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12.05.2017

14:13 Uhr

Eurovision Song Contest

Der ungewöhnlichste Kandidat will gewinnen

Wieder sind die Australier dabei, obwohl sie nicht zu Europa gehören: Eine Sonderrolle also. Zudem schicken sie Aborigine Isaiah an den Start. Wenn es so weitergeht mit den Platzierungen, könnte dieser sogar gewinnen.

Isaiah Firebrace könnte Australien den ersten Sieg bringen. AP

Isaiah Firebrace

Isaiah Firebrace könnte Australien den ersten Sieg bringen.

SydneyIsaiah Firebrace trägt keine Frauenkleider, zieht sich keine schrecklichen Latex-Masken übers Gesicht und hat auch keinen tanzenden Gorilla dabei. Und trotzdem ist der 17-Jährige einer der ungewöhnlichsten Kandidaten, die es beim Eurovision Song Contest (ESC) je gab. Denn mit Europa hat der junge Mann eigentlich überhaupt nichts zu tun.

Isaiah, wie er sich inzwischen nur noch nennt, ist in Moama aufgewachsen, einer 5500-Seelen-Gemeinde im Süden von Australien, auf der anderen Seite der Erdkugel, 15.000 Kilometer weit weg. Er kommt aus einer Familie von Aborigines, den australischen Ureinwohnern.

ESC und Politik: Was nicht sein darf – und dennoch passiert

Politisierter ESC

Auch wenn politische Statements etwa auf T-Shirts, durch Gesten oder in Songtexten verboten sind, ist der Eurovision Song Contest eine hochbrisante Veranstaltung. Vor allem in jüngster Zeit vergeht kaum ein Jahr ohne versteckte oder offene Botschaften.

Quelle: dpa

Stockhol, 2016

Mit ihrem dramatischen Titel „1944“ gewinnt die Ukrainerin Jamala. Darin erzählt sie von der Vertreibung der Krimtataren in der Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Rund zwei Jahre vor dem Grand Prix hatte sich Russland die ukrainische Halbinsel Krim ins Staatsgebiet einverleibt, was zu Spannungen zwischen den Staaten führte. Die Jurys beider Länder geben an den Teilnehmer des jeweils anderen keine keinen Punkt, die Zuschauer allerdings verteilen zweistellige Punktzahlen.

Wien, 2015

Das armenische Musikprojekt Genealogy erinnert zum 100. Jahrestag mit seinem Lied „Don't Deny“ („Verleugne Nicht“) an den Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich. Der Titel wird zwar nach dem Einspruch der Jury in „Face the Shadow“ („Stell dich dem Schatten“) geändert, der Text bleibt aber gleich. Die Band landet im Mittelfeld auf Platz 16.

Malmö, 2013

Nicht allein mit ihrem Text, sondern auch mit der Performance sorgt die Finnin Krista Siegfrids für Aufsehen: Am Ende ihres Liedes „Marry Me“ („Heirate Mich“) küsst sie eine ihrer Background-Tänzerinnen und protestiert damit gegen das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in ihrer Heimat. Der Song erreicht im Finale nur den drittletzten Platz.

Baku, 2012

Im autoritär geführten Aserbaidschan macht einmal nicht ein Teilnehmer, sondern ein Jury-Mitglied von sich reden. Bei der Punktevergabe findet die deutsche Komikerin Anke Engelke klare, aber freundliche Worte an die Menschen und die Regierung des Landes: „Es ist gut, abzustimmen, und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf eurer Reise, Aserbaidschan. Europa schaut auf euch“, sagt sie vor den vielen Millionen TV-Zuschauern auf Englisch.

Helsinki, 2007

Israel schickt die Polka-Klezmer-Rap-Nummer „Push the Button“ nach Finnland. Die Teapacks warnen darin vor „verrückten Führern“ und deren „Druck auf den Knopf“. Einige Textzeilen sind an den damaligen iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad gerichtet, der ein Atombombenprojekt verfolgte und immer wieder mit der Vernichtung Israels drohte. Die Teapacks scheitern in der Quali.

Birmingham, 1998

Bereits die Wahl der transsexuellen Dana International als Vertreterin ihres Landes bringt ultra-orthodoxe Juden in Israel auf die Palme. Als Botschafterin einer weltoffenen Gesellschaft holt sie allerdings mit ihrer Discohymne „Diva“ den Titel und wird zur Galionsfigur der Trans-Bewegung. 16 Jahre später wird wieder eine Kandidatin mit ihrer Botschaft von Toleranz und Respekt gewinnen: Mit „Rise Like A Phoenix“ setzt die Dragqueen mit Bart, Conchita Wurst, aus Österreich erneut die Frage nach Geschlecht und Identität in Kopenhagen auf die Agenda.

Seine Leute, die Yorta Yorta, sagen von sich stolz, dort schon seit 40.000 Jahren zu Hause sein. In Europa war er noch nie, nach dem ESC wird er nach Schweden, Dänemark und Belgien reisen, erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. Er will so viel wie möglich von Europa sehen. Irgendwann will er in Los Angeles leben, die Stadt „hat einfach so viel Energie für Musiker“. Auch London sei eine Option.

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Dass Isaiah überhaupt beim ESC dabei sein darf, liegt an der besonderen Verbindung, die Australien zu dem Event hat. Für Down Under ist die alljährliche Show Kult. Seit 1974 wird der Wettbewerb dort im Fernsehen übertragen – auch wenn sich der ESC wegen der Zeitverschiebung nicht zur Samstagabendparty eignet, sondern eher zum Frühstück am Sonntag mit Freunden.

Auf Einladung der Europäischen Rundfunkunion ist Australien seit 2015 sogar mit eigenen Teilnehmern dabei. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Platz fünf und Platz zwei. Im vergangenen Jahr konnte sich Dami Im mit „Sound of Silence“ sogar lange Zeit Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen. Und wenn das mit den Platzierungen so weitergeht, müsste Isaiah eigentlich gewinnen.

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