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26.07.2015

13:13 Uhr

Concorde-Absturz vor 15 Jahren

„4590, Sie haben Flammen, Flammen hinter sich“

VonThomas Hanke

Der Absturz einer Concorde beim Start in Paris vor 15 Jahren hat das Kapitel ziviler Überschallflug beendet. 113 Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Leben. Ein Schock, der Frankreich bis heute bewegt.

Die Concorde schlug unmittelbar nach dem Start in einem Hotel ein. AFP

Der Absturzort

Die Concorde schlug unmittelbar nach dem Start in einem Hotel ein.

ParisAn diesem Wochenende jährt sich zum 15. Mal der Absturz der Concorde am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. 113 Menschen kamen ums Leben: 100 Passagiere, fast alle aus Deutschland, neun Besatzungsmitglieder und vier Menschen in dem Hotel, auf das die Air France-Maschine stürzte. Die Maschine sollte nach New York fliegen, wo die Fluggäste an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gehen wollten.

Am 25. Juli um 14:42 und 17 Sekunden gab der Kontrollturm den Start frei für die Air France 4590. Knapp eine Minute später, der schmale Flieger mit der spitzen Nase und den Deltaflügeln hatte noch nicht abgehoben, kam die Schreckensnachricht: „4590, Sie haben Flammen, Flammen hinter sich.“ Lakonisch bestätigte der Kapitän: „Empfangen.“ Der sehr erfahrene Christian Marty kann den Start nicht mehr abbrechen, wegen seiner hohen Start- und Landegeschwindigkeit brauchte das erste zivile Überschallflugzeug eine sehr lange Piste.

Marty blieben aber statt der nötigen 3,5 km nur noch knapp zwei Kilometer, deshalb entschied er sich, den Start zu versuchen. Siebzehn Sekunden später meldet der Tower erneut: „Sie haben starke Flammen am Heck.“ Der Kapitän bestätigt wieder. Der Tower gibt ihm die Landebahn frei, um zurückzukehren. Ein paar Sekunden bleibt unklar, was Marty versuchen wird, der Chef der Feuerwehr schaltet sich ein und meint, AF 4590 werde umdrehen, dann ist Marty wieder zu hören – zum letzten Mal: „Negativ, versuchen Le Bourg…“

Langer Streit über die Ursache der Katastrophe

25. Juli 2000

Eine Concorde der Fluggesellschaft Air France stürzt kurz nach dem Start vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle ab. 113 Menschen kommen ums Leben, darunter 97 Deutsche.

16. August 2000

Die britische und die französische Luftfahrtbehörde verhängen bis auf weiteres ein Flugverbot für die Überschallmaschinen.

14. Mai 2001

Die Entschädigung für die meisten Opfer-Familien wird geregelt. Über die Summe wird Stillschweigen vereinbart, Schätzungen gehen von 173 Millionen Euro aus.

5. September 2001

Die zuständigen Luftfahrtbehörden erteilen der Concorde wieder die Flugerlaubnis. Am 19. September unternimmt eine französische Concorde erstmals wieder einen Flug mit Passagieren.

16. Januar 2002

Im Schlussbericht des französischen Untersuchungsamts für Flugunfälle (BEA) wird als wesentliche Unglücksursache festgehalten, dass die Concorde beim Abflug über ein 43 Zentimeter langes Metallteil gerast war. Es stammte von einer kurz zuvor gestarteten Maschine der US-Gesellschaft Continental Airlines. An der Concorde platzte ein Reifen. Teile davon trafen eine Tragfläche mit einem eingelagerten Tank, der zerbarst. Das auslaufende Kerosin geriet in Brand.

10. April 2003

Aus Kostengründen beschließen British Airways und Air France die Concorde nach 27 Jahren aus dem Verkehr zu ziehen. Mit der letzten Landung am 24. Oktober in London ist die Ära zu Ende.

14. Dezember 2004

Die Pariser Staatsanwaltschaft stellt im Abschlussbericht Schwachstellen an den Concorde-Tragflächen fest.

6. Dezember 2010

Ein französisches Gericht gibt der Fluggesellschaft Continental Airlines eine Mitschuld an der Katastrophe und verurteilt das Unternehmen zu einer Geldstrafe von 200 000 Euro. Ein Continental-Mitarbeiter erhält 15 Monate Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Continental muss zudem eine Million Euro Schadenersatz an Air France zahlen.

29. November 2012

Das Berufungsgericht in Versailles hebt die strafrechtliche Verurteilung der Angeklagten auf. Lediglich die Entscheidung zur Schadensersatzzahlung wird aufrechterhalten.

Die Verbindung wird unterbrochen, der Kapitän wollte den direkt nebenan gelegenen Flughafen von Le Bourget erreichen. Doch bis dahin schafft die mittlerweile lichterloh brennende Concorde es nicht mehr. Marty gelingt es noch, die Maschine vom Zentrum des Städtchens Gonesse wegzusteuern, sie stürzt auf ein Hotel und explodiert. Alle Insassen sterben.

Während die Concorde startete, landete das Flugzeug des damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac. Deswegen gab es kurzfristig die Vermutung, ein Terroranschlag könnte stattgefunden haben. Die ausführliche Untersuchung gab aber einem Mechaniker der Continental-Maschine die Schuld, die kurz vor der Concorde von derselben Piste gestartet war. Sie verlor einen Metallstreifen, der sollte den vorderen rechten Reifen von AF 4590 zerstört haben. Dessen Fetzen hätten die Flügelstruktur beschädigt, auf der linken Seite durch einen kinetischen Effekt zum Austreten von großen Mengen Treibstoff geführt, rund 75 Liter pro Sekunde, der sich am Motor entzündete. Die Motoren eins und zwei verloren rasch an Leistung, das Flugzeug konnte den Start nicht vollenden und hob nur wenig vom Boden ab.

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Später gab es Zweifel an dieser Theorie: Mehrere Zeugen sagten aus, die Motoren hätten bereits gebrannt, bevor die Concorde über den Metallstreifen fuhr. Brandspuren seien vor der Stelle festgestellt worden, an der das Metallstück gefunden wurde. Das Urteil gegen den Mechaniker wurde aufgehoben. Es wurde bekannt, dass in 57 Fällen Concorde-Reifen platzten und die Tragflächen beschädigten, ohne dass die Hersteller etwas Wirksames unternahmen.

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