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03.09.2014

15:55 Uhr

Finanzkrise in Zürich

Banker geizen im Bordell

Das Rotlichtmilieu in Zürich schrumpft. Banker, die einst zu den Stammgästen der lokalen Sex-Industrie und Kabaretts gehörten, schränken ihre Ausgaben zunehmend ein. Auch die Gastronomie hat Probleme.

ZürichDie Etablissements auf der Langstraße schließen und werden durch Hipster-Bars, Techno-Clubs und sogar eine Herberge für Rucksacktouristen ersetzt. Das Sex-Geschäft ist wie auch die Finanzbranche dazu übergegangen, sich in Zurückhaltung zu üben. „Die Zeiten haben sich geändert”, sagt Kevin Joliat, Geschäftsführer des Nachtclubs Petit Prince im Zentrum von Zürich. „Die Banker müssen nun wirklich aufzeigen, wer der Kunde war, warum sie das Geld ausgegeben haben und ob das wirklich nötig gewesen ist”, erklärt Joliat, der früher mal für die Zürcher Kantonalbank gearbeitet hatte.

Der Niedergang der erotischen Unterhaltung unterstreicht einen kulturellen Wandel in Zürich, während die Stellen im Bankensektor zurückgehen und sich die öffentliche Meinung gegen überhöhte Bonuszahlungen richtet. Das hat zusammen mit den kleineren Budgets für die Unterhaltung von Kunden die Clubs und Bars einer wichtigen Kundenbasis beraubt.

Bei den Banken seien die Spesenrichtlinien restriktiver geworden, stellt Balz Stückelberger fest, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Banken in der Schweiz mit Sitz in Basel. „Es mag aber auch mit Sparen zu tun haben, dass man heute gezielter vorgeht, mit mehr Prozessen und Reglementen”, sagt Stückelberger. „Und in denen kommt dann einfach ein Nachtklub nicht vor.”

Die Kundenfragen, die Ergo-Antworten. Ein Auszug.

Lasst uns über Budapest reden. Wie konnte das passieren?

Das ,Handelsblatt‘ plante für den folgenden Tag eine Story über eine Party mit Prostituierten im Jahr 2007 in der Gellért-Th erme in Budapest, organisiert von der Führung der Vertriebsorganisation HMI. Anfangs konnte ich kaum glauben, dass so etwas in unserem Unternehmen möglich sei. Im Laufe der Prüfungen kamen wir allerdings zum Schluss, dass es sich in großen Teilen so abgespielt hatte, wie es in dem Artikel dargestellt war. [...] Wenn ein unzureichendes internes Kontrollsystem auf Personen trifft, die eine solche Idee unterstützen, lassen sich solche Auswüchse kaum verhindern. Ich bin sicher: Hätte nicht jemand ein Interesse daran gehabt, das Th ema in die Medien zu bringen, wüssten wir heute noch nicht, was auf dieser Reise passiert ist.“ - Bruno Viggen, seit 2005 Leiter der Konzernrevision.

Wie habt Ihr aufgeräumt?

„Am 3. Juni 2011 übergaben wir unseren Bericht. Die Folgen waren weitreichend: Es wurde ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, das verhindern soll, dass so etwas noch einmal passiert. Die beiden Organisatoren arbeiten heute nicht mehr im Unternehmen. Der eine hatte uns schon vorher verlassen, der andere wurde im Zuge der Ermittlungen freigestellt.“ - Bruno Viggen, Leiter Konzernrevision.

Wie stellt Ihr sicher, dass Eure Spielregeln auch eingehalten werden?

„Bei ERGO kümmert sich eine Vielzahl von Mitarbeitern darum, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Eine kleine Auswahl: Anti-Fraud-Experten in der internen Revision. Juristen, die auf die Einhaltung des Verhaltenskodex und der Richtlinien einschließlich des Wertpapierhandelsgesetzes achten. Eine Einheit für Kartellrecht, eine für Datenschutz. Ein Geldwäschebeauftragter und ein externer Ombudsmann,
die bei Verdachtsfällen von Mitarbeitern und Außendienstpartnern – auch anonym – eingeschaltet werden können.“ - Holger Schmelzer, Leiter Recht der ERGO.

Wessen Interessen vertritt ERGO? Die seiner Aktionäre? Oder meine?

