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16.01.2008

16:44 Uhr

Bevölkerung

Bevölkerung schrumpft trotz Geburtenanstiegs

Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft weiter. Daran hat auch 2007 der erste Anstieg der Geburten seit zehn Jahren nichts geändert. Rund 82,21 Millionen Menschen lebten Ende vergangenen Jahres nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zwischen Flensburg und Füssen.

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Trotz steigender Geburtenzahlen leben in Deutschland immer weniger Menschen.

dpa WIESBADEN. Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft weiter. Daran hat auch 2007 der erste Anstieg der Geburten seit zehn Jahren nichts geändert. Rund 82,21 Millionen Menschen lebten Ende vergangenen Jahres nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes zwischen Flensburg und Füssen.

Das sind ungefähr 100 000 weniger als 2006. Eine Umkehr des Bevölkerungsrückgangs, der 2002 eingesetzt hat, als Deutschland mit 82,54 Mill. Einwohnern den Höchststand nach der Wiedervereinigung erreicht hatte, ist nach Ansicht von Fachleuten nicht in Sicht. Die Statistiker in Wiesbaden gehen davon aus, dass die Republik 2050 nur noch etwa 78,74 Millionen Menschen zählen wird; der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg rechnet sogar nur noch mit rund 68 Millionen.

„Wir haben ein demografisches Problem, das auf dem demografischen Weg nicht gelöst werden kann“, bringt es Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden auf den Punkt. Weder die Zahl der Geburten, noch die Zuwanderung aus dem Ausland könnten den Bevölkerungsrückgang und die Alterung der Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten aufhalten, sind sich die Fachleute einig.

„Wir haben weniger Mütter, und die bringen automatisch weniger Kinder hervor“, sagt Dorbritz. „Die Elterngeneration ist jeweils um ein Drittel größer als die Kindergeneration, und das wird weiter gereicht.“ Um diese Entwicklung umzukehren, müsste jede Frau statistisch deutlich mehr als zwei Kinder auf die Welt bringen. „Das ist aber völlig aussichtslos, das gibt es in keinem Land in Europa.“ Seit Mitte der 70er Jahre kommen statistisch auf eine Frau in Deutschland 1,3 bis 1,4 Kinder.

„Der Rückgang der Geburten ist die wichtigste Komponente des Rückgangs“, sagt Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. „Das ist ein Ergebnis der letzten 100 Jahre.“ Um 1900 habe eine Frau noch durchschnittlich vier bis fünf Kinder zur Welt gebracht, und der Bevölkerungsrückgang sei schon in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts prognostiziert worden. „Aber die Gesellschaft heute hat mit der um 1900 auch nichts mehr zu tun.“ Viele Frauen verzichteten heute bewusst auf Kinder.

„Die Kinderlosigkeit ist in erster Linie ein Männer-Thema“, meint dagegen Birg. „Männer wollen Partnerinnen, aber keine Kinder.“ Auch wenn sich inzwischen mehr Männer für Kinder entschieden und der Familie mehr Wert beimäßen, sei dies noch immer eine verschwindend geringe Minderheit. „Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) kann da auch keine Wunder vollbringen“, sagte Birg. „Da bräuchte man schon eine Kulturrevolution.“

Wie viele Babys 2007 in Deutschland zur Welt kamen, steht noch nicht genau fest. Die Statistiker gehen von 680 000 bis 690 000 aus, im Jahr zuvor war mit nur rund 673 000 der Tiefstand erreicht worden. Ob das mit dem Elterngeld zusammenhänge könne erst in drei, vier Jahren beurteilt werden, sagte Dorbritz. Viele Paare zögen angesichts solcher familienpolitischen Maßnahmen ihren Kinderwunsch bloß vor. „Das muss kein nachhaltiger Effekt sein.“ Birg spricht von einer Zufallsschwankung. „Das ist auf keinen Fall eine Trendwende.“

Die Zahl der Geburten lag erstmals 1972 niedriger als die der Sterbefälle. Diese Lücke konnte bis 2002 mit Zuwanderung geschlossen werden, seither aber nicht mehr. Um die Zahl der Geburten auszugleichen, müssten viel mehr Menschen einwandern als in die Gesellschaft integriert werden könnten, rechnen Scholz und Birg vor. Außerdem löse dies das Problem nur augenblicklich.

Der Bevölkerungsschwund sei an sich nicht dramatisch, die sozialen Sicherungssysteme müssten aber angepasst werden, betonen die Experten. Birg fordert zudem eine „ursachenorientierte Politik, die langfristig die niedrige Geburtenrate anhebt“. Bei Einstellungen beispielsweise müssten prinzipiell Frauen mit familiären Pflichten - Kindern oder Pflegeaufgaben - Vorrang haben.

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