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06.01.2003

15:32 Uhr

Diskussion um Sicherheit

Frankfurter Chaos-Pilot schweigt

Einen Tag nach seinem bedrohlichen Chaos-Flug über Frankfurt hat der Pilot Franz Stephan Strambach bei seinen Vernehmungen zunächst zu den Hintergründen geschwiegen. Das Flugzeug-Drama löste am Montag eine umfangreiche Diskussion um die Sicherheit von Kleinflugplätzen aus.

HB/dpa FRANKFURT/M. Der 31 Jahre alte Psychologie-Student aus Darmstadt verlangte vor einer Aussage einen Anwalt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Ein Termin beim Haftrichter des Frankfurter Amtsgerichts war für den Nachmittag oder frühen Abend vorgesehen. Wie am Montag bekannt wurde, hatte der Mann im Alter von 18 Jahren im hessischen Egelsbach einen Flugschein erworben, der nach Auskunft des Regierungspräsidiums Darmstadt jedoch bereits Ende des Jahres 2000 nicht verlängert worden war.

Während eines halsbrecherischen Irrflugs zwischen den Frankfurter Hochhäusern hatte der Mann am Sonntag gedroht, in die Europäische Zentralbank (EZB) zu rasen. Zuvor hatte er einen Motorsegler vom Typ Super Dimona auf dem südhessischen Flugplatz Babenhausen gestohlen. Dabei drohte er mit einer frei verkäuflichen Schreckschusswaffe.

Als Straftatbestände kommen nach vorläufiger Einschätzung räuberische Erpressung mit einer Höchststrafe von 15 Jahren, Störung des öffentlichen Friedens, Bedrohung, Nötigung und gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr in Frage, sagte Oberstaatsanwalt Job Tilmann. Der Haftrichter muss darüber entscheiden, ob der vermutlich verwirrte Amok-Pilot in Untersuchungshaft genommen wird oder in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.

Das Motiv des Mannes blieb weiter unklar. Im Funkverkehr hatte er angegeben, an die 1986 verstorbene US-Astronautin Judith Resnik erinnern zu wollen. Über die beim Challenger-Absturz umgekommene Frau hatte er auch eine Fan-Homepage im Internet eingerichtet. Er sei in sie verliebt, sagte er dem Funk-Protokoll zufolge. Er hatte während seines Schreckensfluges auf Vermittlung des Towers sogar mit dem Bruder der Astronautin in den USA gesprochen.

Die Mutter des Piloten bezichtigte sich im Fernseh-Sender RTL selbst. „Ich glaube, ich bin schuld, weil ich ihm von Kindheit an alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt habe“, sagte Ruth Strambach, mit der er gemeinsam in einer Darmstädter Dreizimmer-Wohnung gelebt hat. Der Wiesbadener Kriminologe Prof. Rudolf Egg bezeichnete mangelnde Beachtung als möglichen Auslöser für die Tat.

Die Sicherheitsmaßnahmen auf den deutschen Kleinflughäfen sollen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums verschärft werden. Bereits nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe die Bundesregierung mehrmals an die Länder, die nach dem Luftverkehrsgesetz dafür zuständig seien, entsprechende Aufforderungen gerichtet, sagte ein Sprecher in Berlin. Bis zum 31. Januar sollen die Bundesländer mitteilen, „welche Maßnahmen sie an welchem Standort für durchführbar und für sinnvoll erachten“.

Die Pilotenvereinigung Cockpit verlangte eine strengere Abschottung von Privatfliegern auf den großen Flughäfen. Andernfalls könnten sie unkontrolliert und womöglich mit Waffen an Bord in den Sicherheitsbereich der kommerziellen Verkehrsflugzeuge gelangen, sagte Cockpit-Sprecher Georg Fongern.

Der Fluglotse vom Frankfurter Tower, der den verwirrten Piloten bei seinem beängstigenden Irrflug um die Wolkenkratzer beruhigt und sicher zur Landung geleitet hatte, wurde nach Auskunft der Deutschen Flugsicherung (DFS) am Vormittag psychologisch betreut. Er wollte am Nachmittag vor die Presse treten.

Der Irrflug des gekaperten Motorseglers über der Frankfurter Innenstadt war nach Einschätzung der Flugsicherung und der Feuerwehr weniger gefährlich als zunächst angenommen. Das Kleinflugzeug mit seinen 500 Kilogramm Gewicht und maximal 70 Litern Treibstoff könne an einer Hochhausfassade nur einen geringen Schaden anrichten, sagte die Sprecherin der Deutschen Flugsicherung (DFS), Ute Otterbein. Konkrete Gefährdungen des Linienverkehrs durch die Super Dimona habe es nicht gegeben.

In der Frankfurter Innenstadt hatte das zeitweise in nur 50 Metern Höhe zwischen den Bankentürmen kreisende Flugzeug Angst und Schrecken bei tausenden Menschen ausgelöst. Der Motorsegler wurde von zwei Phantom-Kampfjets der Luftwaffe und einem Polizeihubschrauber verfolgt.

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