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02.04.2015

16:41 Uhr

„Enthüllung der Fereshta Ludin“

Lehrerin veröffentlicht Biografie nach Kopftuchurteil

Mit Fereshta Ludin begann der Streit um das Kopftuch an deutschen Schulen. Das Verfassungsgericht hat pauschale Verbote gekippt. Ludins Kampf ist gewonnen – um welchen Preis? Ihre Autobiografie ist gerade erschienen.

Fereshta Ludin: „Das ist für mich wahre Emanzipation.“ dpa

Kämpferin

Fereshta Ludin: „Das ist für mich wahre Emanzipation.“

BerlinEs ist ein bitterer, später Sieg. Vor mehr als elf Jahren hat Fereshta Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht um das Recht gestritten, als Lehrerin in Baden-Württemberg ein Kopftuch zu tragen. Sie gewann – und verlor zugleich. Denn nach dem Urteil 2003 erließen mehrere Bundesländer pauschale Kopftuchverbote. Erst vor wenigen Wochen, Mitte März, wurden diese gekippt. In der Zwischenzeit aber habe die „abstrakte Angst gegenüber muslimischen Frauen mit Kopftuch“ zugenommen, sagt Ludin. „Es ist schwieriger geworden, mit Kopftuch zu leben.“

Für das Stück Stoff auf dem Kopf wurde die in Afghanistan geborene Lehrerin bundesweit bekannt. Sie wollte nicht akzeptieren, dass man sie in den Schulen nicht so haben wollte, wie sie war. Ludin stritt, sie polarisierte, wurde zur Heldin und Hassfigur zugleich. Vor allem aber bekam sie einen Stempel: „Kopftuch-Lehrerin“.

„In der Öffentlichkeit entstand ein Bild, das nicht mit mir selbst übereinstimmt“, sagt die Mitt-Vierzigerin (Jahrgang 1972) heute. Ihre gerade erschiene Autobiografie „Enthüllung der Fereshta Ludin“ untertitelt sie trotzdem „Die mit dem Kopftuch“.

Ludin beschreibt darin ihren Weg nach Karlsruhe, Vorurteile, Anfeindungen und wie sehr sie dies alles auch psychisch mitnahm. Sie erzählt aber auch von ihrer Kindheit als Tochter eines afghanischen Diplomaten, als Schülerin in Saudi-Arabien, von der ersten Liebe. Zusammen mit Co-Autorin Sandra Abed berichtet sie, wie sich das Leben als gläubige Muslima in Deutschland anfühlt. Wie sie mit unhöflichen Fragen umgeht. Was sie mit „normalen Deutschen“ verbindet.

Welche Regeln bei der Zuwanderung gelten

Die Zahl der Zuwanderer steigt

Im Jahr 2013 kamen 1,23 Millionen Menschen nach Deutschland, wie aus dem neuesten Migrationsbericht der Bundesregierung hervorgeht. Das ist ein deutliches Plus gegenüber 2012, wo die Zahl bei 1,08 Millionen lag. Die Gründe, warum Menschen nach Deutschland kommen, sind unterschiedlich. Entsprechend vielfältig sind die gesetzlichen Grundlagen, die der Zuwanderung zugrunde liegen.

EU-Freizügigkeit

Jeder Bürger eines EU-Landes hat ungeachtet seines Wohnortes und seiner Staatsbürgerschaft das Recht, sich in einem anderen EU-Staat niederzulassen, um dort einer Beschäftigung nachzugehen. Ausnahmeregelungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren in Deutschland sind Ende 2013 ausgelaufen. Doch schon zuvor konnten die Menschen aus diesen Ländern nach Deutschland kommen: Die Bundesregierung registriert für 2013 139.000 Zuwanderer mit rumänischer Staatsangehörigkeit und 61.000 mit bulgarischer Staatsangehörigkeit. Zugleich kamen 190.000 Polen in die Bundesrepublik.

Erwerbstätigkeit

Von 2012 auf 2013 ging die Zahl der Erteilungen von Aufenthaltserlaubnissen wegen Erwerbstätigkeit zwar um 13 Prozent auf 33.648 zurück. Allerdings ist dieser Rückgang überwiegend auf den Beitritt Kroatiens zur EU am 1. Juli 2013 zurückzuführen. Arbeitnehmer von dort brauchen seither keinen entsprechenden Aufenthaltstitel mehr. Hauptherkunftsländer waren insbesondere Indien, die Vereinigten Staaten, Bosnien-Herzegowina und China.

Familiennachzug

Wer eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland besitzt, kann in der Regel seinen ausländischen Ehepartner, eingetragenen Lebenspartner oder Kinder nachziehen lassen. Die Familienangehörigen erhalten dafür eine Aufenthaltserlaubnis zum Nachzug. Dafür wurden im Jahr 2013 44.000 Visa erteilt.

Ausländische Studenten

Im Vergleich zum Vorjahr konnte eine Zunahme um acht Prozent auf 86.170 ausländische Studenten festgestellt werden. Damit wurde im Jahr 2013 die bislang höchste Zahl ausländischer Studienanfänger verzeichnet.

Spätaussiedler

Nach einem kontinuierlichen Rückgang von 2001 bis 2012 konnte im Jahr 2013 auch bei der Zuwanderung von Spätaussiedlern und ihrer Familienangehörigen ein leichter Wiederanstieg registriert werden. So stieg die Zahl der Zugänge im Rahmen des Spätaussiedlerzuzugs um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr auf 2.427 Personen.

