Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.07.2015

09:46 Uhr

Der Papst in Südamerika

Geschäftsmodell Gott

VonJohannes Steger

Papst Franziskus bereist Südamerika, eine Bastion der katholischen Kirche. Doch dem Vatikan laufen die Gläubigen davon. Evangelikale Bewegungen punkten mit perfektem Marketing – bis hin zur Karriereberatung.

Das Kirchenoberhaupt auf Südamerikareise: Auf dem Kontinent verliert die katholische Kirche viele Anhänger. ap

Papst Franziskus

Das Kirchenoberhaupt auf Südamerikareise: Auf dem Kontinent verliert die katholische Kirche viele Anhänger.

Düsseldorf Dass sich nicht nur mit materiellen Gütern Geld verdienen lässt, wissen Religionsgemeinschaften schon lange: „Früher hieß das Ablasshandel, heute heißt es Eintrittsgeld oder Spendenbeitrag“, sagt Karsten Kilian, Professor für Marken- und Medienmanagement. Denn es gilt: „Glaube bringt Geld, Glaube lässt die Kassen klingeln.“ In Südamerika haben das auch die evangelikalen Bewegungen verstanden und setzen die katholische Kirche unter Druck.

Dabei ist es ein wenig wie nach Hause kommen für Papst Franziskus: Am vergangenen Sonntag begann das Kirchenoberhaupt in Ecuador seine Südamerikareise. Der gebürtige Argentinier ist der erste Papst aus der „Neuen Welt“, die Katholiken Südamerikas feierten seine Wahl 2013 mit Stolz. Nahezu 40 Prozent aller Menschen katholischer Konfession leben auf diesem Kontinent. Und sie stellen dort die religiöse Mehrheit – noch.

Kirchenoberhaupt in Bolivien: Papst entschuldigt sich für Verbrechen an Ureinwohnern

Kirchenoberhaupt in Bolivien

Papst entschuldigt sich für Verbrechen an Ureinwohnern

Papst Franziskus ist auf Südamerikarundreise. In Bolivien hat das Kirchenoberhaupt sich für die Verbrechen der Kirche auf dem Kontinent entschuldigt. Eine Geste mit großem Gewicht.

Die Heimat des Papstes befindet sich im Wandel. Bekannten sich 1995 noch 80 Prozent der zentral- und südamerikanischen Länder zum römisch-katholischen Glauben, waren es 2013 nur noch 67 Prozent, besagt eine Studie des Forschungsinstituts Latinobarómetro. Tendenz fallend: „Der Katholizismus hat sein Monopol auf Lateinamerika verloren“, sagt Adrián Tovar Simoncic vom Center for Interdisciplinary Research on Religion and Society (CIRRuS) der Universität Bielefeld.

Klartext – deutliche Worte von Papst Franziskus

Aufsehen mit ungewöhnlichen Äußerungen

Papst Franziskus hat mehrfach mit für den Vatikan ungewöhnlichen Äußerungen Aufsehen erregt. Einige Beispiele:

Familienplanung

„Manche Menschen glauben - entschuldigen Sie den Ausdruck -, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen.“

Familienehre

„Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag.“

Flüchtlinge

„Wir sind eine Gesellschaft, die vergessen hat, wie man weint. Wir haben uns an die Leiden anderer gewöhnt. Es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an. (...) Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit.“

Oberflächlichkeit

„Und so vergeuden wir unsere gottgegebenen Geschenke, indem wir uns mit Schnickschnack beschäftigen; wir verschwenden unser Geld für Spiel und Getränke und drehen uns um uns selbst.“

Kurie

„Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht weiterentwickelt, die nicht versucht, sich zu verbessern, ist ein kranker Körper.“

Eitelkeit von Kardinälen

„Die Krankheit der Rivalität und der Eitelkeit. Wenn das Auftreten, die Farbe der Kleidung und die Insignien der Orden das erste Ziel im Leben werden.“

Tratsch

„Es ist die Krankheit der feigen Menschen, die nicht den Mut haben, direkt mit jemandem zu sprechen und hinter dem Rücken reden. (...) Brüder, schauen wir auf den Terrorismus des Geschwätzes!“

Während die Anzahl der Papst-Anhänger zurückgeht, wächst die Gruppe der Atheisten und Agnostiker. Doch ein großer Konkurrent findet sich innerhalb des Christentums. Viele Südamerikaner suchen ihr Seelenheil in der evangelikalen und pfingstkirchlichen Bewegung. In Brasilien wuchs die Anzahl der protestantischen Glaubensanhänger, zu denen diese Bewegungen zählen, seit dem Jahr 2000 von sieben auf 21 Prozent der Gesamtbevölkerung, so Latinobarómetro.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×