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08.08.2011

13:23 Uhr

Elend im Flüchtlingslager

„Unsere Nachbarinnen wurden vergewaltigt“

Sie flüchten vor der Hungersnot in Somalia - und landen im Elend. Frauen im Flüchtlingslager Dadaab werden immer wieder Opfer von Übergriffen. Die armseligen Hütten bieten keinen Schutz.

Besonders für Frauen sind die Flüchtlingslager ein gefährlicher Ort. Quelle: Reuters

Besonders für Frauen sind die Flüchtlingslager ein gefährlicher Ort.

DabaabStill kauert Barwago Mohamud nachts unter den paar Decken, die seit ihrer Flucht aus Somalia und der Ankunft im Lager Dadaab in Kenia ihr Zuhause sind. Sie hat Angst um ihr Leben, Angst davor, vergewaltigt zu werden wie eine Nachbarin oder wie die Frau, d entführt, tagelang vor ihren entsetzten Kindern missbraucht und schließlich nackt zur Behandlung ins Ärztezelt gebracht wurde. Nur wenige hundert Meter weiter steht ein neu gebautes Lager, in dem Mohamud sicher sein könnte - doch die kenianische Regierung will die Anlage „Ifo 2“ nicht für Flüchtlinge aus Somalia öffnen. 

Frauen und Kinder, die vor der Hungerkatastrophe aus Somalia geflohen sind, müssen daher immer weiter am Rand von Dadaab unterkommen, und damit immer weiter vom sicheren Zentrum entfernt. In den Randgebieten des Lagers treiben sich abends und nachts bewaffnete Männer herum, Deserteure der somalischen Truppen oder Kenianer, die sich reihenweise an den verzweifelten Flüchtlingen aus Somalia vergehen. 

Die Hungersnot in Ostafrika

Was sind die Ursachen der humanitären Katastrophe?

Es gibt mehrere Gründe für die Verschärfung der Lage in dieser Region. Dazu gehören die lang anhaltende Dürre, der bewaffnete Konflikt und die damit verbundene Vertreibung der Menschen sowie der erschwerte Zugang für Hilfsorganisationen zu den betroffenen Gebieten. Dazu befinden sich die Preise für Lebensmittel wie Getreide auf Rekordhöhe. Beispielsweise stiegen die Preise für rotes Sorghum seit vergangenem Jahr um 240 Prozent.

Wie viele Menschen leiden unter der aktuellen Hungersnot?

Am Horn von Afrika sind über 13 Millionen Menschen von der Dürre betroffen und benötigen Nothilfe. In Kenia soll die Zahl der Hilfebedürftigen bis Mitte August von 1,8 auf 3,2 Millionen steigen. In Somalia sind derzeit 3,7 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Großteil von ihnen (2,2 Millionen) befindet sich im Süden des Landes und damit in einer der unzugänglichsten Regionen für Hilfsorganisation wie das Welternährungsprogramm.

Wie viele Flüchtlinge gibt es in der von der Hungersnot betroffenen Region?

Die Gesamtzahl der somalischen Flüchtlinge in den Nachbarländern der Region liegt derzeit bei rund 870.000. Die meisten von ihnen leben dort bereits seit Jahren. Seit Januar 2011 sind aufgrund der Dürre fast 200.000 Somalier in Kenia (125.000) und Äthiopien (77.000) eingetroffen (Stand 31. Juli 2011). Hinzu kommen rund 1,5 Millionen Binnenvertriebene in Somalia selbst. Auch hier hat die Zahl allein in den vergangenen zwei Monaten noch einmal um rund 100.000 zugenommen. Sie suchen Zuflucht in der Hauptstadt in Mogadischu.

Wie viele Flüchtlingslager gibt es und wo befinden sie sich?

Für die somalischen Flüchtlinge in der Region gibt es derzeit vor allem drei Flüchtlingslager bei Dadaab, einer Ortschaft im Osten Kenias. Dort befinden sich mittlerweile rund 400.000 Flüchtlinge. Eines der Lager (IfO) wird derzeit erheblich erweitert. Gleichzeitig hat dort bereits die Unterbringung von Flüchtlingen begonnen. Ein weiteres Lager ist in Planung. In Äthiopien gibt es ebenfalls drei Lager in der Gegend von Dollo Ado im Osten des Landes. Ein weiteres Camp für 60.000 Flüchtlinge ist kurz vor der Fertigstellung. In Somalia selbst leben viele hunderttausend Binnenvertriebene in Lagern.

Seit wann regnet es nicht mehr in den betroffenen Gebieten?

Die jetzige Dürre ist derzeit vor allem auf das Ausbleiben der Regenzeit von Oktober bis Dezember 2010 und das damit verbundene Ausbleiben der Ernte zurückzuführen. Zudem lag 2011 in einigen Regionen im Norden Kenias sowie im Süden Somalias die Niederschlagsmenge rund 30 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre.

Was müssen Flüchtlinge tun, um in den Lagern an Essen und Hilfsgüter zu gelangen?

Flüchtlinge erhalten nach ihrer Ankunft eine erste Notunterstützung - Plastikplanen, Wasserkanister, Schlafmatten, Kochutensilien und eine Nahrungsmittelration für 21 Tage. Diese Unterstützung ist unabhängig von ihrer Registrierung durch die einheimischen Behörden und kann gegebenenfalls auch verlängert werden. Mehrere Wochen im Durchschnitt warten derzeit die Neuankömmlinge in den Flüchtlingslagern in Dadaab auf ihre offizielle Registrierung - und damit auch das Armband, mit dem sie die ihnen zustehende Ration an Lebensmitteln abholen können. Nach der Registrierung sind die Flüchtlinge in das allgemeine Versorgungs- und Gesundheitssystem in den Lagern integriert.

