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06.11.2015

19:40 Uhr

BHP und Vale in der Krise

Fataler Dammbruch schockt Brasilien

VonAlexander Busch

Nach einem Deichbruch an einem Bergwerk in Brasilien hat eine Schlammlawine die Region überrollt. Die Zahl der Opfer ist noch unklar. Die Betreiber – die größten Bergbaukonzerne der Welt – erwarten hohe Entschädigungen.

Die Schlammlawine aus dem Klärbecken hatte am Donnerstag einen Teil der Ortschaft Bento Rodriguez überflutet. ap

Nach Dammbruch

Die Schlammlawine aus dem Klärbecken hatte am Donnerstag einen Teil der Ortschaft Bento Rodriguez überflutet.

São PauloEs ist früher Nachmittag als am Donnerstag zwei leichte Erdstöße das zentrale Bergland von Minas Gerais erzittern lassen. Oder waren es Explosionen? Die wenigsten Einwohner in der Bergbauregion bekommen von den Erschütterungen der Stärke 3 auf der Richterskala etwas mit. Einige Menschen im 600-Einwohner-Örtchen Bento Rodrigues dagegen sehen jedoch kurz darauf eine Staubwolke aufsteigen bei der Stauanlage Fundão.

Aus einem Fahrzeug filmt jemand, wie sich eine immer größer werdende Staubwolke auf das sieben Kilometer vom Stausee entfernte Örtchen zubewegt. Später wird bekannt, dass eine Stauanlage geborsten ist. In die leitet das Bergwerkunternehmen Samarco Klärschlamm. Der entsteht, wenn der Konzern das dort abgebaute Eisenerz mit Wasser vermischt in die Pipeline einfüllt, durch welche die Schlämme 400 Kilometer bis an die Atlantikküste gepumpt wird.

Doch an Abbau ist jetzt nicht mehr zu denken: Eine gewaltige Schlammlawine schiebt Bäume, Felsen und Farmerhütten vor sich her, bis sie die Ortschaft erreicht. Dort bedeckt sie die Häuser, Straßen und Plätze mit einer 2,5 Meter hohen Schlammschicht. Die meisten Bewohner können evakuiert werden, auch in den nächsten Ortschaften, weil die Lawine an Geschwindigkeit verliert.

Die Probleme der Schwellenländer

Brasilien

Präsidentin Dilma Rousseff genießt nur noch acht Prozent Zustimmung, vor allem wegen eines Korruptionsskandals. Der Autoabsatz ist im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent eingebrochen. Die deutschen Autobauer müssen ihre Produktion spürbar drosseln. Die Inflation kletterte im Juli auf satte 9,56 Prozent – der Konsum bricht ein. Hinzu kommen externe Faktoren wie der schwache Ölpreis und die teils marode Infrastruktur.

Russland

Die Wirtschaft Russlands ist von April bis Juni um fast fünf Prozent geschrumpft. Die Talfahrt der Ölpreise macht dem von Rohstoffen abhängigen Land schwer zu schaffen. Hinzu kommen westliche Sanktionen und ein schwacher Rubel. Die Inflation beträgt aktuell mehr als 15 Prozent.

Indien

Laut eigenen Angaben ist die Wirtschaft Indiens aktuell um 7,3 Prozent gewachsen. Das überaus gute Ergebnis beruht allerdings auf einem Berechnungstrick der Regierung. Wichtige Sektoren wie die industrielle Produktion entwickeln sich weiter schwach. Die Infrastruktur ist völlig unzureichend, die Bürokratie enorm. Andererseits profitiert das Öl- und Gas-Importland von den niedrigen Rohstoffpreisen.

China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde kämpft mit einer unerwartet schlechten Konjunktur, hohen Schuldenbergen, dem Platzen einer Aktienblase und schwachen Außenhandelszahlen. Die Zeiten des Turbo-Wachstums sind nach Meinung von Experten vorbei. Aktuell ist es so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Die überraschende Abwertung der Währung ließ ebenfalls Sorgen aufkommen, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei.

Südafrika

Präsident Jacob Zuma konnte bisher kein Skandal erschüttern. Die Wirtschaft in dem Land mit gut 50 Millionen Einwohnern schwächelt jedoch. Landesweite Stromausfälle würgen das geringe Wachstum ab und verhindern Neuinvestitionen. 2014 wuchs die Wirtschaft noch um 1,5 Prozent, was viel zu langsam ist. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 25 Prozent, bei Jugendlichen bei rund 35 Prozent. Der südafrikanische Rand hat stark an Wert verloren.

Am frühen Abend breitet sich die wegen des hohen Eisengehaltes rote Schlammdecke über acht Kilometer im Tal aus. Am Freitagnachmittag werden noch 16 Personen in der Gegend vermisst. Ein Mineningenieur starb am Herzinfarkt. Später wird bekannt, dass sogar gleich zwei Stauanlagen geborsten sind. Beide wurden von den Behörden noch im Juli getestet und als einwandfrei begutachtet. Unklar ist noch, ob der Schlamm toxisch ist. Ein Sprecher von Samarco erklärt, dass der Klärschlamm vorwiegend aus Silizium, als Sand bestehe und er keine Chemikalien beinhalte.

Der Grund für den Bruch der Stauanlagen ist bisher nicht bekannt. Sie kommen jedoch in der Bergbauregion Minas Gerais öfters vor. Erst 2014 war in 58 Kilometer Entfernung eine größere Stauanlage eines Minenbetreibers geplatzt. Drei Menschen starben damals.

Bergbaukonzern: BHP Billiton leidet unter Rohstoff-Preisverfall

Bergbaukonzern

BHP Billiton leidet unter Rohstoff-Preisverfall

Der Gewinn des Bergbaukonzern BHP Billiton ist im abgelaufenen Geschäftsjahr um mehr als die Hälfte eingebrochen. Der Preisverfall bei Rohstoffen trifft das Unternehmen damit noch härter als befürchtet.

Für Samarco ist das Unglück fatal: Der Eisenerzkonzern, der einst Arbed aus Luxemburg gehörte, ist inzwischen ein australisch-brasilianisches Tochterunternehmen. Der brasilianische Eisenerzriese Vale und der australisch-britische Konkurrent BHP Billiton teilen sich die Kontrolle des Konzerns – die Aktien der Unternehmen gaben an der Börse in Sao Paulo deutlich nach. Samarco ist der lukrativste Eisenerzförderer Brasiliens, möglicherweise sogar der Welt: Vom Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar in 2014 blieben mehr als 40 Prozent als Gewinn in der Kasse.

Die Entschädigungsforderungen dürften hoch ausfallen: Die Gegend um die nahegelegenen Barockstädten Mariana und Ouro Preto ist ein beliebtes Tourismusziel und Naherholungsgebiet der Bevölkerung der 3-Millionen-EInwohnerstadt Belo Horizonte. Samarco-CEO Ricardo Vescovi entschuldigte sich in einer Videobotschaft für den Unfall und erklärte dass der Konzern jetzt vor allem den Schaden für die Bevölkerung begrenzen wolle.

Doch das ist leichter gesagt als getan: Die Rettungsmannschaften können die von Schlamm überzogenen Ortschaft noch nicht betreten. Die Gefahr ist, dass auch die Helfer im tückischen Morast versinken.

Dammbruch in Brasilien

Giftige Schlammlawine verwüstet Dorf

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