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11.03.2011

22:19 Uhr

Erdbeben in Japan

400 Tote nach Tsunami - Weitere Beben in Tokio und Nagano

Die Zahl der Todesopfer nach dem gewaltigen Erdbeben und dem Tsunami in Japan steigt rasant. Hunderte werden vermisst. Erste Tsunami-Ausläufer haben Hawaii und die US-Küste erreicht, Südamerika bereitet sich vor. Doch es drohen neue Flutwellen.

Ein Passant geht in Sedai an Autos vorbei, die von der Flutwelle wie Spielzeug mitgerissen wurden. Quelle: dapd

Ein Passant geht in Sedai an Autos vorbei, die von der Flutwelle wie Spielzeug mitgerissen wurden.

TokioDie Zahl der Toten nach dem Erdbeben und der Tsunami-Flutwelle im Nordosten Japans hat sich auf mindestens 398 erhöht.

Dies berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Angaben der Polizei von Samstag. Mehr als 800 Menschen wurden noch vermisst.

In weiten Teilen Japans bebte die Erde auch am Samstagmorgen immer wieder.

Die Menschen im Großraum Tokio wurden von einer neuen schweren Erschütterung aufgeschreckt. Auch in der Provinz Nagano gab es starke Nachbeben.

Das japanische Fernsehen zeigte Bilder von großflächigen Überschwemmungen an der Küste. Viele Menschen verbrachten die eiskalte Nacht frierend im Freien auf den Dächern umfluteter Häuser.

Das gewaltige Beben hatte Japan am Freitag gegen 14.45 Uhr Ortszeit (6.45 Uhr MEZ) erschüttert. Das Zentrum der Erdstöße lag 24,4 Kilometer unter dem Meeresboden, 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. An der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu fielen Gebäude wie Kartenhäuser zusammen, eine Wasserwand raste ins Landesinnere und riss alles mit sich, was ihr im Weg stand.

Auch ein Reisezug wurde an der Küste vermisst, berichtete die Agentur Kyodo. Wie viele Menschen in dem Zug waren, blieb zunächst unklar.

Im gesamten Pazifikraum wurden in etwa 50 Ländern zeitweise Tsunami-Warnungen ausgelöst. Während die gefürchteten Flutwellen auf Taiwan, den Philippinen und auf den Pazifik-Inselstaaten ausblieben, ließ die chilenische Regierung die gesamte 5000 Kilometer lange Küste des Landes evakuieren. Dort wurde mit Wellen mit einer Höhe von bis zu drei Metern gerechnet.

Ein zehn Meter hoher Tsunami hat am Freitag die Nordost-Küste Japans überrollt und wahrscheinlich über 1000 Menschen das Leben gekostet.

Die Stadt Rikuzentakata mit etwa 25 000 Einwohnern wurde nach Angaben der Feuerwehr fast vollständig von dem verheerenden Tsunami am Vortag zerstört. Die Zahl der Toten nach dem gewaltigen Beben und dem anschließenden Tsunami dürfte auf mehr als 1000 steigen.

Die Zahl der Todesopfer steigt rasant: Allein in den Küstengebieten der japanischen Hafenstadt Sendai wurden nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo 200 bis 300 Leichen gezählt. Der Tod von 110 weiteren Menschen wurde offiziell bestätigt, 350 wurden vermisst, es gab mindestens 544 Verletzte.

Die Flutwelle wurde am Freitagmorgen 6.45 Uhr MEZ durch das stärkste Erdbeben in der Region seit Beginn der Aufzeichnungen vor 140 Jahren ausgelöst und riss alles mit sich fort - Autos, Boote, Häuser, Bauernhöfe und Felder. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie riesige Wassermassen das Land überfluteten und Kilometer weit ins Landesinnere vordrangen. Rund um den Pazifik wurden Tsunami-Warnungen ausgelöst. Auch für Japan hat die Regierung in Tokio in der Nacht zu Samstag vor weiteren Flutwellen gewarnt. Das meldete der Fernsehsender NHK. Das Pazifische Tsunami-Zentrum in Los Angeles warnte die Bewohner der gesamten Pazifikküste von Alaska bis Chile vor einer drohenden Flutwelle.

Erste Flutwellen niedriger als befürchtet

Auf Taiwan und Hawaii blieb der befürchtet starke Tsunami aber bislang aus. Auch für Indonesien, für die Philippinen, Neuseeland und Russland war Tsunami-Alarm ausgerufen worden. Hier waren die Flutwellen jedoch kaum spürbar.

