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15.06.2015

13:05 Uhr

Erziehung via Facebook

Ein mieser Haarschnitt als Bestrafung

Als Strafe für schlechte Noten lassen Eltern ihre Kinder beim Friseur verunstalten und posten die Fotos oder Videos dann im Internet. So soll dem Nachwuchs Disziplin beigebracht werden, aber Experten haben ihre Zweifel.

Mit schlechten Frisuren wollen Eltern ihre Kinder bestrafen – für schlechtes Benehmen, schlechte Leistungen in der Schule oder sonstige Regelverstöße. dpa

Statt zur Nachhilfe geht's zum Friseur

Mit schlechten Frisuren wollen Eltern ihre Kinder bestrafen – für schlechtes Benehmen, schlechte Leistungen in der Schule oder sonstige Regelverstöße.

New YorkRussell Frederick hat einiges versucht, um seinem Sohn besseres Benehmen beizubringen. Nichts half, der Zwölfjährige störte weiter den Unterricht, die Hausaufgaben blieben liegen. Also griff der Friseur zur Schere. Er beließ es jedoch nicht bei einem Haarschnitt, sondern rasierte seinem Sohn vollständig den Kopf. Ein Foto seines Werks begeisterte viele Internetnutzer. Und seitdem kommen immer wieder Eltern zu ihm, die ein „Benjamin Button Special“ für ihre Kinder verlangen.

„Nachdem ich ihm den Kopf kahl rasierte hatte, sagte ich ihm, wenn er so weitermacht, würde ich mit jedem Schnitt noch kreativer werden“, erklärt Frederick, Mitbesitzer des Friseursalons A-1 Kutz in Snellville im US-Staat Georgia. „Das musste ich aber nicht, weil er sich zusammengerissen hat.“

Frederick und sein Sohn, einer von dreien, sind Teil eines Social-Media-Trends: Eltern greifen zum Rasierer, um ihre Kinder zu bestrafen – für schlechtes Benehmen, schlechte Leistungen in der Schule oder sonstige Regelverstöße. Die Ergebnisse posten sie dann bei YouTube, Facebook oder auf anderen Social-Media-Seiten.

Seit Februar wurde Frederick schon mehr als 20 Mal im Auftrag von genervten Eltern tätig. Jedes Mal kostenlos. „Wenn die Leute kommen und danach fragen, dann machen wir es“, sagt er. „Man muss diese Kinder erreichen, bevor ein Richter über die Strafe entscheidet.“

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Eltern nutzen auch auf andere Arten soziale Medien, um ihre Kinder online zu demütigen. Sie schreien sie an, zerschmettern ihre Computer oder Handys oder schlagen sie sogar. In den vergangenen sechs Monaten wurde im Netz verstärkt diskutiert, was diese Form der öffentlichen Erniedrigung für die Kinder bedeutet und ob sie überhaupt zum Ziel führt.

Die Psychologin Claudia Shields von der Chicago School of Professional Psychiatry hilft Eltern, ihre Kinder auf andere Arten zu disziplinieren. Die Videos hält sie für nicht sinnvoll. Um ein Verhalten bei Kinder zu verändern, seien überhaupt keine Strafen nötig, erklärt sie. Viel wichtiger sei eine positive Bestätigung, eine Bestärkung der Kinder. „Viele Eltern denken, dass das schwächere Formen der Bestrafung sind, aber insgesamt sind sie effektiver.“

In den vergangenen Wochen hat sich im Internet eine Gegenbewegung zu den Frisuren-Videos formiert. So erschienen Videos, in denen die Eltern nur so taten, als würden sie ihren Söhnen die Haare abrasieren, nahmen sie aber stattdessen am Ende in die Arme.

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