Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.07.2015

17:29 Uhr

Der Papst in Bolivien

Schein wahren für Franziskus

Palmasola hört sich fast nach Paradies an. Ist aber eines der berüchtigtsten Gefängnisse Boliviens. Papst Franziskus traut sich hinein - doch der hohe Besuch hat für einige unschöne Nebenwirkungen.

Der Besuch des Papstes in Palmasola setzt auch den linken Präsidenten Evo Morales unter Druck. ap

Warten auf den Papst

Der Besuch des Papstes in Palmasola setzt auch den linken Präsidenten Evo Morales unter Druck.

Santa CruzFür den Papst haben sie eine heile Welt hergerichtet. Der Innenhof ist bestuhlt, es sieht aus wie bei einer normalen Messe. Der Unterschied: Auf den Stühlen sitzen fast 5000 Häftlinge. Nachdem Franziskus durch das große Eisentor gefahren ist, umarmt er Insassen eines der berüchtigtsten Gefängnisse Boliviens. Und Kinder, die hier mit ihren Eltern leben (müssen). Einen Säugling küsst er auf den Kopf, später liegt ein Kind in seinem Schoß. Der Jesuit nimmt sich viel Zeit.

Palmasola. Was sich nach Palmen und Sonnen anhört ist ein trüber Ort des Elends, der Gewalt, kaum jemand sitzt rechtskräftig verurteilt ein. Einige sprechen von der Hölle auf Erden. Es ist eine riesige, von Mauern umgebene Wellblechsiedlung nahe der größten Stadt Boliviens, Santa Cruz. Bei der Papamobil-Fahrt durch die Gefangenenstadt rennen Häftlinge zu ihm, küssen seine Hand. Der Besuch am Freitag setzt auch den linken Präsidenten Evo Morales unter Druck, etwas an diesen Verhältnissen zu ändern.

Unter lautem Beifall der Gefangenen nennt es Bischof Jesús Juárez einen „Justizskandal“, dass 84 Prozent der Häftlinge in Bolivien ohne Urteil einsitzen. Ein Häftling berichtet aus seinem Leben, Palmasola sei wie „Sodom und Gomorra“. Der Papst sendet zwei Botschaften. An die Gefangenen: Leiden und Entbehrung ließen das Herz oft egoistisch werden. „Der Teufel sucht die Gewalt, die Spaltung.“ Haltet zusammen, helft Euch. Der Glauben, das Gebet, hätten schon Petrus und Paulus geholfen, Haft zu überstehen. Und es gebe die zweite Chance: Haft sei nicht gleich Ausschließung.

Klartext – deutliche Worte von Papst Franziskus

Aufsehen mit ungewöhnlichen Äußerungen

Papst Franziskus hat mehrfach mit für den Vatikan ungewöhnlichen Äußerungen Aufsehen erregt. Einige Beispiele:

Familienplanung

„Manche Menschen glauben - entschuldigen Sie den Ausdruck -, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen.“

Familienehre

„Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag.“

Flüchtlinge

„Wir sind eine Gesellschaft, die vergessen hat, wie man weint. Wir haben uns an die Leiden anderer gewöhnt. Es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an. (...) Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit.“

Oberflächlichkeit

„Und so vergeuden wir unsere gottgegebenen Geschenke, indem wir uns mit Schnickschnack beschäftigen; wir verschwenden unser Geld für Spiel und Getränke und drehen uns um uns selbst.“

Kurie

„Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht weiterentwickelt, die nicht versucht, sich zu verbessern, ist ein kranker Körper.“

Eitelkeit von Kardinälen

„Die Krankheit der Rivalität und der Eitelkeit. Wenn das Auftreten, die Farbe der Kleidung und die Insignien der Orden das erste Ziel im Leben werden.“

Tratsch

„Es ist die Krankheit der feigen Menschen, die nicht den Mut haben, direkt mit jemandem zu sprechen und hinter dem Rücken reden. (...) Brüder, schauen wir auf den Terrorismus des Geschwätzes!“

Die andere Botschaft ist unmissverständlich. Sie richtet sich das Gefängnispersonal von Palmasola: Sie hätten die Aufgabe Würde zu verleihen, statt zu erniedrigen, zu demütigen. Sie müssten eine Logik vorleben, „die darauf abzielt, dem Menschen zu helfen“.

Doch der Freitag ist nicht die Realität. Das Leid macht an diesem Tag Pause. Am Tag zuvor sah die Realität aus Sicht von Angehörigen so aus: Daniela Rodríguez steht mit ihrem Sohn Neymar in einer Pfütze vor hohen Mauern. Weil der Papstbesuch vorbereitet wird, dürfen Neymar und seine Mutter nicht rein. Normalerweise sind Besuche möglich. Gegen Geld. Neymar, benannt nach Brasiliens Fußballstar, hat Geburtstag. Er wird zwei Jahre alt. Nun ist der Papst indirekt schuld, dass er seinen Vater nicht in die Arme schließen kann. Da kann ein Lolli nur bedingt Trost spenden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×