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11.07.2011

16:25 Uhr

Duisburgs Oberbürgermeister

Sauerland übernimmt moralische Verantwortung für Loveparade

Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland hat die moralische Verantwortung für die Tragödie bei der Loveparade übernommen. Zugleich stellte er sich angesichts der Ermittlungen demonstrativ hinter seine Mitarbeiter.

DuisburgEs sei ihm ein persönliches Bedürfnis, sich bei den Betroffenen und Hinterbliebenen der Todesopfer zu entschuldigen, sagte er am Montag vor einer Ratssitzung in Duisburg. „Die Wunden sind längst nicht geheilt.“ Bei einer Massenpanik auf der Musikveranstaltung waren am 24. Juli vergangenen Jahres 21 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt worden.

Zugleich stellte sich Sauerland demonstrativ hinter seine Mitarbeiter. Die Staatsanwaltschaft wirft Mitarbeitern der Stadt Versäumnisse bei der Prüfung des Sicherheitskonzeptes vor, wie am Montag bekannt wurde. Die Loveparade in Duisburg, bei der vor einem Jahr 21 Menschen ums Leben kamen, hätte nach den bisherigen Ermittlungen nicht genehmigt werden dürfen. Die Staatsanwaltschaft sieht die Genehmigung in einem Zwischenbericht als rechtswidrig an, bestätigte ein Behördensprecher am Montag einen Bericht der „Rheinischen Post“.

Die Ermittler werfen laut „Rheinischer Post“ in dem Zwischenbericht unter anderem Mitarbeitern zweier städtischer Ämter vor, ihren Verpflichtungen zur Prüfung des Sicherheitskonzepts und der Einhaltung von Auflagen nicht nachgekommen zu sein. Die Behörde sieht demnach zudem ein pflichtwidriges Verhalten des Leitenden Polizeidirektors, der an dem Unglückstag ab Mittag für das Einsatzgeschehen verantwortlich war. Von den weiteren 15 Beschuldigten seien elf zum Zeitpunkt der Loveparade bei der Stadt Duisburg und vier bei Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller beschäftigt gewesen.

FAQ - Loveparade

Wie war das möglich?

Das fragen sich im Rückblick alle. Stadt, Polizei und Feuerwehr haben bei den Besprechungen im Vorfeld offenbar zu sehr auf die große Erfahrung des Loveparade-Veranstalters Lopavent vertraut. Der hatte die Kapazität der Zu- und Abwege als ausreichend bezeichnet.

Gab es Druck auf die Genehmigungsbehörden?

Davon ist bisher nichts bekannt. Allerdings hatte im Jahr zuvor die Stadt Bochum "ihre" Loveparade aus Sicherheitsbedenken abgesagt, nachdem die Techno-Party zuvor in Essen und Dortmund erfolgreich über die Bühne gegangen war. Eine erneute Absage wäre für die ganze Region extrem peinlich gewesen, zumal das Ruhrgebiet 2010 sein Kulturhauptstadtjahr feierte. Bedenken einzelner Beamter seien in dieser Situation übergangen worden, heißt es. Ein Beamter lehnte in einem schriftlichen Vermerk die Verantwortung wegen gravierender Bedenken ausdrücklich ab. Auch der damalige Duisburger Polizeipräsident protestierte.

Wird immer noch ermittelt?

Ja, und zwar "fleißig", wie die Staatsanwaltschaft sagt. Mehr als 3000 Zeugen wurden schon vernommen. Ausgewertet werden außerdem Fotos, Handyvideos, Filme von Überwachungskameras und jede Menge Akten. Aktuell werden noch elektronische Daten der Stadt Duisburg untersucht, etwa E-Mail-Wechsel. "Das wird voraussichtlich noch mehrere Monate dauern", sagt Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp. Auch können sich die 16 Beschuldigten weiterhin äußern.

Was genau untersuchen die Ermittler?

Antworten werden etwa auf folgende Fragen erwartet: War das Gelände mit nur einem gemeinsamen Aus- und Eingang über einen Tunnel von vornherein völlig ungeeignet? Hätte die Stadt die Umsetzung des Sicherheitskonzepts besser kontrollieren müssen? Hatte der Veranstalter Lopavent zu wenige Ordner an den entscheidenden Stellen im Einsatz? Sperrte die Polizei möglicherweise zu lange an der falschen Stelle ab?

