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07.11.2011

13:21 Uhr

Bestatter

Vom Totengräber zum Eventmanager

Nicht mehr der Pfarrer, sondern der Bestatter ist für viele Menschen der erste Ansprechpartner im Trauerfall. Nur wenige Berufsschulen in Deutschland bilden zum staatlich anerkannten Bestatter aus.

Nicht viele Jugendliche machen eine Ausbildung zum Bestatter. dpa

Nicht viele Jugendliche machen eine Ausbildung zum Bestatter.

Springe„Um Himmelswillen! Wie kannst du nur?“ Das sind üblicherweise die ersten Reaktionen, wenn Lukas Bente erzählt, dass er Bestatter wird. „Es gibt eine Menge Vorurteile. Viele halten es für abartig“, sagt der 22-Jährige, der den Betrieb seines Vaters übernehmen will. Für ihn ist Bestatter ein Traumjob, wegen der Herausforderung, mit trauernden Menschen angemessen umzugehen, und wegen der vielfältigen Aufgaben. „Wir sitzen nicht dauernd im Büro, wir graben auch nicht den ganzen Tag Gräber aus oder fahren Verstorbene durch die Gegend.“ Bente macht die Ausbildung im väterlichen Geschäft in Sarstedt, zum Blockunterricht fährt er wie alle Bestatter-Azubis im Norden zur Berufsbildenden Schule Springe. 

Seit fünf Jahren ist die Bestattungsfachkraft - so die offizielle Bezeichnung - ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf, seit 2010 können Bestatter auch den Meister machen. „Es ist ein außerordentlich anspruchsvoller Beruf“, sagt Rolf Lichtner, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter in Düsseldorf. „Der Bestatter wird immer mehr zum Eventmanager. Menschen, die nicht mehr in der Kirche sind, erwarten von ihm auch rituelle Begleitung.“ Nach wie vor bedarf es keinerlei Voraussetzungen, um sich mit einem Beerdigungsinstitut selbstständig zu machen. Dennoch setzen viele in der zunehmend umkämpften Branche auf Qualifikation. 170 Lehrlinge werden Lichtner zufolge jährlich in den bundesweit 3800 Betrieben ausgebildet. Im unterfränkischen Münnerstadt üben sie auf einem europaweit einzigartigen Lehrfriedhof. „Es ist ein nachgefragter Beruf, auf einen Platz kommen 20 Bewerber“, sagt der Verbandschef. 

Für die 14 Schülerinnen und Schüler in Lukas Bentes Klasse ist der Job Bestatter keine Notlösung. „Ich fand den Beruf interessant und habe mich gefragt, wie ich es verkrafte. Man darf es einfach nicht zu nahe an sich heranlassen. Wenn junge Menschen sterben, ist das schwerer“, erzählt der 19-jährige Damon Przytarski aus Hannover. Obwohl sie erst am Anfang stehen, hat die tägliche Begegnung mit dem Tod die 17 bis 35 Jahre alten Azubis verändert, das bestätigen alle. „Man lernt, intensiver zu genießen“, meint Lukas Bente. 

Auf dem Stundenplan in Springe stehen Buchhaltung, Bestattungsgesetze, internationales Recht wegen der Überführungen von Toten in andere Länder sowie die Riten und Gebräuche der einzelnen Religionen. Im Fach Warenkunde geht es unter anderem um Särge, Griffe, Urnen und Trauerwäsche. 

In den vergangenen Jahren hat sich die Trauerkultur in Deutschland verändert. Beerdigungen sind persönlicher geworden, oft bunter, manchmal sogar fröhlich. „Bestatter können als Privatunternehmer gut auf individuelle Wünsche eingehen, während der Pfarrer in feste Strukturen eingebunden ist“, meint Alexander Helbach, Sprecher der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas. Nach Helbachs Einschätzung profitieren die Bestatter von dem Wandel. Sie weiten ihren Service aus, indem sie eigene Trauerhallen einrichten, Trauerredner vermitteln oder Trauerbegleitung anbieten. 

Gleichzeitig werden die Gewinnmargen geringer. Teure Eichensärge sind seltener nachgefragt. Urnenbeisetzungen machen bundesweit mittlerweile etwa die Hälfte aller Bestattungen aus - und nur fürs Verbrennen wählt kaum einer einen teuren Sarg aus. Die Aussicht auf das große Geld hat aber vermutlich sowieso keinen der Springer Schüler in das Gewerbe gelockt. Vielmehr waren beeindruckende Erlebnisse ausschlaggebend, wie Maximilian Pieper aus Osterholz erzählt: „Da war ein Junge, 20 Jahre, mit dem Motorrad verunglückt. Die Familie hat dann einen Rohling-Sarg ausgesucht, das günstigste, und mit vielen Leuten bei uns angemalt und gerahmte Bilder daran geklebt. Das sah so schön aus.“

Von

dpa

Kommentare (1)

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omontono

07.11.2011, 22:32 Uhr

Ach wie rührend

Selbst in dieser Branche seit 1994 tätig, kann ich sagen, dass dies ein knallhartes Geschäft, teils undankbar, und jedenfalls immer darauf ausgerichtet, als Unternehmer Gewinn zu machen.

Ist der Aufwand höher als Ertrag, lohnt sich keine unternehmerische Bemühung.

Happenings, oder 'Events' kann man ohnehin auf den täglichen, bundesdeutschen Trauerfeiern, mit der Lupe suchen.

In der Regel sind es 08/15 Bestattungen; allein schon deshalb, weil die Gebühren der Friedhofsverwaltungen enorm hoch sind.

Kapellenbenutzung für 20 Minuten: 945 Euro - und hier ist noch nicht einmal die Gebühr für den Erwerb eines Grabes mit enthalten.

Manche Kommunen sind richtige Abzocker; auch Friedhofsverwaltungen, hinter denen die Kirche als Träger steht, kassieren mit Segen des Herrn, die Angehörigen ab.

Wie oft musste ich schon in meinem Beruf zum Besen greifen, die Friedhofskapelle kehren, den Eingangsbereich säubern und Türen von Spinnweben befreien, obwohl dies allein Aufgabe des Friedhofspersonals ist und dies den Hinterbliebenen in Rechnung gestellt wird.

Eines stimmt aber, der Trend hin zur Feuerbestattung.
Je weniger es kostet, desto besser.

Aber Geld für das neue Auto, das neuste Handy oder den Flat-Screen ist immer da. Da wird der Oma lieber die billige Holzkiste gekauft, obwohl diese doch zu Lebzeiten immer gerne der Familie finanziell unter die Arme griff.

Der Mensch ist schäbig und undankbar - das habe ich bisher in diesem Beruf lernen können.


Mitleid? Das verliert man ohnehin - wenn man denn mal eines hatte.

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