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14.07.2013

21:40 Uhr

Der Fall Trayvon Martin

Todesschütze verlässt Gerichtssaal als freier Mann

Auch nach dem Urteil spaltet der Fall die USA. Ein schwarzer Teenager wurde erschossen, immer wieder war von Rassismus die Rede. Der Todesschütze, Mitglied einer Bürgerwehr, wurde freigesprochen – nun regt sich Protest.

Fall Trayvon Martin

Explosives Urteil

Fall Trayvon Martin: Explosives Urteil

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SanfordVerwunderung, Erleichterung, Fassungslosigkeit: Am Freispruch des Todesschützen von Trayvon Martin scheiden sich die Geister. Der Angeklagte George Zimmerman, der den 17 Jahre alten schwarzen Teenager Martin erschoss und damit monatelang in den USA und international für Schlagzeilen sorgte, verließ den Gerichtssaal nach einem viel beachteten Prozess als freier Mann. Dem 29-Jährigen hätte im Fall eines Schuldspruchs eine lebenslange Haftstrafe gedroht.

„Nicht schuldig“, befand das Gericht im US-Bundesstaat Florida. Der Freispruch aus Sanford ließ die Familie Zimmermans aufatmen – und versetzte ein Heer von Kritikern erneut in Wallung. Viele von ihnen sind überzeugt, dass der schwarze Jugendliche wegen seiner Hautfarbe sterben musste und der Schuss aus Zimmermans Waffe rassistische Hintergründe hatte. Der Schütze ist Mitglied einer Bürgerwehr und in der Schicksalsnacht auf Patrouille gewesen. „Gerechtigkeit für Trayvon“, forderten Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude.

Die afroamerikanische Organisation NAACP teilte mit: „Wir sind empört und untröstlich über das heutige Urteil.“ Der Angeklagte selbst, der im Prozess beteuert hatte, aus Notwehr gehandelt zu haben, nahm seinen Freispruch mit versteinerter Miene hin. Seinen Verteidigern, denen er ausdruckslos die Hand schüttelte, stand der Triumph bei einer anschließenden Pressekonferenz ins Gesicht geschrieben.

„Ich bin sehr, sehr glücklich mit diesem Ergebnis“, sagte Verteidiger Mark O'Mara nach dem Urteil. Der Freispruch sei für ihn ein großartiger Moment gewesen. Seinem Mandanten werde dagegen erst im Beisein seiner Familie langsam klar werden, welche Last nun von ihm abfalle. „Ich bin begeistert, dass die Geschworenen verhindert haben, dass sich diese Tragödie in eine Travestie verwandelt“, sagte Verteidiger Don West.

Der Fall Trayvon Martin

26. Februar 2012:

In Sanford (Florida) erschießt George Zimmerman den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin. Zimmerman, Mitglied einer Nachbarschaftswehr, wird zunächst festgehalten und kurz darauf wieder freigelassen. Er erklärt, aus Notwehr gehandelt zu haben.

8. März 2012:

Die Eltern von Trayvon Martin initiieren eine Internetpetition, in der sie die Strafverfolgung Zimmermans fordern.

13. März 2012:

Die US-Medien werden auf den Fall aufmerksam.

16. März 2012:

Im Internet werden Mitschnitte von Notrufen veröffentlicht, die Augenzeugen abgesetzt haben. Darunter ist auch ein Anruf Zimmermans, der einen „verdächtigen Typen“ meldet.

19. März 2012:

Das US-Justizministerium kündigt Ermittlungen an. Eine 16-Jährige erzählt dem Anwalt der Familie Martin, dass Trayvon Martin sie kurz vor seinem Tod angerufen habe, da er verfolgt werde.

20. März 2012:

Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt, dass am 10. April über eine Anklage gegen Zimmerman entschieden werden soll.