„Wir kümmern uns um beides. Mit vollem Bewusstsein. [...] ERGO hat Eigentümer und muss deren Interessen und die einiger anderer Interessengruppen berücksichtigen. Für ERGO gilt aber ebenso: Langfristig gibt es keine Rendite ohne zufriedene Kunden, ohne gute Produkte, ohne guten Service.“

Wie sicher sind Eure Anlagen?

„Das Prinzip bei jeder Versicherung ist, dass die Kunden erst einen Beitrag zahlen und später eine Leistung erhalten. Die Anforderungen an die Kapitalanlage sind je nach Bereich unterschiedlich. In der Lebensversicherung müssen wir garantieren, dass die Mittel für Leistungen, die wir einmal vertraglich zugesagt haben, unter allen Umständen auch erwirtschaftet werden. In der Krankenversicherung müssen wir die laufenden Krankheitskosten zahlen und Rücklagen für die Gesundheitsleistungen im Alter bilden. Bei den anderen (Unfall, Auto, Haftpflicht und so weiter) spielt Vorsorge keine so große Rolle. Hier muss die Kapitalanlage Risiken vermeiden, um den Bestand des Unternehmens zu sichern. Für alle gilt: Wir legen langfristig und sehr vorsichtig an.“ - Dr. Daniel von Borries, Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherungsgruppe und verantwortlich für Finanzen.

Wie wollt Ihr mich verstehen, wenn ich Euch nicht mal telefonisch erreichen kann?

„Wir hatten Ende 2010 und in der ersten Jahreshälfte 2011 tatsächlich einige Schwierigkeiten mit unserer telefonischen Erreichbarkeit. ERGO steckte in einer Phase der Reorganisation, es kam eine neue Technologie zum Einsatz. Weil wir 2010 Gesellschaften umbenannt und Bestände auf neue Gesellschaften übertragen haben, mussten wir verschiedene Verträge und Systeme miteinander harmonisieren. Es kam für uns sehr viel gleichzeitig. Das war anstrengend. Für uns und für unsere Kunden. Bei denen wir uns an dieser Stelle entschuldigen und für deren Verständnis wir danken.“

Warum löscht ihr Beiträge auf Eurer Facebook-Seite?

Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Mikrofon in der Mitte eines ausverkauften Fußballstadions stehen und dort Ihre Versicherungsdaten preisgeben. Oder jemand würde Sie vor all diesen Menschen persönlich beschimpfen. Eher keine schöne Situation. Auf Facebook sind mehr als 800 Millionen Nutzer angemeldet. Und jeder dieser Nutzer kann alle Inhalte der ERGO Facebook-Seite einsehen. [...] Es gibt Grenzen, und die hat ERGO in einer Facebook-Netiquette für jeden Nutzer einsehbar formuliert. Wenn sich Nutzer etwa rassistisch, diskriminierend oder beleidigend äußern, werden wir diese Beiträge aus Rücksicht auf andere verbergen.“ - Dirk Schallhorn, verantwortlich für E-Marketing bei ERGO.

Warum sind die Verträge überhaupt so kompliziert geworden?

„Ich glaube nicht, dass das mit Absicht geschah. Vieles ist historisch gewachsen. Kürzlich habe ich mir Versicherungsbedingungen aus den fünfziger Jahren angeschaut – die waren äußerst knapp gehalten. Doch dann ist das irgendwie gewuchert. Hier noch ein bisschen dran und da noch etwas eingeschlossen, aber mit Ausnahme von soundso…“ - Joachim Fensch, Leiter der Kundenbetreuung von ERGO.

Wer hilft mir, wenn der Putz von der Decke fällt?

Unser Team von 60 erfahrenen Soforthelfern steht bundesweit bereit, um vor Ort zu helfen – von der Beauftragung der Handwerker bis zur Abwicklung der Schadenmeldung.

Wie echt soll diese Kundenwerkstatt sein?

