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24.08.2014

20:43 Uhr

Erdbeben in Kalifornien

Die Angst vor dem „Big One“

VonAxel Postinett

Mitten in der Nacht bebte die Erde in Kalifornien. Handelsblatt-Online-Korrespondent Axel Postinett kennt das aus Japan. Doch trotz seiner Erfahrung und nur leichten Erschütterungen schwingt die Angst vor mehr mit.

Dutzende Verletzte

Erdbeben erschüttert Kalifornien

Dutzende Verletzte: Erdbeben erschüttert Kalifornien

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San FranciscoDas Grummeln kam von unten, irgendwie undefiniert, aber gefährlich real und unwirtlich. Am Sonntagmorgen 3.20 Uhr war die Nacht schlagartig zu Ende. Das Bett schwankte wie ein Kreuzfahrtschiff in der Dünung. Ich hatte bereits mehrere Erdbeben in Tokio erlebt und wusste direkt, dass hier gerade etwas vorging, was ich eigentlich nicht erleben wollte. Ein massives Erdbeben in Kalifornien. Raus aus den Federn, Griff zum Smartphone, Taschenlampe eingeschaltet, Rundgang im Haus. Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei, zum Glück keine Beschädigungen. Trotzdem die Frage: Die Kinder aufwecken oder schlafen lassen? War das nur das Vorspiel zum großen Beben, vor dem hier jeder Angst hat?

Die Notfalltasche mit Batterieradio, Taschenlampe, den wichtigsten Papieren und 200 Dollar Notgeld rausgekramt und warten. Nach ein paar Minuten dann persönliche Entwarnung gegeben. Wir lassen die Kinder schlafen. Auf Twitter laufen die ersten Meldungen ein, zuerst besorgte Menschen, die genauso verschreckt aufgewacht sind, Minuten später Erdbebenmeldungen von CNN oder LA Times. Schnelle Snaps von Redaktionscomputern automatisch erstellt, nur die nackten Daten: Stärke des Bebens 6.0, später auf 6.1 revidiert, Epizentrum in Napa Valley. Das ist das schwerste Beben in der Gegend um Napa seit 1896 mit 6.3 und es hat in der berühmten Weingegend Nordkaliforniens beachtliche Schäden angerichtet.

Von dort laufen auch per Twitter immer mehr Meldungen ein. Brennende Häuser, aufgerissene Straßen, eingestürzte Schornsteine, aus den Fundamenten gerissene Gebäude. Trümmer und Glasscherben auf Straßen und abgestellten Autos. Auf Facebook herrscht dagegen immer noch friedliches Schweigen, dominiert von Katzenbildern und freundlichen Wochenend-Postings. Wieder einmal wird, wie nach den Unruhen von Ferguson, klar, dass Facebook mit seinen vorgefilterten Nachrichtenhäppchen komplett irrelevant ist, wenn es wirklich darauf ankommt. Twitter oder Nachbarschaftsdienste wie „Nextdoor“ sind es, auf denen Meldungen einlaufen.

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Die größte Gefahr, wird schnell klar, sind möglicherweise gebrochene Gasleitungen in Napa und Sonoma. Viele Einwohner müssen ihre Häuser vorsichtshalber verlassen und in Sammelstellen Zuflucht suchen. Abgerissene Gasleitungen haben bereits mehrere Wohnwagen auf einem Dauer-Campingplatz in Brand gesetzt. Böse Erinnerungen werden wach an die Geschichten über „The Big One“ am 18. April 1906 in San Francisco. Als das Beben mit der Stärke von 7.8 die Metropole an der Bay heimsuchte, waren einstürzende Gebäude nur ein kleiner Teil der Schäden. Tagelange Feuerstürme, angefacht von geborstenen Gasleitungen, legten San Francisco mit seinen Holzhäusern letztendlich in Schutt und Asche und kosteten viele Menschen das Leben.

Diesmal war die Zahl der direkten Opfer glücklicherweise gering. Drei Menschen wurden von herabfallenden Trümmern getroffen, zwei davon, darunter ein Kind, schwer verletzt. Das malerische Napa im Zentrum von „Wine county“ ruft den Notstand aus. Eine Maßnahme, um klar zu machen, dass „wir unsere lokalen Kräfte erschöpft haben“, so der Stadtmanager des Ortes. Nun können Hilfskräfte von überall in Nordkalifornien angefordert werden. Gewissheit herrscht über schwere Schäden an den Wasserleitungen im Napa Valley. Straßen stehen unter Wasser, werden unterspült, der lokale Energieversorger PG&E hat alles an technischen Teams aufgeboten, was verfügbar ist.

Mit der Entwarnung für die Gegend um San Francisco und Oakland kehrt persönlich ein wenig mehr Ruhe und Gelassenheit ein. Vielleicht hat die Erdbebenschule in Tokio doch etwas gebracht. Bei einem Aufenthalt in 2004 gehörte der Besuch der Erdbebenschule über der Feuerwehrstation in Ikebukuro zum Pflichtprogramm. Wir haben gelernt, mit feuchten Taschentüchern vor dem Mund durch verqualmte Gänge zu kriechen, Türen hinter uns zu schließen, um ein Feuer nicht noch durch Windzug anzuheizen. Und wir haben gelernt, dass wir zuerst die Gas- und dann die Stromleitungen abdrehen müssen. Beim ersten Beben sucht man Schutz unter einem massiven Tisch oder dem Türrahmen. Nach dem ersten Schub ist es dann Zeit, das Haus zu verlassen.

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