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16.09.2013

15:15 Uhr

Ex-Bankerin steigt aus

Die Lehman-Mutter

Wie das Leben einer Drogenabhängigen war die Zeit, die sie bei Lehman Brothers verbrachte. Heute ist die ehemalige Finanzchefin Erin Callan arbeitslos – aber glücklich: Sie möchte ein Kind bekommen.

Das Leben nach Lehman Brothers: Im Moment arbeitet die 47-jährige Callan daran, schwanger zu werden. BLOOMBERG NEWS

Das Leben nach Lehman Brothers: Im Moment arbeitet die 47-jährige Callan daran, schwanger zu werden.

New YorkAls Erin Callan, ehemalige Finanzchefin bei Lehman Brothers Holdings Inc. und spätere Hedgefonds-Beraterin bei Credit Suisse Group AG, im Mai aus ihrem riesigen Haus in East Hampton bei New York auszog, parkten sie und ihr Mann einen Container vor der Tür. In diesem landete alles, was sie in ihrem drastisch kleineren Heim nicht mehr unterbringen konnten.

Callan befand sich im fünften Jahr eines Übergangs, in dem sie von einer der bekanntesten und am meisten geschmähten Wall-Street-Managerinnen zu einer arbeitslosen Person wurde.

„Ich hatte ein großartige Karriere“, sagt sie - während sie auf der Terrasse ihres kleinen Häuschens auf Shelter Island sitzt. Hier leben sie und ihr Mann Anthony Montella nun für einen Teil des Jahres, wenn sie nicht gerade ihre Zeit in Florida verbringen. „Es war berauschend, wirklich. Ich konnte die Welt sehen. Ich konnte ein paar unglaublich nette Menschen aus allen Ecken des Lebens treffen.“ Sie versucht, sich an diese Zeit zu erinnern, und nicht an die letzten sechs Monate ihrer Karriere, die sehr schwierig waren.

Karrieren nach Lehman

Vom Lehman-Direktor...

Lawrence McDonald geriet mitten in die Turbulenzen der Finanzkrise: Er leitete der Investmentbank Lehman Brothers den Handel mit Wandelanleihen und ausfallgefährdeten Firmenpapieren. Den Untergang der Traditionsbank erlebte er hautnah mit.

...zum Buchautor

Der erfahrene Anleihehändler schrieb dann ein Buch, in dem er Einblicke in den Zusammenbruch von Lehman Brothers gab. „A Colossal Failure of Common Sense: The Inside Story of the Collapse of Lehman Brothers“ stürmte schon in den ersten Verkaufstagen die Bestsellerlisten in den USA.

Dank des Insiderberichts über die Hintergründe für den Niedergang von Lehman erlangte McDonald einen Ruf als Risiko-Experte und wurde zum gefragten Gastredner und Kolumnisten. So schreibt er etwa für die „Huffington Post“ oder tritt bei den Sendern CNBC und Bloomberg als Kommentator auf.

Vom Hedgefonds-Manager...

„Ein Hedgefonds ist wie ein Investmentfonds auf Steroide“, meint Ben Shoval. Der junge Amerikaner steuerte 2008 einen mehr als 200 Millionen Dollar schweren Hedgefonds.

...zum Comedian

Die Idee zu seiner Zweitkarriere kam Ben Shoval auf einer Hedgefonds-Konferenz in Monaco. Dort torpedierten ihn zwei ältere Teilnehmer mit Fragen. Die beiden hätten ihn an die Griesgrame Waldorf und Statler aus der Muppet-Show erinnert, sagte er. Aus dem unterdrückten Drang heraus, den beiden mit Witz zu antworten, entwickelte der Hedgefonds-Manager die Idee zu einer Comedy-Show.

So tingelte Shoval inmitten der Hochphase der Finanzkrise durch die Clubs am New Yorker Broadway und witzelte: „Chrysler hat angekündigt, dass es keine Leasingverträge für seine Autos mehr anbietet. Das ist furchtbar. Millionen Amerikaner verlieren ihre Häuser, und jetzt haben sie nicht einmal mehr ein Auto, in dem sie schlafen können.“

Vom Wertpapierhändler...

