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09.08.2017

02:09 Uhr

Eier-Skandal

Belgien kündigt neue Vorsichtsmaßnahmen an

Belgiens Regierung will die Vorsichtsmaßnahmen im Fipronil-Skandal ausweiten. So sollen beispielsweise weitere Geflügelbetriebe gesperrt werden. Die Zahl der in Frankreich betroffenen Betriebe ist derweil gestiegen.

Bei einer am 18. Juli entnommenen Probe hat die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK einen Fipronil-Wert von 0,92 Milligramm pro Kilogramm gemessen, die EU geht davon aus, dass ab 0,72 mg/kg eine Gefahr für die Gesundheit besteht. AFP

Eier-Skandal

Bei einer am 18. Juli entnommenen Probe hat die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK einen Fipronil-Wert von 0,92 Milligramm pro Kilogramm gemessen, die EU geht davon aus, dass ab 0,72 mg/kg eine Gefahr für die Gesundheit besteht.

Brüssel/ParisIn Reaktion auf eine Eierprobe mit gesundheitsgefährdenden Fipronil-Werten hat die belgische Regierung neue Vorsichtsmaßnahmen angekündigt. Unter anderem sollen weitere Geflügelbetriebe gesperrt werden, wie die zuständigen Minister am Dienstagabend laut Nachrichtenagentur Belga in einer gemeinsamen Mitteilung ankündigten.

Zuvor hatte die Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK bekanntgegeben, dass bei einer am 18. Juli entnommenen Probe ein Fipronil-Wert von 0,92 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) gemessen wurde. Ab 0,72 mg/kg geht die EU von einer Gesundheitsgefahr aus.

Ursprünglich war dabei ein niedriger Wert von 0,076 mg/kg festgestellt worden. Der Betrieb nutzte jedoch sein Recht, ein Gegengutachten erstellen zu lassen - das wiederum den deutlichen höheren Wert von 0,92 mg/kg ergab. Die FASNK versucht, den Grund für die unterschiedlichen Messungen zu ermitteln.

Friponil-Skandal: Auch Hühnerfleisch wird kontrolliert

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Auch Hühnerfleisch wird kontrolliert

Die Behörden in den Niederlanden weiten ihre Friponil-Untersuchung nun auf Betriebe aus, die sowohl Eier als auch Fleisch produzieren. Davon gibt es jedoch nur sehr wenige. Dennoch wurde der Verkauf zunächst gestoppt.

Die Regierung will nun alle Legehennen-Betriebe sperren, deren Proben von jenem Labor ausgewertet wurden, das den niedrigeren Wert gemessen hatte. Nach Angaben von Landwirtschaftsminister Denis Ducarme und Gesundheitsministerin Maggie De Block geht es um sechs Betriebe, von denen drei ohnehin schon gesperrt sind.

Außerdem soll es einen Rückruf der Eier aus diesen Betrieben geben, Verbraucher sollen über Chargennummern informiert werden und können betroffene Eier in den Laden zurückbringen. Die beiden Minister forderten von der FASNK außerdem die Einrichtung einer Bürger-Hotline. Zudem sollen die Ergebnisse des Gegengutachtens auf den Prüfstand und die Geflügelbranche stärker überwacht werden.

In Belgien wurden bislang zwar Höfe gesperrt, Aufforderungen an Verbraucher, bestimmte Eier wegzuwerfen, gab es bis zum Dienstag aber nicht - was mit den niedrigen gemessenen Fipronil-Werten begründet wurde. Diese Argumentation gerät nun in Zweifel. Noch am Montagabend hatte die FASNK erklärt, der bis dahin höchste gemessene Fipronil-Wert in Belgien liege bei 0,096 mg/kg.

Viele Details im Eier-Skandal noch ungeklärt

Was ist mit dem für den Verzehr gedachten Geflügelfleisch?

Nach Expertenangaben ist das Fleisch von Mastgeflügel höchstwahrscheinlich nicht mit Fipronil belastet. Legehennen sind keine Masttiere und in der Regel nicht für den Menschen bestimmt. Das in den Legeställen verwendete Mittel, das Fipronil enthielt, wurde wegen der Roten Vogelmilbe eingesetzt, die die Legehennen befällt. Das Problem hängt vor allem mit der langen Zeitspanne zusammen, die Legehennen in den Ställen verbringen – bis zu anderthalb Jahre. Die Mastdurchgänge sind deutlich kürzer: Masthähnchen stehen zwischen 28 und 42 Tage im Stall. Das Milbenproblem stellt sich nach Angaben der Geflügelwirtschaft damit nicht. Bislang sind nur in einem einzigen Mast- oder Zuchtbetrieb in Belgien Fipronil-Tests positiv ausgefallen.

In wie vielen Betrieben wurde Fipronil nachgewiesen?

In den Niederlanden sind bislang 138 Betriebe bekannt geworden, die das mit Fipronil kontaminierte Mittel Dega-16 benutzt haben. In Deutschland sind es fünf Betriebe in Niedersachsen: Vier Hühnerfarmen in den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Leer, eine Junghennenaufzucht im Emsland. Alle Betriebe liegen in der Nähe der niederländischen Grenze. Dazu kommt eine Postfachadresse, die letztlich wieder in die Niederlande führt. Die Hintergründe dazu sind noch nicht aufgeklärt.

