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29.07.2012

18:15 Uhr

Enthüllungsautor

Günter Wallraff muss sich Betrugsvorwürfen stellen

Günter Wallraff hat schon oft soziale Missstände aufgedeckt - nun sieht er sich selbst dem Vorwurf des Sozialbetrugs ausgesetzt. Ein ehemaliger Mitarbeiter wirft ihm vor, ihn illegal beschäftigt zu haben.

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. dpa

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.

KölnEin ehemaliger Mitarbeiter wirft Günter Wallraff einem „Spiegel“-Bericht zufolge Sozialbetrug vor. Wallraff soll ihn über Jahre hinweg illegal beschäftigt haben. Der Enthüllungsautor bezeichnete die Anschuldigungen in einer am Sonntag in Köln verbreiteten Stellungnahme als falsch. „Ich habe diesem Menschen, der mit einer konfliktreichen Biografie belastet ist, eine Wohnung zur Verfügung gestellt und ihn einige Jahre begleitet“, schreibt Wallraff. „Er stand mir in dieser Zeit auch immer wieder hilfreich zur Seite. Die Vorwürfe, ich hätte ihn ausgebeutet oder ausgenutzt, haben nichts mit der Realität zu tun.“

Wie der „Spiegel“ berichtet, beschuldigt der ehemalige Mitarbeiter den 69-jährigen Wallraff, ihn beschäftigt zu haben, ohne dies dem Finanzamt oder der Arbeitsagentur anzuzeigen. Der Mann habe „als eine Art Privatsekretär“ bei Wallraff gearbeitet. Sein Monatsgehalt von anfangs 1.000 Euro sei ihm von Wallraff bar und ohne Beleg ausgezahlt worden.

Wallraffs geheime Recherchen

„Industriereportagen“

Zwischen 1963 und 1965 schlich Wallraff sich in verschiedene Industriebetriebe ein. Darunter war auch ein Stahlwerk von Thyssen.

„13 unerwünschte Reportagen“

1969 erscheint das Buch, in dem Wallraff von seinen Erfahrungen in der Rolle eines Alkoholikers in einer Psychatrie, eines Studenten auf Zimmersuche oder etwa eines Obdachlosen berichtet.

Spínola-Aktion

1976 nahm Wallraff die Rolle eines Waffenunterhändlers an. So kam er in Kontakt mit dem ehemaligen Staatspräsidenten Portugals, General Spínola. Bevor dieser seinen geplanten Putsch durchführen konnte, ging Wallraff mit den Details an die Öffentlichkeit.

„Bild“-Redakteur Hans Esser

1977 schlich Wallraff sich für über drei Monate als Redakteur mit dem Namen "Hans Esser" bei der Bild-Zeitung ein. Über seine Erfahrungen in einer der Lokalredaktionen schrieb er ein Buch, in dem er der Bild-Zeitung unter anderem unsaubere Recherchemethoden vorwirft. Die Folge war eine Klage der Axel Springer AG. Der WDR produzierte dazu einen Dokumentarfilm, 1979 und 1981 erscheinen zwei weitere Bücher.

Gastarbeiter aus der Türkei

Zwischen 1983 und 1985 schlug Wallraff sich als türkischer Gastarbeiter bei Unternehmen wie McDonald’s und Thyssen durch. Auch dazu erschein ein Buch („Ganz unten“) in dem er seine negativen Erfahrungen schildert, außerdem gründete Wallraff einen Hilfsfonds mit dem Titel „Ausländersolidarität“.

Als „Ali“ in Syrien

Als türkischer Arbeiter mit dem Namen „Ali“ sprach Wallraff 1996 mit dem damaligen PKK-Führer Abdullah Öcalan. Dabei ging es um den kurdischen Dissidenten Selim Cürükkaya und dessen Buch „Die Suren Apos“, wegen dem ein Mordbefehl gegen ihn verhängt wurde.

Lottoverkäufer

Seit 2007 recherchiert Wallraff für das Zeit-Magazin. Seine erste Reportage führte ihn in ein CallOn-Callcenter, wo er am Telefon Systemlotto-Scheine von LottoTeam verkaufte. Dafür ließ er sich von Maskenbildnern 16 Jahre jünger machen. Hier prangerte er unter anderem die Belästigung von Angerufenen und Gesetzesverstöße an.

