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05.02.2015

17:40 Uhr

Costa Concordia

Entscheidende Stunden für Kapitän Schettino

Dass Francesco Schettino bei der Evakuierung der „Costa Concordia“ fatale Fehler gemacht hat, gilt als unstrittig. Doch seine Anwälte setzen alles daran, dass der Kapitän nicht als „Luftikus“ der Meere verurteilt wird.

Irrer oder guter Seemann? Kapitän Francesco Schettino machte bei der Evakuierung der „Costa Concordia“ fatale Fehler. dpa

Fatale Fehler

Irrer oder guter Seemann? Kapitän Francesco Schettino machte bei der Evakuierung der „Costa Concordia“ fatale Fehler.

GrossetoIm grauen Mantel und in grauer Hose kommt Francesco Schettino zum Gericht. Es sind die entscheidenden Stunden für den Kapitän der „Costa Concordia“. Schaffen es seine Verteidiger mit ihren Plädoyers, das Gericht von ihrer Version des Schiffsunglücks vor drei Jahren zu überzeugen? Oder steht der 54-jährige Süditaliener schon mit einem Bein im Gefängnis?

Idiot, Feigling, Lügner: An harschen Worten hat die Anklage im Prozess gegen Schettino nicht gespart. Sie will ihn mehr als 26 Jahre unter anderem wegen fahrlässiger Tötung hinter Gitter bringen. Bei dem Unglück starben vor drei Jahren 32 Menschen, darunter 12 Deutsche.

Am Donnerstag holte die Verteidigung zum zweitägigen Gegenschlag aus. Sie will verhindern, dass Schettino als „Luftikus“ und „Irrer“ auf hoher See verurteilt wird. Eines ihrer zentralen Argumente: Schettino wurde als einziger Schuldiger „ghettoisiert“. Anwalt Donato Laino zeichnet vor dem Gericht im toskanischen Grosseto gestenreich nach, wie Schettino seiner Meinung nach von den Medien und der Staatsanwaltschaft von Anfang an als Sündenbock abgestempelt worden sei.

Die Staatsanwaltschaft habe sich auf ihn als „perfekten Feigling“ konzentriert und Schettino als einzigen Angeklagten vor der Flinte gehabt. Andere Beschuldigte seien mit außergerichtlichen Einigungen „belohnt“ worden.

Fragen und Antworten zum Costa-Concordia-Prozess

Was wird Schettino vorgeworfen?

Schettino muss sich wegen einer ganzen Reihe mutmaßlicher Straftaten verantworten. Ihm werden fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie, unterlassene Kommunikation mit den Behörden und das Verlassen des Schiffes während dessen Evakuierung vorgeworfen.

Ist er der einzige Angeklagte?

Voraussichtlich wird Schettino der einzige Angeklagte in dem Prozess sein. Fünf weitere Beschuldigte hatten in den Voranhörungen Deals mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt, die eine direkte Verurteilung ohne Beweisaufnahme vorsehen. Das Gericht muss aber noch entscheiden, ob es dieses Vorgehen zulässt oder den Beschuldigten in einem normalen Verfahren der Prozess gemacht wird.

Wie lange dauert der Prozess?

Das Gericht hat zunächst fünf Verhandlungstage für den Juli angesetzt – wann es danach weitergeht, ist noch offen. Wegen eines Anwaltsstreiks in Italien wird sich der Prozessbeginn verzögern und auf den 17. Juli verschoben. Weitere Termine könnten dann nach der Sommerpause im Herbst folgen und das Verfahren sich über mehrere Monate hinziehen, bevor die entscheidende Phase ansteht.

Wann ist mit einem endgültigen Urteil zu rechnen?

Nach einem möglichen erstinstanzlichen Urteil ist auch eine Berufung möglich, weshalb bis zu einem rechtskräftigen Urteil Jahre vergehen könnten.

Wer nimmt noch an dem Verfahren teil?

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere mit Sitz in Genua tritt als Nebenkläger auf. Sie fordert Schadenersatz für den Verlust ihres Schiffes, wollte sich aber vorab nicht zu ihren Erwartungen äußern. Auch die Gemeinde Giglio ist als Nebenkläger zugelassen. „Wir erwarten vor allem, dass die Wahrheit gefunden wird und dass der schlimme Schaden anerkannt wird, den die Insel Giglio erlitten hat“, sagte Sprecher Cristiano Pellegrini. Die Kommune fordere daher mindestens 80 Millionen Euro Schadenersatz.

Haben die Opfer schon Schadensersatzzahlungen erhalten?