Wie ist der Stand in Belgien?

Die Staatsanwaltschaft Antwerpen ermittelt wegen Betrugs – schließlich wurde einem erlaubten Insektengift mutmaßlich der dafür verbotene Zusatzstoff Fipronil beigemischt. Zu Details will sich die Behörde bis Mitte August nicht äußern. Ein erster Verdachtsfall wurde der Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK am 2. Juni bekannt. Die Meldung an das europäische Schnellwarnsystem erfolgte aber erst am 20. Juli. In einem von Agrarminister Denis Ducarme angeforderten Bericht soll die FASNK nun unter anderem erläutern, warum es so lange dauerte bis zur Warnmeldung. Aktuell sind 51 Geflügelhöfe in Belgien gesperrt.

Wie funktioniert der Informationsaustausch unter den EU-Staaten?

Wenn ein Land ernste Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Lebens- oder Futtermitteln feststellt, gibt es diese Informationen weiter an das so genannte Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel. Mit dabei sind alle 28 EU-Staaten sowie Norwegen, Liechtenstein, Island und teilweise auch die Schweiz. Die nationalen Behörden entscheiden dann, ob sie Produkte zurückhalten, vom Markt nehmen oder Verbraucher warnen. Die Brüsseler EU-Kommission betreibt diese elektronische Plattform.

Was passiert mit den Hennen in den Ställen?

Was mit den gut 125.000 Hennen in den betroffenen und gesperrten deutschen Betrieben passieren soll, weiß noch keiner. Die Landwirte hoffen, dass die Tiere das Fipronil wieder abbauen und wieder unbelastete Eier legen. Diese könnten unter Umständen wieder vermarktet werden. Nach Angaben des niederländischen Bauernverbandes LTO müssen in den kommenden Tagen mindestens eine Million Hühner in etwa 150 Geflügelbetrieben getötet werden. Bis jetzt seien bereits „mehrere Hunderttausend“ Hühner getötet worden. Wie viele Tiere tatsächlich getötet werden müssten, sei noch unklar. Ob auch in Deutschland am Ende Hennen wegen des Fipronil-Skandals getötet werden sollen, steht noch nicht fest.

Was macht die Justiz in Deutschland?

In Niedersachsen führt die Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungsverfahren gegen die Landwirte, die das Mittel verwendet haben sollen. Auch wenn sie möglicherweise nicht gewusst hätten, dass das eigentlich harmlose Mittel Dega-16 mit Fipronil kontaminiert war, hätten sie dennoch unerlaubterweise mit dem Insektizid belastete Eier verkauft, so die Staatsanwaltschaft. Damit könne der Straftatbestand des § 58 Lebensmittel- und Futtergesetzbuches (LFGB) erfüllt sein. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob Vorsatz oder Fahrlässigkeit im Spiel war.

Sinken wegen des Skandals die Eier-Preise in den Geschäften?

Nein, sagt Margit Beck von der Marktinfo Eier und Geflügel in Bonn. „Der Handel hat sich in festen Lieferbedingungen mit Eiern versorgt und feste Verträge für ein Jahr geschlossen.“ Wegen des Sommers sei die Nachfrage nach Eiern momentan ohnehin etwas geringer. Weil derzeit niederländische Eier in Deutschland nicht mehr verkauft werden, seien die Preise im Großhandel jüngst gestiegen. Aber Prognosen seien schwer: „Der Markt ist so unübersichtlich, wie ich es in zwanzig Jahren noch nicht erlebt habe.“

Die Landwirte-Organisation Boerenbond, die Bauern in Flandern und im Osten Belgiens vertritt, schätzt den Schaden für die Geflügelbranche durch die Fipronil-Krise derweil auf mindestens zehn Millionen Euro. Die Organisation forderte staatliche Unterstützung für betroffene Betriebe. In der Wallonie im Süden des Landes will der regionale Landwirtschaftsminister René Collin Ansprechpartner für Landwirte einsetzen, die Entschädigungen beantragen wollen.

Auch fünf weiterverarbeitende Betriebe in Frankreich haben Eier erhalten, die mit dem Insektizid belastet sind. Das sind drei mehr, als bislang bekannt gewesen war. Die Eier seien ihnen aus den Niederlanden und Belgien geliefert worden, teilte das Landwirtschaftsministerium in Paris mit. Die Behörden prüfen derzeit, wohin möglicherweise kontaminierte Produkte geliefert worden sind.

Außerdem hatte ein Legehennenbetrieb im Norden des Landes die Verwendung des Anti-Milben-Mittels Dega-16 gemeldet, über das Fipronil nach derzeitigem Stand in die Ställe kam. „Die Analysen (...) haben sich als positiv erwiesen, aber kein Ei aus diesem Betrieb ist auf den Markt gekommen“, so das Ministerium. Die gelagerten Eier sollen zerstört werden.

Es wird angenommen, dass ein belgischer Hersteller das Insektizid dem Reinigungsmittel beigemengt hatte. Die Verwendung von Fipronil bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist in der EU verboten.

Von

dpa

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