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26.01.2012

13:32 Uhr

„Costa Concordia“-Unglück

Deutsches Todesopfer kommt aus Hessen

Nach dem Unglück der „Costa Concordia“ sind nun bereits drei Tote als Deutsche identifiziert. Neun Deutsche werden noch vermisst. Der Reederei droht eine Sammelklage. Und Kapitän Schettino sorgt für neue Schlagzeilen.

Die havarierte Costa Concordia. Für Taucher wird es immer schwieriger in die Räume des Schiffes zu gelangen, die unter Wasser liegen. Reuters

Die havarierte Costa Concordia. Für Taucher wird es immer schwieriger in die Räume des Schiffes zu gelangen, die unter Wasser liegen.

Rom/Giglio/BerlinNach dem Schiffsunglück vor Italien sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes mittlerweile insgesamt drei deutsche Todesopfer identifiziert. Unter den Opfern des Schiffsunglücks vor der toskanischen Küste
ist auch ein Mann aus Hessen. Eine der geborgenen Leichen konnte als der 74-jährige Egon H. aus Maintal identifiziert werden, wie ein Sprecher der Polizei am Donnerstag in Offenbach auf Anfrage sagte. Die Zahl der vermissten Deutschen liege nun bei neun, sagte eine AA-Sprecherin am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Zur genauen Herkunft der Opfer machte sie keine Angaben. Unter den drei Toten sei auch das bereits von den italienischen Behörden gemeldete deutsche Opfer. Die Rettungskräfte auf dem gekenterten Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ haben die Hoffnung, weitere Überlebende zu finden, aufgegeben.

„Jemanden lebend zu finden, wäre ein Wunder“, sagte der Leiter des Krisenstabes, Franco Gabrielli, auf der Insel Giglio. Unterdessen sorgte der schwer beschuldigte und unter Hausarrest stehende Kapitän des Unglücksschiffes, Francesco Schettino, für neue Schlagzeilen. Abgehörte Telefonate des 52-Jährigen nach der Havarie am 13. Januar mit Freunden scheinen Schettino zu belasten und seinen Aussagen im Verhör zu widersprechen.

Wie geht es nach dem „Concordia“-Unglück weiter?

Besteht noch Hoffnung auf Überlebende?

So lange nach der Havarie gibt es praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden. Nach Vermissten soll aber in den nächsten Wochen weiter gesucht werden. Doch um diese schwierige Aufgabe der Taucher abschließen zu können, muss das auf der Seite liegende Schiff erst voll inspiziert werden können. Möglicherweise zwischen Rumpf und Felsengrund eingeklemmte Opfer können erst dann geborgen werden, wenn das 290 Meter lange Schiff wieder aufgerichtet worden ist. Dafür soll die Reederei nun einen Bergungsplan vorlegen.

Wie läuft die Suche nach den Vermissten konkret ab?

Die „Costa Concordia“ wird systematisch abgesucht: unter Wasser bei Tageslicht von Tauchern der Feuerwehr, Küstenwache und Polizei, im trockenen Teil rund um die Uhr von Spezialkletterern der Feuerwehr. Marine-Taucher sprengen zudem Hindernisse unter Wasser aus dem Weg. Für jedes der 1500 Zimmer, in dem Menschen vermutet werden, müssen die Einsatzkräfte 40 bis 45 Minuten Zeit einrechnen. Unter Wasser sei die Sicht so schlecht, berichten Taucher, dass man die Hand vor Augen nicht sehe. Wegen der Eisenwände gibt es keinen Funkkontakt.

Wie viele Opfer wurden bereits gefunden und werden noch vermutet?

Bis Montag wurden 15 Tote aus dem Schiff geborgen und neun von ihnen bereits identifiziert. Eine Tote wurde dann am Dienstag gefunden. Nach offiziellen Listen galten davor noch 23 Menschen als vermisst. Abzüglich der sieben noch nicht identifizierten Toten ergaben sich rein mathematisch daraus 17 noch zu suchende Leichen an Bord des Schiffes und am Meeresgrund um die „Concordia“. Gabrielli kann jedoch nicht ausschließen, dass im Schiff noch Opfer sind, die nicht auf den Listen standen.