Wer ist denn nun Schuld - die Stadt, die Polizei, der Veranstalter?

Das stellt jeder anders dar. Das Innenministerium wirft dem Veranstalter vor, zu wenige Ordner eingesetzt zu haben. Der Veranstalter beschuldigt die Polizei, mit Absperrketten am falschen Ort zur Katastrophe beigetragen zu haben. Die Stadt verweist auf ein von ihr selbst in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten, wonach die Genehmigung der Technoparty rechtens war.

Und warum dauern die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft so lange?

Wegen der Vielzahl der Zeugenvernehmungen und der Unmenge an Daten, die ausgewertet werden müssen. Es ist ungeheuer kompliziert, die genauen Umstände des Unglücks nachzuvollziehen. Die Staatsanwaltschaft will nicht darüber spekulieren, ob die Ermittlungen überhaupt noch in diesem Jahr zu Ende geführt werden können.

Was droht den 16 Beschuldigten?

Wenn es tatsächlich zu einem Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung kommt, könnten mehrjährige Haftstrafen die Folge sein. Doch bis dahin ist der Weg noch weit: Zunächst muss die Staatsanwaltschaft Anklage erheben, das Gericht die Anklage zur Hauptverhandlung annehmen. Die Beweisführung dürfte angesichts der verworrenen Faktenlage nicht einfach werden.

Und die Opfer?

Sie haben aus einem Notfallfonds des Landes schnell bis zu 20.000 Euro (für Hinterbliebene und länger stationär Behandelte) bekommen. Außerdem haben bereits nahezu 300 Menschen Schadenersatzansprüche angemeldet. Die Versicherung des Veranstalters Axa hat dafür bereits zehn Millionen Euro zurückgestellt.

Was hat sich seit der Katastrophe verändert?

In Nordrhein-Westfalen sind die Sicherheitsauflagen für Großveranstaltungen deutlich verschärft worden. Betrüblich für alle Techno-Fans: Eine Loveparade wie in Duisburg wird es nie wieder geben, hat der Veranstalter Rainer Schaller nach dem Unglück angekündigt.

Der Zwischenbericht wurde bereits im Januar erstellt, aber nicht öffentlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit der Katastrophe gegen die Beschuldigten wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung. Oberbürgermeister Sauerland und Veranstalter Schaller gehören nicht dazu. Wann die Ermittlungen abgeschlossen sein werden, ist noch völlig unklar. Dies werde noch einige Monate dauern, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Während der Loveparade am 24. Juli 2010 war am überfüllten Zugangstunnel zum Veranstaltungsgelände in Duisburg eine Massenpanik ausgebrochen. 21 junge Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Anschließend schoben sich die Stadt, der Veranstalter Lopavent sowie die Polizei gegenseitig die Verantwortung für die Tragödie zu.

Oberbürgermeister Sauerland übernahm derweil in einer öffentlichen Erklärung vor dem Rat der Stadt Duisburg die „moralische Verantwortung“ für die Katastrophe. Es sei ihm ein Bedürfnis, „mich bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen“, sagte Sauerland. „Duisburg verneigt sich in Trauer vor den 21 jungen Menschen, die vor einem Jahr ihr Leben verloren haben.“ In der letzten Ratssitzung vor dem Jahrestag der Katastrophe gedachten die Ratsmitglieder mit einer Schweigeminute der Opfer. Sauerland war nach dem Unglück unter anderem in die Kritik geraten, weil er sich nicht entschuldigt hatte. In Duisburg sammeln Bürger derzeit Unterschriften für seine Abwahl.

Der Oberbürgermeister stellte sich trotz des Zwischenberichts der Staatsanwaltschaft hinter die Stadtverwaltung. „Ich habe keinerlei Hinweise, dass das Verwaltungshandeln in Duisburg falsch war“, sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". Darüber würden am Ende die Gerichte entscheiden. „Solange das nicht gerichtlich geklärt ist, haben meine Mitarbeiter für mich nichts falsch gemacht“, sagte Sauerland. Es gelte die Unschuldsvermutung. Er verwies zudem auf ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten, das die Kommune entlastete.

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