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04.06.2011

18:01 Uhr

Ehec

Spur führt nach Lübeck

Die Ehec-Fahnder haben eine neue Spur aufgenommen: Sie könnte von einem Lübecker Restaurant über die Lieferantenkette zur Ursache führen, hoffen die Behörden. Unterdessen sorgt das Thema zunehmend für Nervosität.

Eine Elektronenmikroskopaufnahme zeigt Bakterien. Quelle: dpa

Eine Elektronenmikroskopaufnahme zeigt Bakterien.

Auf der Suche nach dem Ursprung der gefährlichen Ehec-Darminfektionen gehen die Behörden Hinweisen auf ein Lübecker Restaurant nach. Wie die „Lübecker Nachrichten“ am Samstag berichteten, erkrankten 17 Menschen aus mehreren Besuchergruppen nach dem Besuch des Lokals. Der Mikrobiologe Werner Solbach sagte der Zeitung, das Restaurant treffe keine Schuld: „Allerdings kann die Lieferantenkette möglicherweise den entscheidenden Hinweis geben, wie der Erreger in Umlauf gekommen ist.“ Die schleswig-holsteinischen Behörden erklärten, sie gingen dem Fall nach, wollten aber nicht von einer heißen Spur sprechen. Bislang wurden über 1700 Infektionen registriert. Am stärksten sind Hamburg und Schleswig-Holstein betroffen.

Dem Blatt zufolge besuchten die Erkrankten das Restaurant zwischen dem 12. und dem 14. Mai. „Bemerkenswert ist, dass es sich bei den Erkrankten um Teilnehmer unterschiedlicher Gruppen handelt“, sagte der Wissenschaftler. Unter den Erkrankten ist auch eine Gruppe der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG), wie der Bundesvorsitzende Dieter Ondracek der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte. Demnach infizierten sich acht Mitglieder einer Gruppe, die am 13. Mai das Restaurant besuchte. Vier von ihnen seien schwer erkrankt. Eine 48-Jährige aus Nordrhein-Westfalen sei an der Infektion gestorben, sagte Ondracek. Nach Angaben der Gewerkschaft handelt es sich um eine Funktionärin des Bezirksverbandes Westfalen. Die DSTG vertritt Mitarbeiter der Finanzverwaltung.

Fragen und Antworten zu Ehec

Was ist Ehec eigentlich?

Ehec bezeichnet einen Darmkeim, der normalerweise bei Tieren vorkommt. Er ist eine Sonderform der wichtigen Kolibakterien, die im Darm Nährstoffe spalten und für die Abwehr von Krankheitserregern
sorgen. Das Enterohämorrhagische Escherichia Coli-Bakterium (Ehec) setzt jedoch beim Menschen gefährliche Giftstoffe frei, die lebensbedrohliche Krankheiten auslösen können.

Welche Symptome bringt eine Ehec-Erkrankung mit sich?

Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und
Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben.

Wie wird die Krankheit übertragen?

Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich.

Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle?

Seit dem 10. Juni geht das Robert-Koch-Institut (RKI) mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Sprossen die Ursache für den aktuellen Ausbruch sind. Die Warnung vor dem Verzehr roher Gurken, Tomaten und Blattsalaten wurde aufgehoben. Sprossen gelten als generell anfällig für Keime.  Bohnen-Sprossen seien definitiv als Ursache für die Ehec-Erkrankungen festgestellt worden, so das RKI.

Wie kann ich mich vor Ehec-Erkrankungen schützen?

Gegen den Ehec-Keim gibt es keine Impfung, der beste Schutz ist Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem Robert Koch Institut zufolge das Risiko einer Ehec-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Vor dem Verzehr von Sprossen wird gewarnt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zudem, Rohmilch vor dem Verzehr abzukochen und pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch als sicher anzusehen. Die Behörde mahnt besondere Hygiene im Umgang mit Fleisch an: Die Hände sollen vor der Zubereitung von Speisen und nach Kontakt mit rohem Fleisch gründlich mit Wasser und Seife gewaschen und abgetrocknet werden. Rohes Fleisch soll getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden, beim Grillen etwa empfiehlt das BfR verschiedene Bretter, Teller und Zangen zu verwenden. Auch diese Gegenstände sollen sofort nach dem Gebrauch gründlich gereinigt und abgetrocknet werden. Zudem rät das Institut Lappen und Handtücher nach der Zubereitung von rohem Fleisch möglichst auswechseln und bei mindestens 60 °C waschen. Wer sich entscheidet, rohes Gemüse oder Obst zu verzehren, soll es schälen oder zumindest gründlich waschen, so die Behörde.