Arbeiter in einer Brotfabrik

2008 arbeitete Wallraff ein paar Wochenlang bei der Gebr. Weinzheimer Brotfabrik. Deren alleiniger Abnehmer war zu dieser Zeit Lidl. Neben mangelnder Hygienebedingungen kritisierte Wallraff hier schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen. 2010 wurde der Betrieb in Folge der Enthüllungen geschlossen.

Obdachlos in Großstädten

Drei Monate lang recherchierte Wallraff in Obdachlosenheimen in Großstädten wie Köln und Frankfurt am Main, um im Zuge dessen zahlreiche Missstände aufzudecken. Dazu gehörten ein Mangel an Personal und Fälle von Gewaltanwendungen.

„Schwarz auf Weiß“

Als Somalier mit dunkler Hautfarbe getarnt reiste Wallraff 2009 als „Kwami Ogonno“ begleitet von einem Kamerateam durch Deutschland. Dabei stieß er oft auf rassistische Anfeindungen. Die Süddeutsche Zeitung hingegen kritisierte Wallraffs Methode selbst als rassistisch.

Wallraff verwies in diesem Zusammenhang am Sonntag auch auf einen Brief seines Anwalts Winfried Seibert an den „Spiegel“. Der Anwalt schreibt darin, Wallraff habe den Mann bei Recherchen zu Call-Centern kennengelernt und ihm helfen wollen. Der Mann habe gelegentlich bei ihm im Büro etwas Geld verdienen dürfen, jedoch „nie fest angestellt“. Er habe auch nie ein monatliches Festgehalt bezogen. Nach Wallraffs Darstellung wollte der Mitarbeiter, dass ihm das Geld bar ausgezahlt wurde, da es ihm sonst gepfändet worden wäre.

Er habe dem Mitarbeiter unter Zeugen mehrmals angeboten, eine Lebensversicherung für seine Altersvorsorge abzuschließen, ihm eine zusätzliche Ausbildung zu finanzieren und ihn auch testamentarisch zu berücksichtigen, so wie dies bereits bei früheren Mitarbeitern geschehen sei. Dies habe der Mann jedoch abgelehnt, „da er möglicherweise damals schon vorhatte, mich in der Öffentlichkeit zu diskreditieren“.

Nach Angaben seines Anwalts ging Wallraff mit dem Mitarbeiter noch vor einigen Monaten zu der zuständigen ARGE-Mitarbeiterin, um ein festes Arbeitsverhältnis zustande zu bringen. Kurze Zeit später habe der Mitarbeiter davon nichts mehr wissen wollen und sämtliche Kontakte zu Wallraff abgebrochen.

Wallraff („Ganz unten“) hat in der Vergangenheit oft soziale Missstände aufgedeckt. Zuletzt hatte er dem Paketzusteller GLS unzumutbare Arbeitsbedingungen und Dumpinglöhne vorgeworfen.

Von

dpa

Kommentare (7)

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Gnofi78

29.07.2012, 19:30 Uhr

Oh man Wallraff, Sozialbetrug bleibt Sozialbetrug und Steuerhinterziehung eben Steuerhinterziehung. Nun versuchen Sie nicht Menschen zu denunzieren sondern stehen Sie zu Ihren Fehlern und tun Sie damit das, was Sie seit Jahren von anderen Fordern?

Was sagten Sie noch kürzlich? Deutschland ist ein Billiglohnland. Reiche werden immer reicher, Arme immer zahlreicher. Für die nächsten zehn Jahre sind sie pessimistisch weil das Sozialsystem einbricht??? Na SIE müssen es ja wissen.

Schämen sollten Sie sich!

Account gelöscht!

29.07.2012, 19:49 Uhr

Dieser Mann ist doch nicht ernst zu nehmen. Typisch wäre ein solches Verhalten ja für seinesgleichen. Aber bei ihm sieht das die politische Linke bestimmt nicht so eng. Hieße er Wulff oder Guttenberg oder wäre er Mitglied der FDP würde ein Sturm der Entrüstung ausgehend von den Empörungspolitikern losbrechen, ohne überhaupt abzuwarten, ob die Vorwürfe berechtigt sind.

Benji

29.07.2012, 20:19 Uhr

Soviel zu Wallraffs Aussage das sein Mitarbeiter nur gelegentlich ausgeholfen hat:
http://www.youtube.com/watch?v=KJt39Y4iXEg&feature=youtube_gdata_player

Ups, mal sehen wie Sie sich da jetzt raus reden wollen verehrter Herr Wallraff!

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