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04.05.2003

14:29 Uhr

Erdbeben fordert 167 Tote

Bergungsarbeiten in der Türkei beendet

Keine Hoffnung mehr auf Überlebende nach dem schweren Erdbeben in der Südosttürkei: Die Behörden stellten am Sonntag die Suche nach Vermissten ein. Mindestens 167 Menschen starben, 520 wurden verletzt. Allein aus dem am stärksten zerstörten Schülerwohnheim nahe der Provinzhauptstadt Bingöl konnten 84 Kinder und ein Lehrer nur noch tot geborgen werden.

Foto: dpa

Foto: dpa

HB/dpa BINGÖL. Offiziell wurden bei dem Beben, das die Stärke 6,4 auf der Richterskala erreichte, weit mehr als 1000 Häuser beschädigt, 18 Gebäude dem Erdboden gleich gemacht.

In 75-stündigem Einsatz hatten die Helfer 114 Schüler lebend aus dem völlig eingestürzten vierstöckigen Wohnheim retten können. In dem Internatsgebäude der Schule, in der die Kinder aus umliegenden Dörfern unterrichtet wurden, hatten 198 Schüler geschlafen, als das Erdbeben die Provinz Bingöl in der Nacht zum 1. Mai erschütterte.

Auch drei Tage nach dem Unglück gab es noch leichtere Nachbeben. Eines der stärkeren wurde am Sonntagmorgen mit 4,4 registriert. Ein leichtes Beben der Stärke 4,5 erschütterte Samstagmittag auch die türkische Riviera bei Antalya. Nach Angaben der Behörden gab es in dem Urlaubsgebiet aber weder Schäden noch Verletzte.

Unter Wehklagen der Eltern und Angehörigen wurden am Samstag die ersten Kinder, denen der Einsturz des Schülerwohnheimes zum tödlichen Verhängnis geworden war, in ihren Heimatdörfern begraben. „Hätten wir in unserem Dorf eine Schule gehabt, wäre unseren Kindern dieses Unglück nicht passiert“, sagte einer der Dorfbewohner, die sich um die frisch aufgeworfenen Gräber versammelt hatten.

Für den schnellen Zusammensturz des mehrstöckigen Schulgebäudes wird auch Pfusch am Bau verantwortlich gemacht. Die Behörden haben Untersuchungen eingeleitet. Der Bauunternehmer, der den Auftrag für das vor knapp vier Jahren fertig gestellte Gebäude erhalten hatte, ist nach türkischen Medienberichten untergetaucht. Fernsehbilder zeigten am Sonntag faustdicke Steine, die vorschriftswidrig im Beton von tragenden Säulen des Schulgebäudes verbaut waren.

Für die Eltern und Angehörigen, die drei Nächte an der Unglücksstelle ausharrten, war das Warten zuletzt unerträglich geworden. Die Identifizierung der tot geborgenen Kinder gestaltete sich immer schwieriger. „Kennt jemand diese Krawatte“, fragten Helfer, nachdem sie am Samstag eine unkenntliche Leiche in einen Krankenwagen gelegt hatten.

Nach Protesten und Ausschreitungen, die sich an der Verteilung der Zelte entzündet und zur Entlassung des Polizeipräsidenten von Bingöl geführt hatten, kehrte im Erdbebengebiet unterdessen wieder Ruhe ein. Nach Angaben des Provinzgouverneurs Hüseyin Avni Cos wurden bis Sonntagvormittag 6500 Zelte verteilt, davon 1100 an Bewohner der umliegenden Dörfern. Besonders zu leiden haben Familien mit Kindern, wie der private Nachrichtensender NTV berichtete. Viele Kinder hätten Fieber und Durchfall. Medizin, Babynahrung und Windeln gehörten deshalb zu den am stärksten benötigten Hilfsgütern.

Die kirchlichen Hilfsorganisationen Diakonie und Caritas haben einen Transport mit Hilfsgütern in das Erdbebengebiet geschickt. Die sechs Lastwagen sind unter anderem mit Lebensmittelpaketen, Wassertanks und mobilen sanitären Anlagen beladen, teilten die Organisationen in Stuttgart mit.

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