in Deutschland gar nicht so schlecht. Dann würde so jemand wenigstens ein paar Dutzend Hiebe auf die Fußsohlen bekommen, anstatt faktisch straffrei auszugehen.

Aber bestimmt hatte der Täter ein schwierige Jugend - das entschuldigt heutzutage ja alles ...

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