Die hawaiianischen Inseln Oahu und Kauai traf der Tsunami bereits mit Wellen mit ein Meter Höhe, an der Küste Mauis erreichten die Wellen sogar eine Höhe von zwei Metern und bahnten sich ihren Weg über Straßen und in Hotels. Auch aus Hawaii wurden aber vorerst keine größeren Schäden gemeldet. Viele Küstenbewohner hatten sich bereits in höhere Lagen in Sicherheit gebracht. Auch die Inselgruppe Französisch-Polynesien, wo Wellen mit einer Höhe von bis zu drei Metern erwartet wurden, bereitete sich auf den Tsunami vor. Schäden wurden vorerst keine gemeldet.

Entlang der Küste des US-Staates Oregon wurde der Tsunami ebenfalls registriert, blieb vorerst aber ohne Folgen. Dort und in Washington waren schon Stunden zuvor Evakuierungen angeordnet worden. Im Kalifornischen Santa Cruz wurden einige Boote im Hafen durch die Wellen losgerissen. In Alaska löste der Tsunami an der Küste der Insel Shemya rund 1.900 Kilometer südwestlich von Anchorage eine etwa 1,5 Meter hohe Welle aus.

An der kalifornischen Küste wurden Hafenanlagen und Dutzende Boote zerstört. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown rief in den betroffenen Gebieten den Notstand aus. Ein junger Mann wurde von der Welle mitgerissen und ertrank. Crescent City im Norden des Westküstenstaates wurde von mehr als zwei Meter hohen Wellen getroffen. „Über 30 Boote im Hafen wurden beschädigt, Anlegestellen sind zu Bruch gegangen“, sagte Joe Young von der örtlichen Katastrophenbehörde der Nachrichtenagentur dpa. Mehr als 4000 Einwohner waren in der Nacht vorsichtshalber in Sicherheit gebracht worden.

Nach einem Beben 1964 waren in Crescent City elf Menschen in einer Flutwelle ums Leben gekommen. Auch im Hafen von Santa Cruz, südlich von San Francisco, gingen zahlreiche Boote zu Bruch. Die Flutwellen drückten Jachten in die Holzstege, Boote wurden losgerissen und trieben führerlos im Hafenbecken. Drei junge Männer, die an einem Strand nahe Crescent City Fotos machten, wurden von einer Welle ins Meer gespült. Nur zwei konnten sich an Land retten. Die Suche nach ihrem 25-jährigen Freund wurde nach Stunden aufgegeben, berichtete der „San Francisco Chronicle“. Für die gesamte Westküste der USA war eine Tsunami-Warnung herausgegeben worden. Einwohner in besonders gefährdeten Küstenabschnitten wurden aufgerufen, in höher gelegenen Regionen Schutz zu suchen. Einige Küstenstraßen, Strände und Häfen wurden vorsichtshalber gesperrt. Tausende Schaulustige ignorierten Warnungen der Behörden und schauten sich das Naturspektakel entlang der Küste an. An einem Strand in Nordkalifornien wurden drei Männer von einer Welle ins Meer gerissen, berichtete der Radiosender KCBS. Zwei konnten sich an Land retten, einer wurde zunächst vermisst.
Auch die lateinamerikanischen Regierungen von Mexiko bis Chile haben ihre Bürger aufgefordert, sich in höher gelegene Gebiete zu begeben. Die mexikanische Marine registrierte vorerst nur Wellen in einer Höhe von 70 Zentimetern, wollte aber noch keine Entwarnung geben.

Die Westküste Südamerikas ist nach dem schweren Erdbeben in Japan von einem größeren Tsunami verschont geblieben. In Ecuador, wo etwa 260 000 Menschen aus küstennahen Regionen evakuiert worden waren, gab Präsident Rafael Correa am Freitag (Ortszeit) Entwarnung, nachdem die auf der anderen Seite des Pazifik ausgelösten Wellen nur noch bis zwei Meter hoch waren. Auch die Galapagosinseln mit ihrer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt blieben verschont. Nur auf den Inseln Santa Cruz und San Cristobal habe es einige Überschwemmungen gegeben.

Auch von der Osterinsel vor der Küste Chiles wurde nur von einer kleinen Tsunami-Welle berichtet. In Chile selbst, das vor gut einem Jahr von einem ähnlich schweren Erdbeben wie in Japan verwüstet worden war, verbrachten ebenfalls zehntausende Menschen küstennaher Orte die Nacht zu Samstag in höher gelegenen Regionen. Der Tsunami war jedoch auch hier kleiner als zunächst befürchtet.

Ähnlich war die Situation an den Westküsten Kolumbiens und Perus. In Lima fiel ein Schaulustiger von einem Felsen vor der Küste, von dem aus er den Tsunami beobachten wollte. Er fiel ins Meer und konnte nur noch tot geborgen werden.