21. März 2012:

Martins Eltern nehmen in New York am „Million Hoodie March“, einer Demonstration gegen Rassismus und für Gerechtigkeit, teil. Viele Teilnehmer tragen einen schwarzen Kapuzenpullover („Hoodie“) - ähnlich jenem, den Martin am 26. Februar anhatte. In den folgenden Tagen weiten sich die Protestkundgebungen auf mehrere US-Städte aus. Via Facebook und Twitter machen Millionen Menschen ihrem Ärger Luft. Bilder mit prominenten „Hoodie“-Trägern kursieren, auf Twitter weisen Prominente auf den Fall hin.

23. März 2012:

US-Präsident Barack Obama spricht den Eltern des Opfers sein Mitgefühl aus: „Wenn ich einen Sohn hätte, er würde wie Trayvon aussehen.“ Bereits 1,5 Millionen Menschen unterstützen die Internetpetition von Martins Eltern. 3. April: Auch das FBI ermittelt nun in dem Fall.

9. April 2012:

Zimmerman äußert sich erstmals seit seinem Abtauchen kurz nach Martins Tod. Über das Internet ruft er zu Spenden für seinen rechtlichen Beistand auf.

11. April 2012:

Die Sonderermittlerin der Staatsanwaltschaft teilt mit, dass Anklage gegen Zimmerman erhoben wird. George Zimmerman muss sich wegen Mordes mit bedingtem Vorsatz („second degree murder“) verantworten.

5. Juni 2012:

Zimmerman kommt gegen eine Kaution in Höhe von einer Million Dollar erneut auf freien Fuß. Eine erste Haftentlassung gegen Zahlung von 150 000 Dollar Kaution war vier Tage zuvor wegen falscher Angaben über die Vermögensverhältnisse aufgehoben worden.

21. Juni 2012:

Sanfords Polizeichef Bill Lee wird gefeuert. Im Zusammenhang mit dem Fall Trayvon Martin habe er das Vertrauen und den Respekt eines Teils der Gemeinde verloren, hieß es zur Begründung.

26. Februar 2013:

Am Jahrestag der tödlichen Schüsse auf Trayvon Martin halten Hunderte Demonstranten in New York eine Mahnwache ab. Viele Teilnehmer tragen Kapuzenpullover.

20. Juni 2013:

Mit zehn Tagen Verzögerung werden die Geschworenen für den Prozess gegen Zimmerman gewählt. Sechs Frauen - fünf Weiße und eine Hispano-Amerikanerin - sollen über Schuld oder Unschuld entscheiden.

24. Juni 2013:

In Sanford beginnt der Prozess. Die Staatsanwaltschaft wirft Zimmerman vor, Martin bewusst erschossen zu haben. Der Angeklagte beharrt weiter auf Notwehr.

11. Juli 2013:

Die Schlussplädoyers beginnen. Staatsanwalt Bernie de la Rionda nennt Zimmerman einen „Möchtegern-Cop“, der in dem 17-Jährigen einen Kriminellen gesehen habe. Verteidiger Mark O'Mara entgegnet, Zimmerman habe aus Notwehr geschossen und sei freizusprechen.

13. Juli 2013:

Die Geschworenen befinden Zimmermann des Mordes mit bedingtem Vorsatz für nicht schuldig. Er verlässt das Gericht als freier Mann.

Schon kurz nach dem Freispruch sprudelten die Kommentare beider Lager zuhauf im Internet. „Ich werde dich für immer lieben, Trayvon“, schrieb Sybrina Fulton, die Mutter des Getöteten, nach der Urteilsverkündung auf Twitter. „Vielen Dank an alle, die mit uns sind und die mit uns dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht“, twitterte Vater Tracy Martin. Und weiter: „Obwohl ich ein gebrochener Mann bin, ist mein Glaube unerschütterlich. Ich werde mein Baby Tray ewig lieben.“ Sein Bruder Jahvaris Fulton stellte die Gerechtigkeit der Justiz infrage.