In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das?

HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein.

Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin?

Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen Ehec-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. Der aktuell grassierende Erreger ist gegen Antibiotika allerdings ohnehin resistent.

Wie tauschen die Länder Informationen aus?

Wenn riskante Lebensmittel in Europa im Umlauf sind, tauschen die EU-Länder über ein Schnellwarnsystem wichtige Informationen aus. Das gilt auch jetzt - bei den gefährlichen Ehec-Keimen. Über das europäische Schnellwarnsystem für Nahrungs- und Futtermittel RASFF hat Deutschland die übrigen 26 EU-Länder vor den möglichen Ursachen der Infektionen offiziell gewarnt.

Bestehen unmittelbare Risiken für die menschliche Gesundheit, können nationale Behörden RASFF-Warnungen europaweit zum Anlass nehmen, um die Öffentlichkeit zu informieren, Rückrufaktionen zu starten oder Importe an den Grenzen abzufangen. Betroffene Produkte werden meist vom Markt genommen. In Deutschland laufen die Hinweise beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ein. Darin steht, um welche Produkte es geht, woher sie kommen und welche Maßnahmen im betroffenen Land ergriffen worden sind.

RASFF gibt es seit 1979. Nicht nur die EU-Staaten tauschen darüber Informationen aus. Auch Norwegen, Island, Liechtenstein und die Schweiz machen mit. Darüber hinaus können Drittstaaten über eine Online-Plattform die Meldungen abrufen. 2009 gab es rund 8000 RASFF Meldungen, so viele wie nie zuvor. Bei 557 davon handelte es sich um ernstzunehmende Warnungen über Gefahrenprodukte, die schon auf dem Markt waren.

Der Besitzer des betroffenen Restaurants „Kartoffel-Keller“, Joachim Berger, sagte der Agentur Reuters, in seinem Restaurant seien keine Erreger festgestellt worden. „Unsere Leute essen ja dasselbe. Und keiner von unseren Mitarbeitern ist krank.“ Sie äßen auch Salate und litten nicht unter Durchfall. Nach seinen Worten bezieht er sein Obst und Gemüse von einem Händler in Mölln in Schleswig-Holstein. Berger sagte, als die Meldung über die Erkrankungen gekommen sei, sei man „wie vor den Kopf geschlagen“ gewesen.

Den „Lübecker Nachrichten“ zufolge erkrankten auch Mitglieder einer dänischen Besuchergruppe. Solbach berichtete zudem von einem Kind aus Süddeutschland, das bei einer Familienfeier ebenfalls in dem Restaurant gewesen sei. „Bislang gab es nur vage Hinweise, wo, wann und was Erkrankte gegessen haben. Hier gibt es erstmals eine Gemeinsamkeit“, sagte der Hygieneexperte, der Professor am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck ist.

Das Verbraucher- und Agrarministerium von Schleswig-Holstein bestätigte den Fall, nicht aber die Zahl der Erkrankten. „Von einer heißen Spur zu sprechen, erschließt sich mir derzeit nicht“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Behörden versuchen nun zu klären, woher das Restaurant seine Ware bezog und ob es Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen gibt. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte auf Anfrage, dass es Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) in einem Lokal in Lübeck gegeben habe. Ergebnisse lägen aber noch nicht vor, sagte ein Sprecher.

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ berichtete, der Ausbruch der Epidemie falle womöglich mit dem Hamburger Hafengeburtstag Anfang Mai zusammen. Diese These werde intern beim RKI favorisiert, berichtete das Magazin vorab unter Berufung auf RKI-Kreise. Der zeitliche Abstand zwischen dem Fest und den ersten Erkrankungen im Hamburger Uniklinikum würde dem typischen Verlauf einer Ehec-Erkrankung entsprechen.

Kommentare (6)

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Schegel

04.06.2011, 21:55 Uhr

Alles vorwiegend ältere Frauen, schon lange in Rente die verbleichen. Komischer Zufall-

btw

05.06.2011, 00:32 Uhr

1. es gibt keine Spu: EHEC ist ist kein Virus.
2. Hygiene wird in Deutschland sträflichst vernachlässigt.
3. Hysterie als Hygiene-Ersatz taugt schon mal gleich
garnicht.

Haendewaschen_nicht_vergessen

05.06.2011, 00:40 Uhr

anders gesagt: die Deutschen haben verlernt sich selbst zu wachen beim Barbieren von andern......

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