Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.04.2013

13:21 Uhr

Buenos Aires

„Gotteslästerer“ León Ferrari stellt wieder aus

Der heutige Papst bezeichnete seine Kunst als Blasphemie und ihn selbst als Gotteslästerer: gemeint ist der argentinische Künstler León Ferrari. Nun stellt er in Buenos Aires wieder seine religionskritischen Werke aus.

Blick auf eines der berühmtesten Werke des argentinischen Künstlers León Ferrari: Eine menschengroße Jesusfigur, gekreuzigt auf einem US-Kampfjet. Ferrari hatte es 1965 während des Vietnamkrieges gefertigt. dpa

Blick auf eines der berühmtesten Werke des argentinischen Künstlers León Ferrari: Eine menschengroße Jesusfigur, gekreuzigt auf einem US-Kampfjet. Ferrari hatte es 1965 während des Vietnamkrieges gefertigt.

Buenos AiresFür Kardinal Jorge Mario Bergoglio war der Anblick unerträglich: Die heiligen Symbole des Christentums, eingebettet in die profane Realität unserer westlichen Welt. Christusfiguren, die in einem Spielzeugtoaster schmoren, Jesus mit Militärweste hinter einem Maschinengewehr, die Arche Noah in einer Bratpfanne. Priester, die heimlich eine junge Frau in Reizwäsche beobachten. Im Jahr 2004 hatte die Kunst von León Ferrari in Argentinien zu einer heftigen Auseinandersetzung geführt. Nun, während der damalige Kardinal als Papst Franziskus im Vatikan residiert, stellt León Ferrari wieder in Buenos Aires aus.

Ferraris Kunst schafft Kontroversen. Sie überschreitet bewusst Grenzen, sie problematisiert, sie polemisiert. Und sie hat eine klare politische Botschaft: Die Kritik an der westlichen Zivilisation und dem Christentum. Der Künstler fordert mit seinen Skulpturen, Collagen und Zeichnungen eine gerechte und tolerante Welt ein, ohne Krieg, Gewalt und Diskriminierung.

Damals sollte das Lebenswerk des heute 92-jährigen Künstlers in einem Kulturzentrum der Stadt Buenos Aires ausgestellt werden. Bergoglio verfasste einen öffentlichen Brief, in dem er Ferrari der Blasphemie bezichtigte und die Ausstellung als eine Schande für die Stadt bezeichnete. Mitglieder der ultrakatholischen Gruppierung „Cristo Sacerdote“ tauchten daraufhin auf der Eröffnungsfeier auf, beschimpften den Künstler und zerstörten Kunstwerke. Nur knapp zwei Wochen war die Ausstellung schließlich geöffnet. Im katholisch geprägten Argentinien löste der Vorfall eine heftige Debatte aus.

Bis zum 26. Mai sind nun über 500 Plastiken und Bilder im Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti, im ehemaligen Marine-KZ ESMA, zu sehen. Ferrari hat eine besondere Beziehung zu dem Ort: Hier verschwand 1977 während der Diktatur sein Sohn Ariel. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, dem dunklen Kapitel der Militärdiktatur in Argentinien, ist deshalb auch ein Anliegen des Künstlers.

Viele Werke, die die Kirche im Jahr 2004 so sehr erzürnt hatten, sind wieder Teil der Ausstellung. Auch ein kleines Modell seines berühmtesten Werkes ist zu sehen: Eine menschengroße Jesusfigur, gekreuzigt auf einem US-Kampfjet. Ferrari hatte sie 1965 während des Vietnamkrieges gefertigt.

„Die Kunst von Ferrari war schon immer sehr polemisch“, sagt der Kurator Andrés Duprat. „Mir gefällt die Polemik. Es ist gut, dass darüber geredet wird, denn Kunst darf einen nicht gleichgültig lassen. Das ist das Gute an Ferraris Werken: Sie verlassen die kleine Welt der zeitgenössischen Kunst und werden zu einem Teil der öffentlichen Meinung.“

Spätestens seit seiner Auseinandersetzung mit der Kirche ist León Ferrari, der zurückgezogen in Buenos Aires lebt, auch international bekannt. Im Jahr 2007 wurde er auf der Biennale von Venedig mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet. „Als ich den Preis erhielt, musste ich sehr an den Kardinal Bergoglio denken, weil er mir maßgeblich dazu verholfen hat“, sagte Ferrari damals. „Nur selten wurde für einen Künstler so viel Werbung gemacht.“

Der Künstler Yaya Firpo, der seit über zehn Jahren mit Ferrari zusammenarbeitet und auch an der jetzigen Ausstellung mitwirkte, vertritt eine ähnliche Haltung zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche: „Als Mensch überzeugt mich Bergoglio nicht. Aber man muss sagen, dass Ferrari durch ihn erst richtig berühmt wurde.“ Nach dem Vorfall hätten sich viele neue Möglichkeiten für die beiden Künstler aufgetan. „Ich verdanke Bergoglio mein Haus!“, sagt Firpo mit einem Augenzwinkern.

Proteste gegen die Ausstellung sind bislang ausgeblieben. Duprat vermutet, dass die argentinische Gesellschaft toleranter geworden sei. Man wisse jedoch nicht, was bis Ende Mai noch passieren könne. Doch die Gläubigen haben möglicherweise auch ihre Lehren aus dem damaligen Vorfall gezogen: Für die zerstörten Kunstwerke mussten sie eine Geldstrafe an den Künstler zahlen. Ferrari spendete das Geld einer Schwulenorganisation.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×