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18.01.2010

16:04 Uhr

EU gibt 400 Millionen

Haiti-Hilfe kommt langsam in Gang

Noch immer herrschen katastrophale Zustände auf den Straßen von Port-au-Prince: Polizisten erschießen Plünderer, Opfer des Bebens sind seit Tagen ohne Nahrung. Doch es gibt auch positive Nachrichten. Die mobilen Krankenhäuser nehmen nach und nach ihre Arbeit auf und dank Spendenzusagen aus aller Welt wächst der Hilfstopf auf eine enorme Summe an.

HB PORT-AU-PRINCE. Im Katastrophengebiet in Haiti sollen US-Soldaten den Friedenstruppen der Vereinten Nationen (Uno) bei der Bekämpfung der wachsenden Gesetzlosigkeit helfen. Dazu werden nach Angaben von Präsident Rene Preval 3500 US-Soldaten stationiert. Plünderer räumten in der Innenstadt Geschäfte leer und lieferten sich gegenseitig und mit der Polizei Feuergefechte. Die Hilfsorganisationen bemühten sich weiter, den verzweifelten Überlebenden des Erdbebens trotz der zerstörten Infrastruktur Hilfe zukommen zu lassen. Hunderttausende Menschen leiden Hunger und leben in improvisierten Zeltlagern inmitten der Trümmer und verwesender Leichen. In Brüssel berieten die EU-Länder über die Koordinierung der Hilfe.

"Wir haben 2000 Polizeibeamte in Port-au-Prince, die schwer gelitten haben", sagte Preval. "Und 3000 Verbrecher sind aus dem Gefängnis entkommen. Dies zeigt, wie schlimm die Lage ist." Die Regierung hat den USA bereits die militärische Kontrolle über den Flughafen überlassen, über den die Hilfslieferungen aus aller Welt ins Land gelangen. "Einige Haitianer nehmen die Dinge in die eigene Hand", sagte der Lehrer Eddy Toussaint mit Blick auf zwei von einem aufgebrachten Mob getötete mutmaßliche Diebe. "Es gibt keine Gefängnisse, die Verbrecher laufen frei herum und es gibt keine Behörden, die dagegen einschreiten."

Knapp eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti hat die Regierung den Ausnahmezustand ausgerufen. Sie will damit gegen chaotische Zustände mit ersten Unruhen vorgehen und die schwierige Versorgung verbessern. Der Notstand soll vorerst bis Ende des Monats gelten. Die Regierung in Port-au-Prince bat die USA, für die Sicherheit in Haiti zu sorgen und beim Wiederaufbau zu helfen. In der weitgehend zerstörten Hauptstadt wurden am Montag bis zu 12 000 US-Soldaten erwartet.

Dennoch kommen die medizinische Hilfe und die Lebensmittellieferungen aus aller Welt zunehmend bei den Bedürftigen an. Internationale Rettungsteams übernahmen die beschädigten Krankenhäuser der Stadt. Bewacht von bewaffneten Uno-Patrouillen waren Hunderte Lastwagen auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Port-au-Prince. Immer wieder wurden sie jedoch durch Trümmer und Leichen auf den Straßen aufgehalten. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief bei seinem Besuch am Sonntag die Menschen auf, mehr Geduld zu haben.

Die EU plant die Entsendung von Gendarmerietruppen. Zahlreiche Staaten stockten ihre Hilfe auf. Eine internationale Haiti-Konferenz in Montréal (Kanada) soll - voraussichtlich am 25. Januar - die weltweite Welle der Hilfsbereitschaft koordinieren helfen.

Retter im Katastrophengebiet berichten weiter über große Not und verzweifelte Szenen. Manchen Verletzten würden zerquetschte Gliedmaßen auf offener Straße amputiert, berichtete ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Am Vortag habe ein umgefallener Baumstamm als OP-Tisch gedient. "Es gibt keine Alternative, es ist eine Entscheidung zwischen Leben und Tod." Die genaue Zahl der Opfer ist weiter unklar, wird aber mittlerweile auf bis zu 200 000 Tote geschätzt.

Rund 70 000 Leichen seien bereits geborgen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive dem US-Fernsehsender ABC. Zahlreiche Menschen - darunter noch 16 Deutsche - werden seit dem Beben am Dienstag weiter vermisst. Helfer suchen in der Trümmerstadt weiter verzweifelt nach Überlebenden unter den Trümmern. Obwohl es Berichte über Gerettete gibt, sinken nach Ansicht von Experten die Chancen, die noch verschütteten Opfer lebend zu retten. Ein großes US-Lazarettschiff soll am Freitag vor Haiti eintreffen. Die "Comfort" der amerikanischen Marine kann sich mit fast jedem Krankenhaus an Land messen. Auf dem 273 Meter langen Riesen können mehr als 1000 Patienten gleichzeitig behandelt werden.

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