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11.08.2017

09:38 Uhr

Fipronil-Skandal

Das belastete Ei zieht durch Europa

In Deutschland sollen die Verbraucher wieder mit ruhigem Gewissen Eier kaufen können. Auch Aldi füllt seine Regale wieder auf. Einige Länder erfahren aber erst jetzt, wie groß das Problem für sie ist.

Durch Untersuchungen im Labor wird klar, wo die belasteten Eier überall in Europa gelandet sind. Reuters

Fipronil-Skandal

Durch Untersuchungen im Labor wird klar, wo die belasteten Eier überall in Europa gelandet sind.

Mülheim/EssenDer Skandal um mit Fipronil belastete Eier zieht in Europa immer weitere Kreise – deutsche Verbraucher sollen dagegen mit mehr geprüften Eiern in den Regalen rechnen können. Die Discounter Aldi Nord und Süd haben Eier wieder ins Angebot aufgenommen, nachdem sie Ende vergangener Woche sämtliche Eier vorsorglich verbannt hatten. Nur in Einzelfällen könne es noch zu Engpässen kommen, teilten die Supermarktketten mit. Die Eier, die jetzt in den Verkauf gehen, sollen auf das Insektizid getestet sein. In einigen Ländern kommt das Ausmaß betroffener Lieferungen aber gerade erst ans Licht – und die Ermittlungen werden konkreter.

Nach Deutschland wurden laut Bundeslandwirtschaftsministerium „rund 10,7 Millionen möglicherweise mit Fipronil belastete Eier aus den Niederlanden (...) geliefert“, wie die „Rheinische Post“ (Freitag) unter Berufung auf eine Antwort des Ministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion berichtet. Zuvor hatte Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) bereits von mutmaßlich zehn Millionen betroffenen Eiern gesprochen.

20 Tonnen mit Fipronil belastete Eier wurden zudem nach Dänemark geliefert. Das teilte die Behörde für Lebensmittelsicherheit am Donnerstagabend mit. Eine dänische Firma habe die gepellten und gekochten Eier von einem belgischen Händler bezogen – produziert wurden die Eier demnach aber in den Niederlanden. Die Belastung mit dem Insektengift sei zwar nicht gesundheitsschädlich, aber zu hoch für den Verkauf.

Viele Details im Eier-Skandal noch ungeklärt

Was ist mit dem für den Verzehr gedachten Geflügelfleisch?

Nach Expertenangaben ist das Fleisch von Mastgeflügel höchstwahrscheinlich nicht mit Fipronil belastet. Legehennen sind keine Masttiere und in der Regel nicht für den Menschen bestimmt. Das in den Legeställen verwendete Mittel, das Fipronil enthielt, wurde wegen der Roten Vogelmilbe eingesetzt, die die Legehennen befällt. Das Problem hängt vor allem mit der langen Zeitspanne zusammen, die Legehennen in den Ställen verbringen – bis zu anderthalb Jahre. Die Mastdurchgänge sind deutlich kürzer: Masthähnchen stehen zwischen 28 und 42 Tage im Stall. Das Milbenproblem stellt sich nach Angaben der Geflügelwirtschaft damit nicht. Bislang sind nur in einem einzigen Mast- oder Zuchtbetrieb in Belgien Fipronil-Tests positiv ausgefallen.

In wie vielen Betrieben wurde Fipronil nachgewiesen?

In den Niederlanden sind bislang 138 Betriebe bekannt geworden, die das mit Fipronil kontaminierte Mittel Dega-16 benutzt haben. In Deutschland sind es fünf Betriebe in Niedersachsen: Vier Hühnerfarmen in den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Leer, eine Junghennenaufzucht im Emsland. Alle Betriebe liegen in der Nähe der niederländischen Grenze. Dazu kommt eine Postfachadresse, die letztlich wieder in die Niederlande führt. Die Hintergründe dazu sind noch nicht aufgeklärt.

Wie ist der Stand in Belgien?

Die Staatsanwaltschaft Antwerpen ermittelt wegen Betrugs – schließlich wurde einem erlaubten Insektengift mutmaßlich der dafür verbotene Zusatzstoff Fipronil beigemischt. Zu Details will sich die Behörde bis Mitte August nicht äußern. Ein erster Verdachtsfall wurde der Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK am 2. Juni bekannt. Die Meldung an das europäische Schnellwarnsystem erfolgte aber erst am 20. Juli. In einem von Agrarminister Denis Ducarme angeforderten Bericht soll die FASNK nun unter anderem erläutern, warum es so lange dauerte bis zur Warnmeldung. Aktuell sind 51 Geflügelhöfe in Belgien gesperrt.

Wie funktioniert der Informationsaustausch unter den EU-Staaten?