Was bekommen die Bedürftigen täglich zum Essen und Trinken?

Um die akute Mangelernährung zu bekämpfen, bekommen Kinder unter fünf Jahren eine Spezialnahrung (Supplementary Plumpy). Dabei handelt es sich um eine dickflüssige Paste zum sofortigen Verzehr. Eine Tagesration enthält 500 Kalorien. An Erwachsene werden je nach Bedarf Wochen- und Monatsrationen verteilt. In Somalia werden zudem sogenannte angereicherte Energie-Kekse (High-energy biscuits) ausgegeben. Außerdem werden auch in Kenia und Äthiopien Mais, Weizen, Reis, Sorghum, Hülsenfrüchte sowie Salz und Zucker verteilt.

Woran mangelt es in den Flüchtlingslagern?

Die Aufnahmekapazitäten müssen dringend erweitert werden. So waren beispielsweise die Lager in Daadab ursprünglich für lediglich 90.000 Menschen vorgesehen, derzeit leben dort über 400.000 Flüchtlinge und täglich kommen über 1.000 hinzu. Die Menschen, in der Mehrheit, Frauen, Kinder und Jugendliche sind vielfach in lebensbedrohlichem Maße unterernährt und müssen entsprechend konzentriert versorgt werden. Die Trinkwasserversorgung ist in dieser Region ebenfalls ein zentrales Problem. In den Daadab-Lagern wird Trinkwasser derzeit aus einer Tiefe von 180 Metern gewonnen. Die Pumpen laufen 18 Stunden am Tag. Neue Trinkwasserreservoirs müssen erschlossen werden. In ausreichendem Maße müssen zudem sanitäre Anlagen gebaut werden, um die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten zu verhindern.

Warum können die Machthaber in Somalia die Hungersnot nicht selbst stoppen?

In Teilen Somalias, vor allem im Süden des Landes, aber auch in der Hauptstadt Mogadischu herrscht seit zwei Jahrzehnten ein bewaffneter Konflikt. UN-Hilfsorganisationen können deshalb derzeit in weiten Teilen des Landes nur bedingt oder gar nicht tätig werden.

Wie wird sich die Lage entwickeln?

In den kommenden vier bis sechs Wochen wird eine Ausweitung der Hungersnot auf den gesamten Süden Somalias erwartet, die voraussichtlich bis mindestens Dezember 2011 andauern wird.

Wann wird mit einer spürbaren Verbesserung der Lage gerechnet?

Die kommende Regensaison wird erst im Oktober erwartet. Mit Erträgen wird Ende 2011 und zu Beginn des kommenden Jahres gerechnet.

„Unsere Nachbarinnen wurden nachts vergewaltigt“, sagt Mohamud leise. „Wir haben Angst.“ Zwar hielten ein paar Jungs Wache, sagt sie. Sie müssten aber tagsüber arbeiten und bräuchten ihren Schlaf. 

Der Kontrast zwischen Mohamuds armseligen Lager und „Ifo 2“ könnte nicht größer sein: Der Neubau verfügt über sauber gemauerte Toilettenhäuschen, eine Polizeiwache und zwei hübsch gestrichene Schulen. Errichtet wurde er als dringend nötige Erweiterung für das ursprünglich auf 90.000 Menschen ausgelegte Lager Dadaab, das inzwischen rund 440.000 Flüchtlinge beherbergt. 

Die Europäische Union, die USA und weitere Geldgeber stellten 16 Millionen Dollar für den Bau von „Ifo 2“ zur Verfügung, um dort 40.000 weitere Menschen unterzubringen. Die kenianischen Behörden betrachten Flüchtlinge aus Somalia jedoch als Sicherheitsrisiko, weil Teile des Landes in der Hand von Extremisten mit Verbindungen zu Al-Kaida sind. Außerdem befürchten sie einen weiteren Zustrom aus Somalia, wenn sich „herumspricht“, dass den Flüchtlingen dort problemlos medizinische Versorgung und Schulbildung zur Verfügung gestellt wird. Wann „Ifo 2“ eröffnet wird, steht daher noch immer in den Sternen. 

Angegriffen werden die Flüchtlingsfrauen häufig, wenn sie zur Toilette gehen oder Feuerholz sammeln. Mohamud besteht darauf, ihre drei Töchter jedes Mal auf dem Weg in die Büsche zu begleiten und nimmt dann sicherheitshalber die einzige Taschenlampe mit, die sie sich mit acht weiteren Frauen teilt. Sinead Murray von der Hilfsorganisastion International Rescue Committee (IRC) zufolge wurden seit Anfang Juni doppelt so viele Vergewaltigungen und versuchte Vergewaltigungen gemeldet wie in den Monaten Januar bis Mai.

Kommentare (2)

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08.08.2011, 14:46 Uhr

Da muß Deutschland helfen! Sofortiges Asyl für Vergewaltigungsopfer aus aller Welt!

Account gelöscht!

08.08.2011, 14:47 Uhr

Da muss Deutschland unbedingt helfen! Sortiges Asyl für Vergewaltigungsopfer aus aller Welt!

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