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09.02.2015

08:18 Uhr

Dominique Strauss-Kahn

Ein Callgirl zum Vertragsabschluss

Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wird am Dienstag vor Gericht befragt. Der Prozess zeigt erneut die Nähe zwischen Prostitution und Geschäftswelt. Eine Ex-Prostituierte erzählt von Korruption, Erpressung und Intrigen.

Dominique Strauss-Kahn beteuert, nicht gewusst zu haben, dass die Frauen bei den Sexpartys Callgirls waren. AFP

Seine Vorliebe für ausschweifende Sexpartys ist schon lange kein Geheimnis mehr

Dominique Strauss-Kahn beteuert, nicht gewusst zu haben, dass die Frauen bei den Sexpartys Callgirls waren.

Paris„Sex sells“ – der Spruch, wonach nackte Haut ein erfolgreiches Verkaufsargument ist, gilt nicht nur in der Werbebranche. In der Geschäftswelt wird „Sex sells“ immer wieder auf die Spitze getrieben: Prostituierte werden engagiert, um Kunden zu umgarnen, Vertragsabschlüsse zu erleichtern, Betriebsräte hörig zu machen und Kontakte zur Politik zu pflegen.

Der Prozess um Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, der am Dienstag in eine entscheidende Phase tritt, wirft ein Schlaglicht auf diese weitverbreitete Praxis, über die nur ungern öffentlich gesprochen wird.

Der Ex-Baumanager David Roquet, einer der Mitorganisatoren der Sexpartys um den einstigen französischen Spitzenpolitiker Strauss-Kahn, schätzte es nach eigenen Worten, „einen Nachmittag mit jemandem zu verbringen, der als IWF-Chef die Nummer 2 der Welt und der künftige französische Präsident ist“. Mit den Partys habe er berufliche Ziele verfolgt, beteuerte Roquet im Sender BFMTV, um „ein Mittagessen mit Herrn Strauss-Kahn und seinen großen Chefs zu organisieren“.

Sein Anwalt Eric Dupond-Moretti wirft all jenen Scheinheiligkeit vor, die sich über die Verflechtung von Unternehmerwelt und Prostitution erstaunt zeigen. Bei Geschäftsabschlüssen seien in 70 bis 80 Prozent der Fälle Escortgirls im Spiel.

Aufstieg und Fall von „DSK“ (1)

Wegen Zuhälterei vor Gericht

Wegen Sexpartys mit Callgirls muss sich Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn im nordfranzösischen Lille ab Montag vor Gericht verantworten. Der Zuhälterei-Prozess ist ein neuer Tiefpunkt im Leben des früheren sozialistischen Spitzenpolitikers, der vor bald vier Jahren wegen Vergewaltigungsvorwürfen die IWF-Spitze abgegeben hatte:

1949

Dominique Strauss-Kahn kommt am 25. April im eleganten Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine auf die Welt. Seine Kindheit verbringt er in Agadir in Marokko, bis die Stadt 1960 durch ein schweres Erdbeben zerstört wird.

1975

Strauss-Kahn, der an der bekannten Handelsschule HCE und an der Politik-Kaderschmiede Sciences Po in Paris studiert hat, erhält einen Doktor in Wirtschaftswissenschaften. Er lehrt später an Universitäten in Nancy und Paris und macht dann Karriere in Regierungsbehörden.

1986

Strauss-Kahn, als 27-Jähriger den Sozialisten beigetreten, wird Abgeordneter der Nationalversammlung.

1991

In dritter Ehe heiratet Strauss-Kahn die bekannte Fernsehjournalistin Anne Sinclair, die einer sehr wohlhabenden Familie entstammt. Im gleichen Jahr wird „DSK“, wie Strauss-Kahn in Frankreich genannt wird, Minister für Industrie und Außenhandel.

1997

Strauss-Kahn wird „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen. Zwei Jahre später muss er den Posten wegen einer Affäre um angebliche Scheinbeschäftigung räumen, von den Vorwürfen wird er letztlich reingewaschen. Strauss-Kahn arbeitet als Geschäftsanwalt, behält aber enge Verbindungen in die Politik.

2006

Bei den Vorwahlen der Sozialisten für die Präsidentschaftswahl 2007 zieht Strauss-Kahn gegen seine innerparteiliche Konkurrentin Ségolène Royal den Kürzeren. Diese unterliegt im folgenden Jahr dem konservativen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy.

2007

Mit Sarkozys Unterstützung wird Strauss-Kahn Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Er genießt einen ausgezeichneten Ruf, in der Finanzkrise wird er als „Arzt der Weltwirtschaft“ gefeiert.

Die frühere Prostituierte Carole hat mit solchen Praktiken ausgiebig Erfahrung. „Ich wurde Unternehmenschefs und Politikern als Geschenk dargeboten“, erzählt die 41-jährige Französin. Einmal wurde sie von einem Fahrzeughändler engagiert – ein Unternehmensvertreter sollte zum Kauf mehrerer Lastwagen bewegt werden. „Ich sollte das Notwendige tun, damit er unterschreibt“, sagt Carole trocken.

„Es ist im Geschäftsmilieu weithin akzeptiert, dass eine Vertragsvereinbarung mit Hilfe einer angebotenen Prostituierten geschlossen wird, vor allem bei Verträgen zwischen öffentlichem und privatem Sektor und bei Ausschreibungen“, sagt der französische Prostitutionsexperte Grégoire Théry.

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