„Der Einfall für die Werkstatt kam uns im Rahmen der Arbeit am Th ema ,Feedback‘. Die Idee war, Produkte und Texte direkt mit Kunden zu testen und auszuprobieren und Meinungen vor der offi ziellen Einführung einzuholen. Sprich: am Kunden entwickeln und nicht nachher korrigieren. Schnell fanden wir in den Mitarbeitern der Klartext-Initiative Verbündete. Salopp gesagt ist die Werkstatt ein Marktplatz für Fragen – von ERGO Mitarbeitern an Kunden. Der Vorteil ist, dass wir hier Schnelligkeit und Nähe zu den Meinungen unserer Kunden gewinnen.“ - Stefan Laufer, er ist Senior Consultant in der Firma, die die Kundenwerkstatt für ERGO entwickelte.

Wieso schaff t Ihr Provisionen nicht einfach ab?

„Wir zahlen unseren Vertriebspartnern Provisionen, damit sie Kunden vor Vertragsabschluss beraten. Das ist oft mit großem Zeitaufwand verbunden, denn es gilt alle Versicherungsfragen zu klären. Unsere Vertriebspartner stehen ihren Kunden auch nach Vertragsabschluss mit Rat und Tat zur Seite. Deshalb zahlen wir nicht nur Provisionen, wenn der Vertrag abgeschlossen wird, sondern auch während der Laufzeit des Vertrags, um die laufende Betreuung zu honorieren. Weil Provisionen das Einkommen unserer Außendienstpartner sichern, ermöglichen sie es übrigens auch, dass sich Kunden unverbindlich beraten lassen können.“ - Markus Bernhard, Leiter der Vertriebssteuerung
der ERGO-Gruppe.

Wie wirkt sich die Klartext-Initiative auf Eure Arbeit aus?

„Die Klartext-Initiative ist mittlerweile fest im Leistungsservice etabliert und wirkt sich auf alle Arbeitsbereiche aus. Alle Mitarbeiter hier sind viel sensibler geworden. Ich arbeite seit 23
Jahren bei der DKV – klare und verständliche Kommunikation gewinnt auch für mich immer mehr an Bedeutung.“ - Elke Spelge, Abteilung Leistungsservice DKV

Während in New York die Polizei die Prostituierten vom Times Square vertrieb und in London das Vergnügungsviertel Soho von einem Immobilien-Boom übermannt wird, leidet das Rotlichtmilieu in Zürich auch unter den Auswirkungen der Bankenkrise von 2008. Damals musste die UBS AG, die größte Schweizer Bank, vom Steuerzahler gerettet werden.

Seit 2009 ist die Zahl der Vollzeitkräfte bei Finanzdienstleistern in der Schweiz um 6000 auf 105.000 gefallen, zeigen Statistiken der Schweizerischen Nationalbank. Auch der Anteil der Bankenbranche an der nationalen Wirtschaft hat sich dem Forschungsinstitut BAK Basel zufolge verringert.

In Zürich ist die Straßenprostitution in bestimmten Gegenden und zu vorgegebenen Zeiten erlaubt. Jeder Sexarbeiter benötigt eine Prostitutionsgewerbebewilligung der Polizei, wie aus dem Handbuch Straßenstrich der Stadt hervorgeht.

Kommentare (2)

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Herr Wolfgang Trantow

03.09.2014, 16:55 Uhr

Wieso sollen die Bankkunden die Bordellbesuchen bezahlen? Reichen den abzockenden, versagenden Banker nicht mehr die Boni, widerrechtlich genommen, bezahlt von den Bankkunden??

Herr Salvatore Bonpensiero

03.09.2014, 17:17 Uhr

Wenn jemand durch die Boni abgezockt wird, dann sind es in erster Linie die Aktionäre, also die Beteiligten bzw. Eigentümer. Denn die Banken-Manager haben gegen die Interessen der Eigentümer das Betriebsvermögen vernichtet (siehe Aktienkurs-Entwicklung von minus 50-85%), der Branche und den Unternehmen irrsinnige Image-Schäden zugefügt, und sich dabei persönlich noch selbst bereichert und belohnt (und tun es wohl auch weiterhin, wo es geht).

Es trifft dabei aber auch die Richtigen. Denn der/die Eigentümer geben die Geschäftspolitik vor und überwachen schließlich per Hauptversammlung und eingesetztem Aufsichtsrat die Unternehmens-Führungen, sprich Manager des operativen Geschäfts. Also meinerseits kein Mitleid. Aber alles auf so billige Parolen zu reduzieren wie "die armen Bankkunden werden abgezockt" o.ä. ist mir zu simpel und plump...

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