Bundesbürger

Im Jahr 2013 wurden 140.000 Fortzüge von Deutschen registriert. Die Zahl der zurückkehrenden Deutschen stieg leicht auf 118.000 Zuzüge, so dass der Wanderungsverlust im Jahr 2013 etwas höher ausfiel als im Vorjahr. Studien belegten, dass viele Personen mit und ohne Migrationshintergrund nicht dauerhaft im Ausland bleiben, heißt es im Migrationsbericht. Hauptzielland deutscher Abwanderer ist seit 2004 die Schweiz.

Asylrecht I

Wer in seinem Heimatland politisch verfolgt wird, genießt Asyl. Mit Blick auf die steigende Bewerberzahlen sind im vergangenen Jahr in Einzelbereichen Einschränkungen beschlossen worden. So wurden die drei westlichen Balkanstaaten Serbien, Mazedonien als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Dadurch können Asylanträge von Menschen aus diesen Ländern schneller abgelehnt werden.

Asylrecht II

Zugleich gab es Erleichterungen für die Asylbewerber: Die bisherige Residenzpflicht wurde weitgehend abgeschafft, das Arbeitsverbot wurde gelockert. Dem Migrationsbericht zufolge steigt die Zahl der Asylbewerber seit 2007: Die Zahl der Erstanträge lag 2013 demnach bei knapp 110.000.

Im Mittelpunkt jedoch steht das Kopftuch. Die Entscheidung, es zu tragen, habe sie selbst getroffen, berichtet Ludin. Das sei ihre Freiheit, denn niemand dürfe einer Frau vorschreiben, wie sie sich zu kleiden habe. „Es war und ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ein Stück Ich.“ Sie fühle sich mit Kopftuch innerlich ruhiger, gelassener. „Das ist für mich wahre Emanzipation.“

Provozieren wolle sie nicht, beteuert die Lehrerin. Das Kopftuch sei für sie kein politisches Symbol, sondern ein Kleidungsstück. Ludin bindet es eher locker, modisch, mag Erdtöne und kräftige Farben. Stünde das Tuch, wie ihr oft vorgehalten wurde, für Unterdrückung, „dann wäre ich die Erste, die es ablegt“, betont sie.

Der Asyl-Kompromiss

„Sichere Herkunftsstaaten“

Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina werden als „sichere Herkunftsstaaten“ eingestuft. Damit können Asylsuchende aus diesen Ländern schneller abgeschoben werden, ohnehin wird nur ein sehr kleiner Bruchteil der Anträge akzeptiert. Das soll die Bearbeitung von Anträgen von Flüchtlingen aus Krisenstaaten beschleunigen.

Residenzpflicht

Im Gegenzug wird die Residenzpflicht, die Asylsuchende auf einen bestimmten Aufenthaltsort beschränkt, nach drei Monaten aufgehoben. Bei Straftätern und Personen, die gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben, kann eine Residenzpflicht wieder angeordnet werden.

Zugang zum Arbeitsmarkt

Zudem sollen die Bedingungen für einen Zugang zum Arbeitsmarkt gelockert werden: Das absolute Beschäftigungsverbot wird auf die ersten drei Monate beschränkt. Für Asylbewerber sowie Geduldete soll zudem die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit statt nach vier Jahren bereits nach 15 Monaten im gesamten Bundesgebiet ohne Vorrangprüfung erlaubt werden - bei der Vorrangprüfung wird ermittelt, ob es nicht auch geeignete deutsche Bewerber für eine Stelle gibt. Diese Regelungen werden aber zunächst zeitlich befristet auf drei Jahre.

Gerechte Kostenverteilung?

Um für eine gerechte Kostenverteilung zwischen den Ländern zu sorgen, wird sichergestellt, „dass Sozialleistungen lediglich an dem in der Wohnsitzauflage festgelegten Wohnsitz erbracht werden“.

Mit ihrer Beharrlichkeit hat Ludin eine schwere Zeit für muslimische Lehrerinnen ausgelöst. In mehreren Bundesländern mussten sie das Kopftuch vor der Klasse abnehmen – oder sich einen anderen Beruf suchen. Junge Frauen, die Lehrerin werden wollten, entschieden sich um. „Dieses Urteil hatte negative Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft“, resümiert Nurhan Soykan vom Zentralrat der Muslime (ZDM). Muslimische Frauen seien dadurch stigmatisiert worden.

Dass sie das Leben vieler Frauen negativ beeinflusst hat, belastete Ludin sehr – bis zum Burnout. Als Siegerin, das liest man zwischen den Zeilen, fühlt sie sich nur bedingt.

Heute arbeitet die „Kopftuch-Lehrerin“ in Berlin an einer staatlich anerkannten islamischen Privatschule. Hier stört das Stück Stoff niemanden. Sie habe die Hoffnung, erzählt Ludin, dass irgendwann auch andere Menschen ihr lieber in die Augen statt auf das Kopftuch schauten.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Hans Mayer

02.04.2015, 18:07 Uhr

So ist es eben wenn man sich das falsche Land aussucht.
Ich rate der Frau nach Saudi-Arabien oder Kuwait oder eines der anderen Länder auszuwandern.
Wem es hier nicht gefällt oder unsere Sitten und Gebräuche nicht will, der soll gehen, noch sind wir ein einigermassen freies Land.

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