Wenn ein Land ernste Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Lebens- oder Futtermitteln feststellt, gibt es diese Informationen weiter an das so genannte Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel. Mit dabei sind alle 28 EU-Staaten sowie Norwegen, Liechtenstein, Island und teilweise auch die Schweiz. Die nationalen Behörden entscheiden dann, ob sie Produkte zurückhalten, vom Markt nehmen oder Verbraucher warnen. Die Brüsseler EU-Kommission betreibt diese elektronische Plattform.

Was passiert mit den Hennen in den Ställen?

Was mit den gut 125.000 Hennen in den betroffenen und gesperrten deutschen Betrieben passieren soll, weiß noch keiner. Die Landwirte hoffen, dass die Tiere das Fipronil wieder abbauen und wieder unbelastete Eier legen. Diese könnten unter Umständen wieder vermarktet werden. Nach Angaben des niederländischen Bauernverbandes LTO müssen in den kommenden Tagen mindestens eine Million Hühner in etwa 150 Geflügelbetrieben getötet werden. Bis jetzt seien bereits „mehrere Hunderttausend“ Hühner getötet worden. Wie viele Tiere tatsächlich getötet werden müssten, sei noch unklar. Ob auch in Deutschland am Ende Hennen wegen des Fipronil-Skandals getötet werden sollen, steht noch nicht fest.

Was macht die Justiz in Deutschland?

In Niedersachsen führt die Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungsverfahren gegen die Landwirte, die das Mittel verwendet haben sollen. Auch wenn sie möglicherweise nicht gewusst hätten, dass das eigentlich harmlose Mittel Dega-16 mit Fipronil kontaminiert war, hätten sie dennoch unerlaubterweise mit dem Insektizid belastete Eier verkauft, so die Staatsanwaltschaft. Damit könne der Straftatbestand des § 58 Lebensmittel- und Futtergesetzbuches (LFGB) erfüllt sein. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob Vorsatz oder Fahrlässigkeit im Spiel war.

Sinken wegen des Skandals die Eier-Preise in den Geschäften?

Nein, sagt Margit Beck von der Marktinfo Eier und Geflügel in Bonn. „Der Handel hat sich in festen Lieferbedingungen mit Eiern versorgt und feste Verträge für ein Jahr geschlossen.“ Wegen des Sommers sei die Nachfrage nach Eiern momentan ohnehin etwas geringer. Weil derzeit niederländische Eier in Deutschland nicht mehr verkauft werden, seien die Preise im Großhandel jüngst gestiegen. Aber Prognosen seien schwer: „Der Markt ist so unübersichtlich, wie ich es in zwanzig Jahren noch nicht erlebt habe.“

Großbritannien geht mittlerweile von 700.000 belasteten Eiern aus, die importiert wurden. Das ist etwa 33 Mal so viel wie zunächst angenommen. Rumänien teilte am Donnerstagabend mit, die Behörden hätten eine Tonne flüssiges Eigelb mit Fipronil-Belastung sichergestellt – geliefert wurde die Ware demnach aus Deutschland. Das Eigelb soll nun verbrannt werden.

In Österreich verkauften zwei Großhändler Hunderte Kilo gekochter und geschälter Eier aus den Niederlanden, die mutmaßlich belastet sind, wie die Lebensmittelaufsicht mitteilte. Eine Rückrufaktion laufe. Für die Chargen hatte es demnach in Deutschland eine Warnung gegeben.

In Frankreich sind laut Landwirtschaftsministerium bislang nur Eier betroffen, die zur Weiterverarbeitung bestimmt waren. Fünf Betriebe haben demzufolge insgesamt 1,7 Millionen kontaminierte Eier aus den Niederlanden und aus Belgien bekommen. Auch Luxemburg, Schweden und die Schweiz sind vom Skandal betroffen – Spanien, Portugal und Italien nach ersten Erkenntnissen hingegen nicht.

Fipronil wird etwa bei Hunden gegen Hautparasiten wie Läuse, Milben und Flöhe eingesetzt. Die Anwendung bei Tieren, die Lebensmittel liefern, ist in der EU aber verboten. In hohen Dosen kann die Substanz für Menschen gefährlich sein. Wie sie genau wirkt, ist nicht bekannt. Nach ersten Erkenntnissen gab es laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) keine Befunde mit einem möglicherweise gesundheitsschädlichen Gehalt an Fipronil pro Kilogramm Ei.

Am Donnerstag nahm die niederländische Polizei in dem Skandal zwei Manager des Unternehmens ChickFriend fest, das im Zentrum der Ermittlungen steht. Die Männer stehen unter Verdacht, bei der Säuberung von Hühnerställen bewusst Fipronil eingesetzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit sowie den Besitz verbotener Substanzen vor. ChickFriend schweigt seit Tagen zu den Vorwürfen.

Die Festnahmen erfolgten nach Angaben der Ermittler im Zuge einer koordinierten Razzia in den Niederlanden und Belgien. Alle rund 180 niederländischen Eierproduzenten, bei denen mit Fipronil belastete Eier gefunden wurden, waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge Kunden von ChickFriend.

Von

dpa

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