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06.11.2014

19:10 Uhr

Erster Ausbruch in Europa

Gefährliche Vogelgrippe in Vorpommern

Ein hochansteckendes Vogelgrippe-Virus versetzt Geflügelhalter in Unruhe. 31.000 Puten müssen in Vorpommern getötet werden. Das Virus war bisher nur in Asien bekannt. Wie die Seuche nach Deutschland kam, ist unklar.

Ein Schild informiert über den Ausbruch der Geflügelpest in einem Mastputenbetrieb in Heinrichswalde. dpa

Ein Schild informiert über den Ausbruch der Geflügelpest in einem Mastputenbetrieb in Heinrichswalde.

Heinrichswalde/SchwerinErstmals ist ein bisher nur aus Asien bekannter und gefährlicher Geflügelpest-Erreger in Deutschland aufgetaucht. Der betroffene Mastputenbetrieb mit etwa 31.000 Tieren im Landkreis Vorpommern-Greifswald wurde gesperrt. Die Puten sind mit dem Influenzavirus vom Subtyp H5N8 infiziert. Am Donnerstag wurde mit der Tötung begonnen, die am Freitag abgeschlossen werden soll.

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) äußerte sich am Abend vorsichtig zuversichtlich, dass die Seuche auf den Betrieb in Heinrichswalde beschränkt bleibe. Im Unterschied zu dem ersten großen Vogelgrippe-Ausbruch im Februar 2006 sei bislang kein infizierter Wildvogel in Mecklenburg-Vorpommern entdeckt worden.

In dem Putenmastbetrieb habe es seit Anfang des Monats erhöhte Todesraten gegeben, die sich in den vergangenen Tagen gesteigert hätten, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler- Instituts (FLI), Thomas Mettenleiter, der dpa. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Infos zur Vogelgrippe H7N9

Was ist H7N9?

Das Virus H7N9 ist nach der Kombination zweier Eiweiße - Hämagglutinin und Neuraminidase - auf seiner Oberfläche benannt. Es geht in Geflügelfarmen um, gilt aber als „gering pathogenes“ Virus, das Vögel in der Regel nicht krank macht. Dies kann dazu führen, dass es sich unbemerkt verbreitet, was es deutlich erschwert, seinen Ursprung zu finden.

Wie gefährlich ist das Virus für den Menschen?

Seit Februar haben sich in China mehrere Dutzend Menschen infiziert. Zu den Symptomen gehören Fieber und Atemprobleme bis hin zu schweren Atemwegserkrankungen. Wie die Ansteckung genau verläuft, ist noch unklar. Viele Betroffene dürften sich bei infiziertem Geflügel angesteckt haben. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch galt lange als unwahrscheinlich, wird jetzt aber nicht mehr ausgeschlossen.

Welche Veränderungen des Virus beobachten Wissenschaftler?

Auch wenn es noch nicht sicher ist, scheint das Virus auf eine Weise mutiert zu sein, die es ihm einfacher macht, sich an Säugetiere anzupassen. Wissenschaftler versuchen derzeit, den aktuellen Wirt des Virus zu ermitteln. Eine Möglichkeit sind Schweine, weil sie einige grundlegende biologische Ähnlichkeiten mit Menschen aufweisen und als eine Art „Mischgefäß“ fungieren könnten, wenn sie mit verschiedenen Grippeviren-Typen gleichzeitig infiziert sind.

Gibt es eine Impfung?

Eine Impfung gegen H7N9 existiert nicht, allerdings arbeiten die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Partner bereits daran, mögliche Viren zu isolieren und zu identifizieren, die künftig falls nötig für Impfungen genutzt werden könnten. Die Herstellung eines Impfstoffs würde allerdings Monate dauern.

Wie unterscheidet sich diese Vogelgrippe vom gefürchteten H5N1-Virus?

Anders als das H7N9-Virus war H5N1 meist tödlich bei Vögeln, was es leichter machte, Ausbrüche der Vogelgrippe zu identifizieren und ihnen entgegenzuwirken. H5N1 bleibt eine Vogelgrippe und hat nicht die Abzweigung zu weiteren Spezies wie Schweinen genommen. Die meisten Ansteckungen bei Menschen gingen entsprechend auf den Kontakt mit infizierten Vögeln zurück.

Der Erreger H5N1 infizierte seit 2003 weltweit mehr als 600 Menschen. 371 Patienten von ihnen starben. Experten fürchten allerdings, dass das H5N1-Virus in eine Form mutieren könnte, die leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird und damit möglicherweise eine Pandemie auslöst.

Sollte man Geflügelfleisch derzeit meiden?

Solange Geflügelprodukte vernünftig gekocht werden, gilt ihr Verzehr als ungefährlich.

Wie der Erreger der Geflügelpest oder Vogelgrippe in den Bestand kam, ist demnach unklar. Das FLI habe vier Experten in den Ort geschickt, die nach den Ursachen forschen. Zuletzt war 2008 ein hochansteckender H5-Erreger in Deutschland aufgetreten.

„Wir müssen davon ausgehen, dass jeder hochpathogene Erreger auch eine Gefährdung für den Menschen darstellen kann“, sagte Mettenleiter. Für den H5N8-Erreger sei eine Übertragung auf den Menschen aber noch nicht beobachtet worden - auch nicht in Südkorea, wo bislang Hunderttausende Tiere getötet werden mussten. Experten sehen aber keinen Grund zur Panik.

Backhaus mahnte jedoch, es müsse dringend dafür gesorgt werden, dass das Virus nicht auf Säugetiere überspringt. Im Umkreis von 50 Kilometern um den Ausbruchsherd muss das Geflügel von sofort an im Stall bleiben. Auch Tierhalter in der Nähe von Wasserrastplätzen von Zugvögeln an Binnenseen und an der Ostseeküste müssen ihre Hühner, Enten oder Gänse in den Stall bringen.

Nach den Worten des Kreisamtstierarztes Holger Vogel in Anklam reicht das Gebiet, in dem Tiere in den Stall müssen, über den Kreis Vorpommern-Greifswald hinaus bis in die Uckermark (Brandenburg), die Mecklenburgische Seenplatte und nach Polen.

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