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16.08.2015

14:40 Uhr

Explosion in Tianjin

Hunderte Tonnen Gift

Immer noch steigen giftige Rauchfahnen hoch: Vor vier Tagen hat eine Explosion die chinesische Hafenstadt Tianjin erschüttert. Nun gibt die Führung zu, dass die Folgen weitaus schlimmer sind als bisher bekannt.

In der Hafenstadt Tianjin lagerten hunderte Tonnen hochgiftiger Chemikalien. ap

Rauchende Trümmer

In der Hafenstadt Tianjin lagerten hunderte Tonnen hochgiftiger Chemikalien.

TianjinTrotz der gigantischen Detonation, trotz der vielen Vermissten: Die chinesische Führung hat sich mehrere Tage bemüht, die Folgen der schweren Explosionen in Tianjin herunterzuspielen. Doch nun wird das volle Ausmaß der Katastrophe deutlich. Das chinesische Militär gab am Sonntag zu, dass in dem Gefahrgutlager große Mengen des hochgiftigen Zyanid gelagert waren. Zudem kamen offenbar deutlich mehr Menschen zu Tode als bislang gedacht, vor allem Feuerwehrleute. Die Katastrophe löst damit nicht nur Diskussionen über den Umgang mit Chemikalien in China aus: Es stellt sich auch die Frage, ob die Brandbekämpfer ausreichend ausgebildet sind.

Am Mittwochabend hatte es in einem Lager für giftige Stoffe und explosive Gase zwei Detonationen gegeben, aus bisher noch unklarer Ursache. Die Explosionen waren kilometerweit zu spüren. Der Hafen der 15-Millionen-Metropole Tianjin ist der zehntgrößte der Welt. Am Sonntag bestätigten die Behörden 112 Tote. Doch ihre Zahl dürfte steigen. Mehr als 720 Menschen wurden verletzt und noch immer wurden 95 Menschen vermisst, die meisten von ihnen Feuerwehrleute.

An zwei Stellen lagerten mehr als 100 Tonnen Natriumzyanid, sagte nun der Stabschef der Volksbefreiungsarmee in der Region Peking, Shi Luze. Auch andere gefährliche Chemikalien wie die brandfördernden Substanzen Kaliumnitrat und Ammoniumnitrat waren dort – letzteres ist besonders gefährlich, weil es bei großer Hitze explodiert. Arbeiter versuchten nun, das Areal von den Chemikalien zu reinigen, bevor sie sich durch Regen in giftige Gase umwandeln können, sagte Shi Luze. „Ich kann sicher sagen, dass es keinen zusätzlichen Schaden für die Bevölkerung geben wird“, sagte Shi in Bezug auf Menschen außerhalb der Evakuierungszone.

Dennoch machte sich große Besorgnis wegen der ausgetretenen Chemikalien breit. „Die Regierung hat erklärt, dass es keine großen Auswirkungen geben wird“, sagte ein Mann, der in der Chemieindustrie arbeitet und nur 800 Meter von der Explosionsstelle wohnte. „Aber wir können nicht sicher sein.“ Er forderte eine gründliche Untersuchung und eine Entschädigung. Die Umweltorganisation Greenpeace teilte mit, ihre Tests in der Nähe der Unglücksstelle hätten nur eine geringfügige Belastung der Wasserversorgung mit Natriumzyanid ergeben. Damit sei aber nicht gesagt, dass es keine anderen gefährlichen Chemikalien im Wasser gebe.

Natriumzyanid ist hochgiftig. Das weißliche Pulver kann bei Einatmen, Kontakt mit der Haut und Verschlucken innerhalb kurzer Zeit tödlich sein. Eingesetzt wird es vor allem in der Bergbauindustrie zur Gewinnung von Gold. Bei Zersetzung setzt Natriumcyanid Blausäure frei. Dieses hochgiftige Gas ist für seinen typischen Geruch nach Bittermandeln bekannt – allerdings sind viele Menschen nicht in der Lage, den Geruch wahrzunehmen.

Besonders viele Opfer gehören zu den Feuerwehrleuten – nie zuvor in der Geschichte Chinas sind so viele bei einem Unglück ums Leben gekommen wie bei der Katastrophe im Hafen von Tianjin. Dabei sind noch nicht einmal alle getöteten und vermissten Retter gezählt. Eine große Zahl haben die Behörden in den ersten Tagen bewusst verschwiegen, wie Angehörige beklagen. Denn als frei angeheuerte Hilfsfeuerwehrleute gehören sie nicht zur offiziellen Truppe der Brandbekämpfer, die in China aus Soldaten rekrutiert werden und dem Militär unterstehen. Zunächst bestätigten die Behörden den Tod von mindestens 20 Feuerwehrleuten.

Erst am vierten Tag nach den verheerenden Explosionen in dem Gefahrgutlager enthüllten sie am Sonntag, dass noch 85 Feuerwehrleute in den Trümmern um den riesigen Krater vermisst werden. Die Familien sind empört, schimpfen auf die Behörden, stürmten am Samstag sogar eine Pressekonferenz in einem Hotel. Es kam zu Tumulten, doch wurden sie von Sicherheitsleuten abgedrängt.

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