„Sie haben nichts weiter zu tun mit dem Gericht“, sagte Richterin Deborah Nelson zu Zimmerman. Die Kaution, gegen die Zimmerman bis zum Prozessbeginn freigekommen war, wurde aufgehoben. Das GPS-Gerät, das ihn bis Samstagabend überwachte, wurde abgeschaltet.

Die Proteste und die Rassismus-Debatte, die seit dem tödlichen Schuss am Abend des 26. Februar 2012 nicht abreißen wollten, bekamen nach dem Urteil neuen Schwung bekommen. In Florida, Milwaukee, der Hauptstadt Washington, Atlanta und anderen Städten protestierten Demonstranten. In Oakland in Kalifornien wurden Scheiben und ein Polizeiauto beschädigt. In vielen Kirchen war das Urteil ebenfalls Thema, Geistliche riefen zu friedlichen Reaktionen auf. „Nein! Nein!“ riefen aufgebrachte Sympathisanten des Opfers vor dem Gerichtsgebäude nach der Verkündung. „Wie zum Teufel können sie ihn als nicht schuldig bezeichnen?, fragte der 55-jährige Andrew Perkins. „Er hat jemanden getötet und kommt mit einem Mord durch.“

Der New Yorker Bürgerrechtler Al Sharpton nannte den Freispruch einen „Schlag ins Gesicht“ für das amerikanische Volk. Das Urteil dürfe keinen Bestand haben. Der Präsident der Bürgerrechtsgruppe NAACP, Benjamin Todd Jealous, appellierte an das US-Justizministerium, ein Bürgerrechtsverfahren gegen Zimmerman anzustrengen.

Zimmerman mag recht bekommen haben – in Ruhe schlafen wird er deshalb noch nicht. Im Gegenteil: Schon im Vorfeld des Urteils hatten mehrere Organisationen aus Sorge vor möglichen gewaltsamen Ausschreitungen zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Zimmerman hatte einem Bericht der „New York Times“ zufolge die Öffentlichkeit gemieden und außerhalb des Gerichtssaals eine kugelsichere Weste getragen. Sein Bruder Robert sagte in einem Interview des Fernsehsenders CNN: „Mehr als jemals zuvor hat er jetzt Grund zu glauben, dass Menschen ihn umbringen wollen, wenn sie es könnten.“

Ein Anwalt der Opferfamilie, Benjamin Crump, mahnte zur Zurückhaltung. „Damit Trayvon in Frieden ruhen kann, müssen wir alle friedlich bleiben“, sagte er.

Kommentare (6)

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norbert

14.07.2013, 10:10 Uhr

Man sollte sich erstmal genau anschauen, wie es zu den Schüssen kam, anstatt Klischees abzurufen.

Der_ewige_Spekulant

14.07.2013, 10:28 Uhr

"„Stand Your Ground“-Gesetz („Weiche nicht zurück“), das Bürgern in Florida ein besonders ausgeprägtes Recht auf Selbstverteidigung mit Schusswaffen einräumt."

Ein weiterer Grund in dieses kulturfreie Land nicht zu reisen. Nicht dass ich vorhabe handgreiflich zu werden,
aber wer weiß welche Gesetze die noch so haben.

Es gibt keinen Unterschied zwischen Florida und den Slums in Rio de Janeiro.

Account gelöscht!

14.07.2013, 11:05 Uhr

Ganz offensichtlich war dies ein klarer Fall von Notwehr, der von interessierter Seite mal wieder als Rassismus-Vorfall hochgepusht wurde. Übrigens: Anders als der Name suggeriert war Zimmermann gar kein "Weißer" sondern ein "Hispanik" (=Angehöriger einer anderen Minderheit) - etwas, was eigentlich bedeutungslos sein sollte, aber zumindest der offensichtlichen Agenda "böser weißer Rassist und Herrenmensch" etwas den Wind aus den Segeln nehmen sollte.

Wirklich widerlich, was so alles medial abläuft um verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen.

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