Das Beben ist nach Einschätzung von Forschern mit dem Tsunami im Dezember 2004 in Südostasien vergleichbar. Es sei zwar nicht ganz so groß, aber von ähnlichen Ausmaßen, sagte der Seismologe Michael Weber vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Über Monate hinweg kann es auch noch schwere Nachbeben mit Stärken bis zu 8 geben.

Die Pazifikstaaten machen sich auf Ausläufer des Tsunamis gefasst. Quelle: dapd

Die Pazifikstaaten machen sich auf Ausläufer des Tsunamis gefasst.

In Japan droht im schlimmsten Fall sogar eine Kernschmelze in zwei Atomkraftwerken. Mittlerweile läuft das Notkühlsystem des Atomkraftwerks Fukushima1 nach japanischen Informationen nur noch im Batteriebetrieb. Die Batterien lieferten nur noch Energie für wenige Stunden, erklärte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln unter Verweis auf japanische Angaben. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze", sagte GRS-Sprecher Sven Dokter. Was genau passieren könne, sei aber aufgrund der unklaren Lage noch nicht zu beurteilen. Die japanische Regierung ließ vorsichtshalber tausende Menschen aus der Region evakuieren und rief einen Atomalarm aus.

Nach dem Ausfall der Kühlanlage im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 2 haben die Behörden am Samstag auch dort Evakuierungen angeordnet. Die Anwohner in einem Umkreis von drei Kilometern müssen ihre Häuser verlassen. Zuvor waren bereits in einem Radius von zehn Kilometern um das Atomkraftwerk Fukushima 1 die Bewohner in Sicherheit gebracht worden. Nach dem Ausfall der Kühlanlagen in Folge des schweren Erdbebens drohen in den Atommeilern Kernschmelzen.

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA berichtete, Japan habe sich entschlossen, in dem Problemreaktor Druck abzulassen.

Die Regierung betonte, es seien bislang keine radioaktiven Lecks in oder in der Nähe von Atomkraftwerken festgestellt worden. Der Regierungschef habe den atomaren Notfall deswegen ausgerufen, damit die Behörden leicht Notfallmaßnahmen ergreifen können, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Anwohner von Atomkraftwerken müssten aber keine besonderen Maßnahmen ergreifen.

Ausläufer des Tsunamis haben die Küste von Hawaii und die amerikanische Westküste erreicht. Die ersten Wellen trafen an der Stränden des US-Bundesstaates Oregon ein, berichtete der Radiosender KCBS. Am frühen Freitagmorgen (Ortszeit) hatten etwa ein Meter hohe Wellen zunächst die Inseln Oahu und Kauai ereicht, wie das Pazifische Tsunami-Warnzentrum auf Hawaii bekannt gab. Erste Schätzungen waren von einer Höhe von etwa zwei Metern ausgegangen. Experten warnten allerdings, dass die Wellen noch größer werden könnten. Allerdings rechne man nicht damit, dass sie auf Hawaii größere Schäden anrichten würden. Im Badeort Waikiki bahnten sich die Wellen ihren weg über eine Schutzmauer und stoppten noch vor den dortigen Luxushotels. Auch an der US-Westküste, wo der Tsunami zwischen 17 und 17.30 Uhr (MEZ) erwartet wird, wurden Evakuierungen angeordnet.

Nach dem Beben der Stärke 8,9 standen in Japan zahlreiche Gebäude und eine Raffinerie in Flammen. Die Agentur Jiji meldete ein Feuer im Stahlwerk Kashima von Sumitomo Metal Industries. Das japanische Innenministerium erklärte nach Angaben des Senders NHK, in Städten und Präfekturen seien mindestens 97 Brände gemeldet worden.

Auch in einem Atomkraftwerk brannte es. In der Anlage Onagawa der Firma Tohuko Elec in der Provinz Miyagi war nach dem Erdbeben ein Feuer ausgebrochen. Das bestätigte der Betreiber der Anlage, Tohoku Electric Power. Der Brand ist aber nach Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA gelöscht. Dies habe die japanische Atomsicherheitsbehörde NISA der IAEA mitgeteilt, gab die Uno-Behörde in Wien am Freitag bekannt. Nach Betreiberangaben trat aus dem Gebäude Rauch aus, die Ursache werde untersucht. Berichte über einen Austritt von Radioaktivität oder Verletzte lägen nicht vor. Das vom Brand betroffene Gebäude ist vom Reaktorgebäude getrennt. Laut der IAEA sind die vier Kernkraftwerke, die dem Epizentrum am nächsten liegen, sicher abgeschaltet.

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