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20.01.2017

16:40 Uhr

„El Chapo“

Mexiko liefert Guzmán an die USA aus

Kurz vor dem Regierungswechsel wurde der frühere Kartellchef „El Chapo“ US-Behörden überstellt. Beobachter werten die Auslieferung als Zeichen des guten Willens. Doch Mexiko fürchtet, dass der Drogenhändler auspackt.

Kalkulierter Schritt?

Kurz vor Regierungswechsel – Mexiko liefert „El Chapo“ an die USA aus

Kalkulierter Schritt?: Kurz vor Regierungswechsel – Mexiko liefert „El Chapo“ an die USA aus

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Mexiko-StadtDer neue US-Präsident Donald Trump hat Mexikaner als Drogenhändler beschimpft – jetzt serviert ihm das geschmähte Nachbarland zum Amtsantritt den wohl größten seiner Zunft auf dem Silbertablett. Joaquín Guzmán Loera – genannt „El Chapo“, der Kurze – war einst der mächtigste Drogenboss der Welt. Sein Sinaloa-Kartell überschwemmte die USA mit Drogen und sorgte in Mexiko für Angst und Schrecken. Nun hat Mexiko ihn an die USA ausgeliefert.

Mexikanische Sicherheitskräfte hatten „El Chapo“ zunächst von einem Hochsicherheitsgefängnis zum Flughafen von Ciudad Juárez an der Grenze zu den Vereinigten Staaten gebracht. Dort nahmen ihn Beamte der US-Antidrogenbehörde in Empfang. Schwer bewaffnete Soldaten sicherten die Überstellung. Auf einen Foto war „El Chapo“ in khakifarbener Kleidung zu sehen, wie er von Militärs über das Flugfeld geführt wurde. Es wird erwartet, dass der Chef des Sinaloa-Kartells noch am Freitag vor einem Gericht in Brooklyn erscheinen muss.

„Die Auslieferung von Joaquín Guzmán Loera seitens der mexikanischen Regierung an die USA ist ein Beweis für den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen beiden Nationen“, schrieb der Chef der mexikanischen Regierungspartei PRI, Enrique Ochoa Reza, auf Twitter.

Das Leben von „El Chapo“

Der mächtigste Drogenhändler der Welt

Mexiko hat den Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán an die USA ausgeliefert. Der frühere Chef des Sinaloa-Kartells blickt auf ein bewegtes Leben in der mexikanischen Unterwelt zurück.

4.April 1957

Joaquín Guzmán Loera – so der volle Name – wird in dem Dorf La Tuna de Badiraguato im Bundesstaat Sinaloa im Nordwesten von Mexiko geboren.

1980

Guzmán wird Mitglied des Guadalajara-Kartells von Miguel Ángel Félix Gallardo.

9. April 1989

Félix Gallardo wird festgenommen und das Guadalajara-Kartell zerfällt. Guzmán gründet das Sinaloa-Kartell.

24. Mai 1993

Bei einer Schießerei zwischen Mitgliedern des Tijuana-Kartells und des Sinaloa-Kartells auf dem Flughafen von Guadalajara kommen sieben Menschen ums Leben, darunter der Kardinal Juan Jesús Posadas Ocampo. Den Ermittlern zufolge wurde er mit „El Chapo“ verwechselt.

9. Juni 1993

Guzmán wird in Guatemala festgenommen und an Mexiko ausgeliefert.

22. November 1995

„El Chapo“ wird zu 20 Jahren Haft verurteilt und in das Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande im Bundesstaat Jalisco gebracht.

19. Januar 2001

Versteckt in einem Wäschewagen und mit Hilfe des Wachpersonals flieht Guzmán aus dem Gefängnis.

2. Juli 2007

„El Chapo“ heiratet die damals 18-jährige Schönheitskönigin Emma Coronel Aispuro.

2009

Mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde US-Dollar nimmt die Zeitschrift „Forbes“ Guzmán in die Liste der reichsten Menschen der Welt auf.

Februar 2012

„El Chapo“ entgeht in Los Cabos knapp seiner Verhaftung. Zu dem Zeitpunkt treffen sich zahlreiche Außenminister in dem Badeort, um den G20-Gipfel vorzubereiten.

Februar 2013

Die Organisation Chicago Crime Commission erklärt Guzmán zum Staatsfeind Nummer 1 – ein Titel, der zuvor nur an den US-Gangster Al Capone vergeben wurde.

22. Februar 2014

Marineinfanteristen nehmen „El Chapo“ in der Küstenstadt Mazatlán im Bundesstaat Sinaloa fest.

