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23.01.2011

16:03 Uhr

Dorf-Evakuierung

Wie „Pulver-Kurt“ ganz Becherbach schockte

Ein gewaltiger Knall zerreißt die Luft: Mit einer riesigen Explosion wird das Sprengstofflager eines waffenverliebten Rentners zerstört. Den Bewohnern von Becherbach sitzt der Schreck noch in den Gliedern. Wie konnte "Pulver-Kurt" unbemerkt ein so großes Waffenarsenal ansammeln?

Rettungs- und Einsatzkräfte im evakuierten rheinland-pfälzischen Ort Becherbach: Hier waren riesige Mengen hochexplosiven Sprengstoffs und Kriegswaffen aus einer privaten Sammlung entdeckt worden. DAPD

Rettungs- und Einsatzkräfte im evakuierten rheinland-pfälzischen Ort Becherbach: Hier waren riesige Mengen hochexplosiven Sprengstoffs und Kriegswaffen aus einer privaten Sammlung entdeckt worden.

dpa BECHERBACH. "Pulver-Kurt" hat das ganze Dorf getäuscht. "Jeder sah ihn mal samstags mit Militärfahrzeugen mit roten Nummernschildern rumfahren", berichtet ein 64-jähriger Bauer im pfälzischen Becherbach. "Aber dass er so hochexplosives Zeug in seiner angemieteten Scheune hatte, wusste nicht mal die Vermieterin." Die wird anscheinend erst misstrauisch, als Ermittler auch im Haus des Rentners im nahen Hundsbach ein beachtliches Waffenarsenal entdecken.

Die Frau informiert die Polizei, die am Freitag in Becherbach den wohl bundesweit größten Waffen-Fund bei einem Privatmann macht. Für eine kontrollierte Sprengung wird der Ort im Kreis Bad Kreuznach am Samstag komplett evakuiert. Am Sonntag kehren die rund 600 geschockten Einwohner zurück - und atmen auf. "Das war schon eine böse Überraschung. Da hätten die umliegenden Häuser hochgehen können", sagt Becherbachs Ortsbürgermeister Manfred Denzer (SPD). "Die Gefahr kann man sich gar nicht ausmalen."

Der Schreck sitzt auch Helmut Bachmann noch in den Gliedern: "Meine Frau war bei der Evakuierung gar nicht mehr ansprechbar. Wir haben auch die Pässe und Versicherungssachen mitgenommen." Eine andere Anwohnerin, Trude Paulus, hat gleich "einen großen Koffer mit allen Ordnern gepackt. Man weiß ja nie".

Den Spitznamen "Pulver-Kurt" hat der 62-jährige Waffennarr in seinem Wohnort Hundsbach verpasst bekommen. "Wir haben zwar gewusst, dass er Militärisches sammelt, aber sicher nicht die Ausmaße gekannt", sagt dort eine junge Frau. Eine ältere Anwohnerin ergänzt: "Das ist ja wie im Krieg. Da haben wir aber Glück, dass nichts passiert ist."

Schon nach der ersten Durchsuchung in Hundsbach ist "Pulver-Kurt" mit einem Schock ins Krankenhaus gekommen. In der polizeilichen Vernehmung schweigt der Inhaber eines Schwarzpulverscheins. Woher er Panzerfaust, Handgranaten, Minen und sonstige Waffen hat, bleibt vorerst unklar. Die Fahnder finden auch Sprengstoff - vermutlich aus der Vorkriegszeit mit einer Haltbarkeitsfrist von nur einem Jahr.

Am gefährlichsten sind in Becherbach rund 40 Kilogramm eines Sprengstoffes, der Nitroglyzerin ähnlich ist. Ein Roboter- Kettenfahrzeug transportiert die zwei Kisten am Samstag ferngesteuert zu einer Anhöhe außerhalb des evakuierten Dorfes. Experten lösen die Explosion aus. Die Ummantelung mit zwei Kreisen großer Strohballen wird zerfetzt.

"Ich habe das da oben bei den Windrädern beobachtet", berichtet der 64-jährige Landwirt und deutet auf einen Berg. "Das war ein Blitz, der waagerecht explodiert ist. Erst nach ein paar Sekunden habe ich den Knall mit dem ganzen Körper gespürt." Eine gewaltige Detonation, die auch noch viele Kilometer weit zu hören ist.

Verletzte gibt es nicht, auch keinen Sachschaden, nur ein paar Fensterscheiben der Friedhofshalle gehen zu Bruch. Die Anspannung ist nach einer Viertelstunde schlagartig zu Ende. Die sieben Sprengstoffexperten von Landes- und Bundeskriminalamt sowie vom Kampfmittelräumdienst sind erleichtert. Polizeisprecher Arno Heeling sagt: "Wir mussten zwei von ihnen nach Hause bringen. Die waren nicht mehr in der Lage zu fahren." Ein Sprengstoffexperte sagt laut einem anderen Polizeisprecher: "Eine Armee von Schutzengeln war hier unterwegs."

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