Thomas Brauße wickelte als Leiter der Wertpapierabwicklung einer Handelsplattform Aktien-Deals in Millionenhöhe ab. Im Dezember 2008 war dann Schluss für die Frankfurter Niederlassung. Brauße wurde arbeitslos. Nach der Kündigung fiel er in ein tiefes Loch und hatte mit Existenzängsten zu kämpfen.

„Ich habe immer auf einem guten Niveau Geld verdient, da ist es nicht so leicht, mit einem anderen Job dieselbe Summe rauszuschlagen“, berichtet der zweifache Vater. Angebote aus der Bankbranche habe er nach der Kündigung bekommen, aber abgelehnt, weil das Gehalt nicht stimmte.

...zum Currywurst-Brater

Doch Brauße ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte schon lange den Traum von einer eigenen Imbissbude. Drei Monate vergingen nach der Kündigung, bis er endlich seine Geschäftsidee in Angriff nehmen konnte. Im Internet ersteigerte er einen ausrangierten Linienbus und baute ihn um. Ein Freund aus der Gastronomie gab ihm Tipps.

Heute ist die Schlange im Vorraum der Imbissbude gut zehn Meter lang. Geschäftsleute stehen neben Bauarbeitern und warten, bis sie an der Reihe sind. Hinter der Theke nimmt Brauße die Bestellungen auf und kassiert ab. Der Schweiß perlt ihm über die Glatze, am Grill ist es heiß wie in einer Sauna. Seit fünf Jahren betreibt der 48-Jährige nun erfolgreich die „Frankfurter Worscht Börse“, die direkt am Messeturm steht – gleich neben den Wolkenkratzern, in denen er einst arbeitete.

Callan hatte Ende 2007 bei Lehman den Finanzchef-Posten bekommen. Als sie noch dabei war, den Konzern kennenzulernen, musste sie ihn plötzlich gegen Leerverkäufer verteidigen. Sie verließ die US-Großbank im Juli 2008, als es um die Investmentbank immer dunkler wurde. Sie ging stattdessen zur Credit Suisse Group AG, wo sie eine Sparte für die Hedgefonds- Beratung führen sollte. Es wurde ein kurzes Gastspiel. Im 2009 kehrte sie der Branche ganz den Rücken.

„Es mag wie eine lange Zeit vorkommen, fünf Jahre“, sagt Callan. „Ich brauchte so lange, um zu verstehen, was mein Leben war und wie mein Leben in der Zukunft sein sollte.“ Im Moment arbeitet die 47-Jährige daran, schwanger zu werden. Ein Baby zu bekommen, dass hatte sie während ihrer raketenhaften Karriere immer nach hinten geschoben.

Die Erleuchtung kam ihr an einem Tag in 2013, als Sheryl Sandberg - die bei Facebook Inc. im Vorstand sitzt - Frauen dazu aufforderte, ihre Karrieren nicht durch Kinder aus der Bahn werfen zu lassen.

„Ich saß einfach nur im Bett an einem Morgen, und ich sagte zu Anthony 'Weißt Du was? Ich habe das Gefühl, ich muss etwas sagen'“, erinnert sie sich. Sie schrieb ein 800 Wörter langes Meinungsstück und schickte es an eine generische Adresse der New York Times. Der daraus resultierende Artikel „Gibt es ein Leben nach der Arbeit?“ erschien am 9. März.

Kommentare (3)

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scharfschuetze

16.09.2013, 16:29 Uhr

Ein Kind mit 47? Das wird genauso enden wie Ihre Bank- "Karriere". Im Desaster.
Noch so eine gescheiterte amerikanische "SUPERMANAGERIN",
[...]

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Bauer

16.09.2013, 20:16 Uhr

Ja, tut mir echt leid die arme Banksterin.

general

16.09.2013, 23:06 Uhr

"Im Moment arbeitet die 47-Jährige daran, schwanger zu werden."

Arbeit darf ja auch mal Spaß machen. Hoffentlich.

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