Ist wegen des Treibstoffs an Bord die Umwelt bedroht?

Eine Bergungsfirma will am Wochenende mit dem Abpumpen der rund 2300 Tonnen Treibstoff beginnen. Die Tanks der „Concordia“ sind unbeschädigt. Wenn bei der Entleerung - die rund vier Wochen dauern dürfte - Öl austritt, sollen eine doppelte schwimmende Barriere und ein Spezialschiff dieses wieder einsammeln. Der Schaden durch einen dünnen Ölfilm - entstanden bei der Suche nach Vermissten - soll sich in Grenzen halten und die Natur um die Insel nicht gefährden.

Droht das Schiff unterzugehen oder liegt es stabil?

Die „Costa Concordia“ hat sich in den Tagen nach der Havarie am 13. Januar immer wieder leicht bewegt. Diese Bewegungen werden von den Experten unter anderem per Satellit genau registriert. Zunächst wurde befürchtet, das gekenterte Schiff könnte bei einem schweren Sturm bis auf eine Tiefe von etwa 90 Metern absinken. Der Leiter des Krisenstabes, Franco Gabrielli, gab am Montag aber Entwarnung. Das Schiff sei stabil, das hätten umfangreiche Messungen erwiesen.

Wie geht es mit dem Kapitän weiter?

In der Woche nach der Havarie stand der schwer beschuldigte Kapitän Francesco Schettino im Fokus. Der 52-Jährige steht unter Hausarrest, die Ergebnisse eines Drogentests müssen erst noch bekannt werden. Ihm werden mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Aber auch gegen den Vizekommandanten Ciro Ambrosio wird ermittelt. Und der Generalstaatsanwalt der Toskana, Beniamino Deidda, zeigt mit dem Finger auf die Reederei Costa Crociere und deren Entscheidungen: Der Arbeitgeber sei verantwortlich, er wähle auch den Kapitän aus.

Obwohl das Schiff teilweise voll Wasser gelaufen ist, setzten die Rettungskräfte ihre Suche nach Überlebenden fort. Nach einer Unterbrechung wegen schlechten Wetters hatten sich Marine-Taucher am Morgen einen noch größeren Zugang zu dem dritten Deck des havarierten Schiffes freigesprengt. Noch immer werden mehr als 20 Menschen vermisst. 16 Tote konnten identifiziert werden. Das deutsche Auswärtige Amt sprach am Mittwoch noch von neun deutschen Vermissten.

Italienische Medien zitierten am Mittwoch aus Telefongesprächen des Kapitäns, die in einer Carabinieri-Kaserne von Orbetello abgehört wurden. Dort hatte sich Schettino nach der Havarie kurz aufgehalten.

Durch dieses Chaos müssen sich die Taucher ihren Weg bahnen. dapd

Durch dieses Chaos müssen sich die Taucher ihren Weg bahnen.

„Als ich gesehen habe, dass sich das Schiff neigte, habe ich mich heruntergestürzt“, zitierte ihn die Turiner „La Stampa“. Damit verrate sich Schettino, schreibt das Blatt, weil er bei seiner offiziellen Vernehmung ausgesagt hatte, er sei zufälligerweise von dem Schiff in ein Rettungsboot gefallen.

„Ein anderer an meiner Stelle wäre nicht so gnädig gewesen, dort längs zu fahren, damit sind sie mir auf den Sack gegangen“, habe Schettino außerdem am Telefon berichtet. Er machte deutlich, dass ein nicht namentlich genannter „Manager“ in höchstem Maße insistiert habe, die 'Verbeugung' genannte nahe Route an der Insel Giglio vorbei zu nehmen: „Fahr, fahr dahin, die Untiefe dort war nicht von den Instrumenten angezeigt, die ich zur Verfügung hatte, und wir sind da längs gefahren(...), um auf den Manager zu hören, fahr dahin, fahr dahin.“

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