11. Juli 2015

Guzmán flieht durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano.

8. Januar 2016

Marineinfanteristen fassen Guzmán nach einer Schießerei mit seinen Leibwächtern in der Stadt Los Mochis im Bundesstaat Sinaloa.

20. Mai 2016

Das mexikanische Außenministerium stimmt einer Auslieferung in die USA zu. Gerichte in den US-Bundesstaaten Texas und Kalifornien haben eine Überstellung beantragt.

19. Januar 2017

Ein Gericht in Mexiko-Stadt lehnt einen Antrag Guzmáns auf Schutz vor der Abschiebung ab. Damit sind alle Rechtsmittel ausgeschöpft. „El Chapo“ wird an die USA ausgeliefert.

Auch der Analyst Leo Zuckermann wertet die Überstellung des Kartellbosses an die US-Behörden als Zeichen des guten Willens. „Die Botschaft ist: Mit Kooperation zwischen euch und uns können wir gute Resultate erzielen“, sagte er in einem Interview des Fernsehsenders Foro TV.

Der Kolumnist Salvador García kritisierte die Auslieferung in der Zeitung „El Universal“ als Geste der Unterwerfung. Die Überstellung von „El Chapo“ sei eine Opfergabe, mit der Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto versuche, Trump gnädig zu stimmen, schrieb García. Das habe aber schon damals bei Montezuma und den Spaniern nicht funktioniert.

Drogenkrieg: Wer ist Joaquín „El Chapo“ Guzmán?

Ausbrecherkönig

Er ist der wohl mächtigste Drogenhändler der Welt. Mit seiner Flucht vor knapp vier Monaten aus einem Hochsicherheitsgefängnis unterstreicht Joaquín „El Chapo“ Guzmán auch seinen Anspruch auf den Titel des Ausbrecherkönigs von Mexiko.

Herkunft

„El Chapo“ kam 1957 in dem Dorf La Tuna de Badiraguato im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa zur Welt.

Jugend

Der Sohn einer armen Familie verkaufte als Jugendlicher Orangen, bevor er sich in den 1980er Jahren der Drogenbande um Miguel Ángel Félix Gallardo anschloss.

Drogenboss

Nach der Festnahme des Chefs gründete er das Sinaloa-Kartell. Die US-Antidrogenbehörde DEA bezeichnet das Syndikat als multinationalen Großkonzern des organisierten Verbrechens.

Festnahme und Flucht

Guzmán war 1993 in Guatemala festgenommen worden, doch 2001 gelang ihm die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Mexiko.

Vermögen

Mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde US-Dollar schaffte er es auf die Liste der reichsten Menschen der Welt der Zeitschrift „Forbes“.

Erneute Festnahme

Im Februar 2014 nahmen Marineinfanteristen „El Chapo“ in einem Apartment in der Küstenstadt Mazatlán im Westen des Landes fest.

Erneute Flucht

Gerade mal 17 Monate verbrachte der Drogenboss in Haft, dann spazierte er durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel in die Freiheit.

Die mexikanischen Behörden wiesen diese Interpretation freilich zurück. „Es gibt keine besondere Motivation für die Entscheidung zu einer Auslieferung von „El Chapo““, sagte Alberto Elías Beltrán von der Generalstaatsanwaltschaft. Die Auslieferung sei das Ergebnis eines normalen juristischen Verfahrens.

Nach Auffassung der mexikanischen Behörden kann Guzmán nicht zum Tode verurteilt werden. „In allen Auslieferungsgesuchen hat die US-Regierung garantiert, dass er nicht hingerichtet wird“, sagte der für internationale Angelegenheiten zuständige Staatsanwaltschaft Alberto Elías Beltrán am Freitag im Fernsehsender Foro TV. Auch im bilateralen Auslieferungsvertrag zwischen Mexiko und den USA ist die Todesstrafe explizit ausgeschlossen.

Gegen den früheren Chef des Sinaloa-Kartells liegen sechs Anklagen in verschiedenen US-Bundesstaaten vor. Unter anderem werden ihm in Texas Mord, Drogenhandel, organisierte Kriminalität und Geldwäsche zur Last gelegt. Da in Texas bei Mord die Todesstrafe verhängt werden kann, mussten die US-Behörden Mexiko garantieren, dass Guzmán nach seiner Auslieferung und einem Schuldspruch nicht hingerichtet wird. Angesichts der schweren Vorwürfe droht ihm allerdings eine sehr lange Haftstrafe.

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