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19.06.2015

14:54 Uhr

Der Flüchtlings-Slum von Calais

„Ein Mensch kann so nicht leben“

Mehrere tausend Flüchtlinge warten auf einem Brachland bei Calais auf die Chance, nach Großbritannien zu kommen. Die Lebensbedingungen sind katastrophal, Hilfsorganisationen gehen auf dem Zahnfleisch.

Flüchtlinge in Calais führen eine Existenz in improvisierten Behausungen zwischen Müllbergen und Stacheldrahrtzäunen. AFP

Gestrandet in Europa

Flüchtlinge in Calais führen eine Existenz in improvisierten Behausungen zwischen Müllbergen und Stacheldrahrtzäunen.

CalaisMoussad findet kein Zelt. Mit seinem Schlafsack unter dem Arm steht der Sudanese zwischen Müllbergen und improvisierten Behausungen aus Ästen und Plastikfolie. Einige Wochen sei er schon in dem Lager am Rand der französischen Hafenstadt Calais, doch alles sei belegt, erzählt der 25-Jährige aus der Krisenregion Darfur. „Die Nacht ist so kalt.“ Er schaut sich um, in diesem Elendsviertel zwischen dürren Sträuchern im gleißenden Sonnenlicht, über das der Wind pfeift. „Ein Mensch kann so nicht leben.“

Auf ihrer Odyssee durch Europa stranden Flüchtlinge seit Jahrzehnten in Calais. Stacheldraht-Zäune verwehren den Zugang zum Hafen, von dem die Fähren nach England ablegen - dorthin zieht es viele der Migranten. Die Stadt ist ein Brennglas der Krise des europäischen Asylsystems: Weil die Ankunftsländer am Mittelmeer überfordert sind, drängt es viele nach Norden. Nach Schätzungen fristen zwischen 2500 und 3000 Menschen ihr Dasein auf dem Brachland.

Der „neue Dschungel“, wie das abgelegene Terrain von Helfern genannt wird, ist in den vergangenen Monaten entstanden. Der Staat hatte das Gebiet bereitgestellt, um die bisherigen wilden Camps an einem Ort zu konzentrieren. In der Nähe ist ein Tageszentrum eröffnet worden, in dem ein Teil der Flüchtlinge eine Mahlzeit bekommen und duschen kann. Doch das Angebot ist beschränkt, die Schlangen sind lang.

Am anderen Ende des Slums fährt ein weißer Lieferwagen vor, schon eine Viertelstunde vorher hat sich eine lange Schlange gebildet. Helfer verteilen Lebensmittel. Muriel Massé schüttelt den Kopf: „Das ist das, was wir in Kriegsgebieten machen“, sagt die Aktivistin der Hilfsorganisation Emmaüs. „Aber dort haben wir mehr Mittel.“ Es fehle an Zelten, Kleidung, Nahrungsmitteln.

Aus ihrer Sicht vernachlässigt der französische Staat seit Jahren seine Fürsorgepflicht, Verbände beklagen einen „humanitären Skandal“. „Für die Hilfsorganisationen ist das nicht mehr zu stemmen“, warnt Massé. Solche Aussagen hört man oft von den Helfern vor Ort, viele sind am Rande ihrer Kräfte. „Wenn man zu viel macht, zerbricht man irgendwann“, sagt Dominique - der Rentner bringt in Eigeninitiative Stromgeneratoren ins Lager, wo die Flüchtlinge einige Stunden ihre Handys aufladen und Musik hören können. „Man kann nicht in Calais wohnen, die Situation kennen und nichts machen“, sagt er.

Die Migranten wollen oft kein Asyl in Frankreich beantragen – dabei hätten viele von ihnen gute Chancen auf eine Bewilligung des Antrags. Doch es fehlt dem Land an Unterkunftsmöglichkeiten für Asylbewerber, die Verfahren sind lang. Zudem ist es bei hoher Arbeitslosigkeit für Flüchtlinge schwer, Geld zu verdienen. „Alles, woran wir denken, ist nach England zu gehen“, sagt Moussad.

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