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22.09.2014

16:35 Uhr

Else Beitz ist tot

Eine kluge und mutige Frau

Im Zweiten Weltkrieg hat sie jüdische Kinder versteckt. Mit 58 Jahren holte sie ihr Abitur nach, mit 73 promovierte sie mit Auszeichnung. Nun ist Else Beitz, Witwe des Krupp-Stiftungs-Chefs Berthold Beitz, gestorben.

Berthold und Else Beitz bei der Verleihung der Ehrenbürger-Urkunde 2007 in Essen. dpa

Berthold und Else Beitz bei der Verleihung der Ehrenbürger-Urkunde 2007 in Essen.

EssenElse Beitz, die Ehefrau des langjährigen Krupp-Stiftungschefs Berthold Beitz, ist im Alter von 94 Jahren in Essen gestorben. Das bestätigte die Familie am Montag.

Else Beitz starb am vorvergangenen Sonntag (14.9.). Sie litt seit langem an einer schweren Demenzerkrankung, aus der ihr Ehemann öffentlich kein Geheimnis gemacht hatte. Else Beitz war weit über 70 Jahre mit Berthold Beitz verheiratet, der Ende Juli 2013 in seinem Ferienhaus auf Sylt gestorben war.

An seiner Beerdigung und der späteren Trauerfeier konnte sie schon nicht mehr teilnehmen. Über ihren Tod hatte zuerst die „Bild“-Zeitung berichtet.

Else Beitz war eine mutige und kluge Frau an der Seite des Krupp-Großindustriellen. Zu Beginn der 1940er-Jahre hat sie im von Nazi-Deutschland besetzten polnischen Boryslaw zusammen mit ihrem Mann unter Lebensgefahr jüdische Kinder im gemeinsamen Haus versteckt, wenn Razzien der Nazis anstanden.

Sie setzte sich für die Verfolgten ein und half ihnen etwa mit Lebensmittelpaketen. Berthold Beitz arbeitete in dieser Zeit als Ölmanager in der Region.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Dass ihr Mann in den besetzten Ölgebieten mehreren hundert verfolgten Juden das Leben rettete, indem er sie aus den Todeszügen der SS zog und zu unabkömmlichen Raffineriearbeitern erklärte, wäre ohne Elses Unterstützung auch nicht denkbar gewesen. „Ohne deine Liebe hätte ich diese Zeit nicht überstehen können“, sagte Beitz später einmal zu seiner Frau bei einem Festakt.

Nach dem Krieg bemühte sich Else Beitz zusammen mit ihrem Mann aktiv um die Versöhnung mit Israel. 2008 erhielt sie für ihren Mut und ihre Entschlossenheit die selten an Deutsche verliehene Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Die gebürtige Hamburgerin hatte zusammen mit ihrem Mann drei Töchter und zahlreiche Enkel. Mit 58 Jahren holte sie das Abitur nach, studierte Erziehungswissenschaften und promovierte mit 73 Jahren mit Auszeichnung über ein Krupp-Thema.

2012 bekam Else Beitz das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik. „Menschen wie Frau Beitz haben durch ihre Taten, durch ihr Vorbild, durch ihr Beharren die moralischen Werte über die Zeit getragen“, sagte der damalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU), als er ihr die Auszeichnung übergab.

Von

dpa

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