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10.01.2013

16:28 Uhr

Fleischatlas

Deutschland bei Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung weit vorn

Offiziell ist Gesundheitsdoping mit Antibiotika in der Tierhaltung seit Jahren EU-weit verboten. Wirklich geändert hat das nichts, denn eine Stichprobe zeigt: Antibiotikaresistente Keime kommen immer häufiger vor.

Rinderhälften hängen in einem Kühlhaus. dapd

Rinderhälften hängen in einem Kühlhaus.

BerlinDeutschland liegt beim Einsatz von Antibiotika in der Tiermast weit vorn in Europa: Etwas mehr als 170 Milligramm pro erzeugtes Kilogramm Fleisch werden hierzulande jährlich verabreicht, wie der BUND in seinem am Donnerstag veröffentlichten „Fleischatlas“ schätzt. Einer Stichprobe der Grünen zufolge ist etwa frisches Schweinemett oft mit Keimen belastet, die gegen Antibiotika resistent sind.

Antibiotika hielten in Deutschland wie auch in anderen Ländern mit hohem Einkommen die meisten Tiere bis zur Schlachtung am Leben, heißt es im „Fleischatlas“ vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung. Zum anderen begünstigten diese Medikamente ein rascheres Wachstum der Tiere. Das sei in der EU zwar seit 2006 verboten, die Menge der eingesetzten Antibiotika habe seither jedoch nicht abgenommen. Häufig werde die ganze Herde behandelt, nicht nur ein krankes Tier.

Tiere bekämen in der Regel die gleichen Wirkstoffe wie Menschen; und entwickeln sie resistente Kolibakterien oder Salmonellen, könnten diese auch für Menschen gefährlich werden. Europaweit sterben jährlich rund 25.000 Menschen auf Grund von Antibiotika-Resistenzen, wie es im „Fleischatlas“ heißt.

Die Grünen-Bundestagsfraktion ließ im Dezember in zehn großen Städten an jeweils fünf Orten Schweinemett einkaufen - in Discountern, Supermärkten und Bäckereien. Die Produkte, etwa Zwiebelmettwurst, Mettbrötchen oder frisches Mett, ließ sie im Labor untersuchen. Demnach waren 16 Prozent der Proben mit antibiotikaresistenten Keimen belastet.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, und der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff kritisierten, Mastställe seien „quasi ein riesiges Trainingsgebiet für Keime, um resistent gegen Antibiotika zu werden“. Sie forderten, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast „deutlich“ zu reduzieren. Dies sei nur möglich, wenn die Größen der Herden verkleinert würden und die Tiere mehr Platz bekämen.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger kritisierte, es würden weiterhin neue Megaställe gebaut, deren Förderung Fleisch beim Discounter scheinbar billig mache. „Tatsächlich zahlen die Verbraucher einmal beim Kauf des Fleisches, dann mit Steuergeld für neue Ställe und Schlachthöfe und drittens für die Umwelt- und Gesundheitsschäden.“ Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) habe es nicht geschafft, hier Veränderungen einzuleiten. Der BUND setze sich dafür ein, bei der laufenden EU-Agrarreform die Vergabe der Subventionen an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen zu binden.

Aigners Sprecher Holger Eichele verwies auf die im September von der Regierung beschlossenen Änderungen des Arzneimittelgesetzes, die helfen sollen, den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast deutlich zu senken. Demnach sollen Tierhalter und Tierärzte den Einsatz von Antibiotika künftig noch umfassender dokumentieren, und Behörden sollen konkrete Vorgaben zur Tierhaltung machen können.

Mehrere Studien hatten einen übermäßigen Medikamente-Einsatz in der Tiermast aufgedeckt: Nordrhein-Westfalen etwa veröffentlichte Ende 2011 eine Untersuchung, wonach fast alle Hähnchen aus Mastbetrieben Antibiotika bekommen, und zwar zum Wachstums- oder Gesundheitsdoping. Niedersachsen kam zu ähnlichen Ergebnissen bei der Aufzucht von Kälbern und Schweinen.

Von

afp

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

11.01.2013, 08:53 Uhr

Wieder ein Beweis mehr, wie Wirtschaft und Politik, auf Kosten der Gesundheit von ca. 72 Millionen Bürger, zusammenarbeitet.
Bananenrepublik ist geschmeichelt!

Sonnenscheinchen

11.01.2013, 09:59 Uhr

"Antibiotika hielten in Deutschland wie auch in anderen Ländern mit hohem Einkommen die meisten Tiere bis zur Schlachtung am Leben..."

Wann fangen all die deutschen Konsumenten endlich an, diese Fakten beim Einkauf zu berücksichtigen? Damit, dass das Hähnchen für 1,99 nicht "glücklich" war, haben offenbar viele kein Problem. Wenn es aber um ihre eigene Gesundheit bzw. die ihrer Familie geht wachen hoffentlich einige mehr auf. Wenn keiner den Mist kauft, dann sind auch politische Eingriffe unnötig.

Petras

11.01.2013, 18:24 Uhr

Der Markt allein wird es nicht richten, wenn er natürlich auch eine wichtige Funktion hat. Gesetzliche Eingriffe sind nötig, denn es geht um die Gesundheit aller! Auch EHEC war ein ESBL und wurde natürlich nicht von Sprossen produziert. Bevor er auf diesen landete, (wenn überhaupt, bewiesen wurde das nie), kam auch er aus der intensiven Tierhaltung, denn er war achtfach antibiotikaresistent lt. RKI. Natürlich sind Fleischessser mehr gefährdet, doch muss im Interesse der Gesundheit aller die Politik endlich handeln. Das Aigner-Gesetz ist ein Witz und wird auch nach Ansicht von Tierärzten und anderen Fachleuten wenig bewirken.

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