Die meisten deutschen Betroffenen haben bereits Entschädigungen von etwa 11 000 Euro angenommen. Mehr als 100 Opfer streiten noch in den USA um höhere Summen. Sie wollen Entschädigungen von jeweils mindestens 100 000 Dollar (etwa 77 000 Euro) bekommen. Auch in dem Prozess in Grosseto wollen einige Überlebende und Opferangehörige als Nebenkläger auftreten.

Damit bezog er sich auch auf den Rudergänger Jacob Rusli Bin. Der soll zum Zeitpunkt des Unglücks am Steuer gewesen sein. Vor allem Verständigungsprobleme sollen aus Sicht von Schettino die Katastrophe ausgelöst haben. Der Rudergänger selbst hatte sich mit dem Gericht ohne Prozess gegen ein Schuldeingeständnis auf eine geringe Haftstrafe geeinigt. „Francesco Schettino hat instinktiv ein Notfallmanöver gemacht, aber es gab eine Störung, sprich einen Fehler des indonesischen Rudergängers Jacob Rusli Bin“, sagte Laino laut der Nachrichtenagentur Ansa. „Der Kapitän hat die richtige Sache gemacht.“

Zum Vorwurf, Schettino habe den Alarm zu spät ausgelöst, nachdem der Kreuzfahrtriese mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der Insel Giglio auf einen Felsen prallte und kenterte, sagte der Anwalt: „Kapitän Schettino war nicht tatenlos am Telefon (...). Er hat versucht, zu verstehen, was zu tun ist. Er hat bis zuletzt gewartet, denn mehr als 4000 Menschen in Wasser zu bringen, war die gefährlichste Sache in diesem Moment. Das Schiff ist immer das sicherste Rettungsboot.“

Jedoch stellte sich das als fataler Fehler heraus, denn viele Menschen starben elendig an Bord des Kreuzfahrtschiffes, weil es keine Rettungsboote gab und die Evakuierung chaotisch verlief. Wenn diese zügig vorangegangen wäre, hätte das womöglich vermieden werden können. Besondere Empörung löste aus, dass Schettino zuerst seine eigene Haut rettete und die Menschen in Todesangst an Bord zurückließ. Schettino hatte zwar Fehler bei dem Manöver eingeräumt, doch er wälzte die Schuld immer wieder auf andere und diskreditierte sich selbst mit unpassenden Bemerkungen.

Auch habe es technische Defekte gegeben, sagte Anwalt Laino nun und verwies unter anderem auf einen Ausfall des Notfall-Generators. Hätte dieser funktioniert, hätte das Menschenleben retten können. „Aber für den Staatsanwalt ist Schettino - egal ob (der Generator) da war oder nicht - immer ein Krimineller.“

Wie das Gericht das sieht, wird voraussichtlich Anfang kommender Woche klar: Dann soll das Urteil gegen Schettino fallen. Diesen Freitag hat aber erst noch einmal die Verteidigung das Wort und wird ihre konkrete Forderung stellen.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr michael verhoven

06.02.2015, 17:23 Uhr

Nennen wir es punitive damage, erschwerter Schaden, bewußter Schaden, oder, wie ich vorziehe “Schaden aus Profitgier”. Es sieht so aus, als ob alle Anwälte der Nebenkläger die gleiche Forderung stellen: Costa soll scharf bestraft werden, weil die Gesellschaft die Voraussetzungen für die Tragödie geschaffen und gefördert und – eben aus Profitgier – auf unverantwortliche und vorsätzliche Weise dazu beigetragen hat, daß die Folgen der Tragödie verheerend waren. Selbst Costas CeO Michael Thamm sprach von einer “Unternehmenskultur, die ausgerottet werden muss“ und aus der “ Schettino und der Fall CC entstanden”. Nur eine hohe Geldstrafe kann eine ausreichend hohe Wirkung der Abschreckung beinhalten, um zu bewirken, daß nicht nur Costa sondern die gesamte Kreuzfahrtindustrie den Kurs ändert. Das Gericht in Grosseto hat bereits den großen Verdienst, die Zeiten des Prozesses beschleunigt und somit den schwer angeschlagenen Ruf Italiens wenigstens teilweise revidiert zu haben. Ich vertraue darauf, daß die Richter einen weiteren Schritt in der selben Richtung tun werden mit einem Urteil, das ein wahrer Ausgleich für die erlittenen Schäden und Schmerzen sein kann und darüber hinaus dazu beitragen wird, daß uns ähnliche oder noch schlimmere "Unfälle“ (man beachte die Anführungszeichen) in Zukunft erspart bleiben. Die Welt schaut auf Italien.

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